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Friedhof der Datenträger

Die Fragen stellte URS WILLMANN

Alljährlich zu Halloween hält Eric W. Steinhauer eine Vorlesung zur Kulturwissenschaft des Morbiden. Zum Beispiel über Bibliotheksmumien.

Friedhof der Datenträger© Ivan Mikhaylov - 123rf.deMumien und Bücher in einem Raum - Originale, die helfen, Gedanken aufzubewahren

DIE ZEIT:

Beim Begriff »Bibliotheksmumie« denkt man an vergessene Besucher. Oder an ein Buch, das nie ausgeliehen wurde.

Eric W. Steinhauer:

Der Begriff ist eine Kunstschöpfung. Es handelt sich um echte menschliche Mumien, die in einer Bibliothek als Teil des Bestands aufbewahrt werden. Sie zählen durchaus zu den Gegenständen meiner Forschung.

ZEIT:

Was haben Mumien und Bücher miteinander zu tun?

Steinhauer:

Das fragte ich mich auch. Als Jurist und Bibliothekar befasse ich mich mit Urheber- und Verwaltungsrecht. Zu Letzterem gehören auch Friedhofs- und Bestattungsrecht. Bei der Auseinandersetzung damit entdeckte ich plötzlich Interessantes: Bibliothek und Friedhof haben erstaunliche Gemeinsamkeiten.

ZEIT:

... es verwesen dort Dinge.

Steinhauer:

Das will ich nicht bestreiten. Ich meine aber etwas anderes: den Umgang mit Objekten. Die Arbeitsgänge in der Pathologie erscheinen mir sehr bibliothekarisch. Proben kommen an, erhalten Barcodes, werden aufbereitet, klassifiziert. Das machen wir genauso. Und wenn Sie frühe Bilder von Sektionen anschauen, sehen Sie die Leiche und daneben ein aufgeschlagenes Buch. In beidem wird gelesen.

ZEIT:

Da hat es Klick gemacht?

Steinhauer:

Ja, ich erinnerte mich an die Badische Landesbibliothek. Dort steht die Urne mit der Asche des Schriftstellers Alfred Mombert. Und in St. Gallen liegt seit 1836 die ägyptische Mumie Schepenese in der Stiftsbibliothek. So kam ich ins Nachdenken über Friedhöfe und Bibliotheken.

Halloween Lectures

Mit einer Lesung zum Friedhofsrecht fing alles an. 2010 folgte die Vampyrologie für Bibliothekare. Seither hält Eric W. Steinhauer, Dezernent an der Universitätsbibliothek Hagen, in jedem Herbst eine Halloween Lecture zu »bibliothekarischen Aspekten der Kulturwissenschaft des Morbiden«. Die Vampyrologie, stellte Steinhauer vor zwei Jahren fest, gehört zu den wenig beachteten Lehrgegenständen, aber gleichwohl seien »entsprechende Kenntnisse für jeden verantwortungsbewusst handelnden Bibliothekar unverzichtbar«. Nach dem Buch zur Vampyrologie ist auch die Publikation zur Lesung von 2011 im Eisenhut Verlag erschienen: »Theorie und Praxis der Bibliotheksmumie - Überlegungen zur Eschatologie der Bibliothek«. Darin beleuchtet der Autor das Schicksal der bekanntesten Exemplare. Neben der Mumie Schepenese in St. Gallen zählen dazu deren Kolleginnen in Wien, San Lazarro, Cambridge und Lissabon oder die deutschen Bibliotheksmumien in Kassel und Leipzig. Die diesjährige Lecture findet am 6. November um 18 Uhr im Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin statt: »Der Tod liest mit... Seuchengeschichtliche Aspekte im Buch- und Bibliothekswesen«.

ZEIT:

Beides Orte der Erinnerung.

Steinhauer:

Und beide sind wahre Speicher. Aber wo sich erinnert wird, wird auch viel vergessen. Es vergammelt, wenn Sie so wollen. Uns Bibliothekaren ist daher die Metapher von der Bibliothek als Friedhof durchaus geläufig.

ZEIT:

Aber warum liegen die Toten ausgerechnet zwischen den Büchern?

Steinhauer:

Bibliotheken und Museen haben einen gemeinsamen Vorläufer in der frühneuzeitlichen Wunderkammer. Man sammelte dort Bücher, Naturalien und andere kuriose Dinge. Einige Mumien sind in den Bibliotheken verblieben. Und ich stellte fest, dass dies kein Zufall war. Vielmehr ist eine gemeinsame ideelle Dynamik am Werk.

ZEIT:

Die wäre?

Steinhauer:

Es geht darum, Sterblichkeit zu überwinden, sich der Endlichkeit durch Aufbewahrung entgegenzustellen.

ZEIT:

Ist es denn erlaubt, Urnen und Leichen in Bibliotheken aufzubewahren? Müsste man die Mumien nicht begraben?

Steinhauer:

Mumien sind Kulturgut, für sie gelten besondere Vorschriften. Aber natürlich gibt es immer Debatten darüber, ob man Leichen oder Leichenteile zeigen darf. Speziell in Bibliotheken sind Einbände aus Menschenhaut kuriose Phänomene. Mit dem Nationalsozialismus hat das nichts zu tun, die Sachen sind älter. Bei diesen Objekten bilden Tod und Buch eine merkwürdige Symbiose: Leichenmaterial hilft, Gedanken aufzubewahren.

ZEIT:

Erlaubt in einem solchen Fall der Einband Rückschlüsse auf den Inhalt?

Steinhauer:

Sehr oft. Bibliophile nennen so etwas einen sprechenden Einband. Man kennt das von Kinderbüchern: Ein Teddybärbuch ist in ein Teddybärfell eingebunden. Genauso schützt manchen alten Anatomieatlas eine Menschenhaut.

