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Freiheit der Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen


Von Martin Spiewak

Die CDU will Wissenschaftsfreiheit, aber nur für islamische Theologen.

Freiheit der Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen© WWU Münster - Peter GrewerProf. Dr. Muhammad Kalisch
Man stelle sich vor: Ein katholischer Theologe verneint die Existenz Jesu und verkündet, es sei egal, ob man an afrikanische Naturgötter oder an den Herrn der Bibel glaube. Rasch würde der Mann Ärger mit Rom bekommen.

Denn in Deutschland bestimmen die Kirchen mit, was über ihre Religion an Universitäten und Schulen gelehrt wird und wer dies tut. Nur den Muslimen soll die Mitsprache verwehrt werden - zumindest wenn es nach der CDU-Fraktion in Nordrhein-Westfalen geht.

Im September verkündete der Münsteraner Islamprofessor Muhammad Sven Kalisch, Mohammed habe es nie gegeben. Kürzlich legte er nach. In einem Aufsatz bezeichnete er alle Religionen als "Mythos". Normalerweise ist wissenschaftliche Radikalität erfrischend.

Die Universität brauchte sogar mehr davon. Aber Muhammad Kalisch ist nicht irgendein Professor. Vielmehr unterrichtet er Lehrer, die muslimischen Kindern ihren Glauben näherbringen sollen. Zudem besitzt er ein Monopol: Er ist der Erste und Einzige seines Faches in Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland mit den meisten Muslimen.

Deshalb ist es richtig, dass Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart darauf drängt, eine lange geplante zweite Professur in Münster schnell zu besetzen - und zwar im Dialog mit den islamischen Verbänden. Diese hatten nach Kalischs Erklärungen ihre Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl zurückgezogen. Doch ausgerechnet die CDU kritisiert das Vorgehen des Ministers und beschwört die "Freiheit der Wissenschaft". Jene Partei also, die am nachdrücklichsten für den bekenntnisorientierten Religionsunterricht eintritt, den nur solche Lehrer erteilen dürfen, die selbst Gläubige sind.

Wie schon beim Kopftuchverbot - mit gleichzeitigem Dulden der Nonnentracht - zeigt sich: Zwar sind laut Grundgesetz alle Religionen gleich. Aber wenn es um den Islam im Alltag geht, dann vergessen manche Politiker solche Grundregeln überraschend schnell.

Aus DIE ZEIT :: 04.12.2008

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