ZEIT:

Normalerweise ist ein Buch simples Papier.

Steinhauer:

Oh nein. Genauso, wie wir bei Leichen sagen, da seien Persönlichkeitsrückstände drin, verbleibt im Buch ein Stück der Persönlichkeit des Autors. Wir sprechen ja auch von geistigem Eigentum des Autors. So kommen wir vom skurrilen Gedanken zur kulturwissenschaftlichen Perspektive: Wie gehe ich mit Verstorbenen um, wie mit Büchern?

ZEIT:

Bücherverbrennung geht da gar nicht.

Steinhauer:

Überhaupt nicht. Es gibt die Ansicht: Verbrennt man Bücher, verbrennt man bald auch Menschen. Der Gedanke ist nicht aus der Luft gegriffen. Man kennt Praktiken von Bücherbestattung. Im Judentum werden zerschlissene Thorarollen nicht weggeschmissen - sondern beigesetzt. Das Buch wird wie eine Person behandelt, ehrfürchtig. Es ist mehr als beschriebenes Papier. Daher auch die Betroffenheit, wenn eine Bibliothek brennt oder wenn Bücher weggeworfen werden. Wir Bibliothekare müssen ja unseren Bestand pflegen, ältere Exemplare und Doppelstücke aussortieren. Manche liegen 20 Jahre im Regal, staubbedeckt, keiner nutzt sie. Aber wenn wir sie in den Container werfen und die Öffentlichkeit kriegt es mit, herrscht Empörung: Das macht man doch nicht mit Büchern!

ZEIT:

Als die Herzogin Anna Amalia Bibliothek brannte, waren Entsetzen und Trauer riesig.

Steinhauer:

Als ob Menschen gestorben wären. Genauso beim Archiveinsturz in Köln. Obwohl die meisten, die geschockt waren, die Einrichtung und die Bestände nie genutzt hatten und sie auch nie benutzen würden. In unserer Rechtsordnung findet man übrigens erstaunliche Parallelen zwischen Leiche und Buch. Es ist gesetzlich, dass wir Tote würdevoll bestatten und sie eine Zeit lang das Recht haben zu ruhen. Vielerorts ist die Totenruhezeit auf dem Friedhof nach 30 Jahren vorbei. Eine ähnliche Komponente haben wir im Urheberrecht: Es endet 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Als Rechtssubjekt bin ich also am längsten präsent in den Schriften. Insofern kann man sagen: Die Bibliothek ist der nachhaltigste Friedhof.

ZEIT:

Sogar wenn das Urheberrecht abgelaufen ist, können wir die Bücher eines Autors noch lesen.

Steinhauer:

Wir schätzen das Individuum und legen auch bei Autoren, die 300 Jahre lang tot sind, großen Wert darauf, einen originalen Text in den Händen zu halten. Genauso bei den Mumien. Wir streben danach, das Individuum zu rekonstruieren. Schauen Sie sich den Ötzi an. Mit Röntgenstrahlen und Computertomografie holen wir so viel aus der Mumie heraus wie aus einem Datenträger. Dadurch lebt ein Individuum wieder auf. Wir schreiben Ötzis Krankheitsgeschichte, imaginieren seine Biografie. Reliquienverehrung funktioniert genauso. Das Recht ordnet zwar solchen Überresten längst keine Person mehr zu, aber kulturell bleibt diese darin lebendig.

ZEIT:

Dann scheint der Tod also doch nichts Endgültiges zu sein.

Steinhauer:

So täuscht man sich. Wie Petrarca würde ich vom dreifachen Tod sprechen. Zuerst stirbt man, später verliert man das Grab, und schließlich sind die Schriften weg. Was wir an kulturellem Gedächtnis betreiben, in Bibliotheken und Archiven, dient dazu, diesen dritten Tod aufzuhalten. Es ist faszinierend, Medienumbrüche in diesem Licht zu sehen. Vor dem Buchdruck existierten nur Handschriften - ein Unikat konnte schnell verloren gehen. Plötzlich aber gab es das Buch in Vielzahl. Man meinte, eine Art Ewigkeit geschaffen zu haben. Doch diese Freude wich bald einem Pessimismus: So viele Bücher! Man betrachtete die Bibliothek als Labyrinth, in dem man Dinge kaum findet.

ZEIT:

Die Onlinesuche hat dieses Problem gelöst.

Steinhauer:

Es gibt aber beim Internet dasselbe Problem. Erst dachte man: Wow, ich bin total entgrenzt, bin immer da. Aber irgendwann sprach man von der Informationsflut, die einen erschlägt. Letztlich hat die Digitalisierung jedoch Faszinierendes erreicht. Alte Bücher sind wieder da, fangen erneut an zu leben. Wollten Sie vor 30 Jahren einen Druck aus dem 17. Jahrhundert konsultieren, mussten sie zu ihm hinreisen und anfragen, ob sie ihn mit Baumwollhandschuhen anfassen dürfen. Heute laden Sie sich den Scan auf ihr iPad und lesen ihn im Park. Das Leben ist zurückgekehrt in das Werk.

ZEIT:

Wäre Ötzi mit seiner dicken Biografie nicht eine erstklassige Bibliotheksmumie?

Steinhauer:

Im Gegenteil, der ist klimatisch so aufbewahrt, dass er sich mit Büchern nicht gut verträgt. Die ägyptische Mumie dagegen zieht dem frostigen Ambiente das trockene Buchklima vor. Sie passt viel besser, zumal sie auch mehr textbezogen ist. Meistens findet man bei ihr ein Totenbuch. Und viele Mumien sind in beschriftete Binden eingewickelt oder tragen Masken aus altem beschriebenem Papyrus - ein erstklassiges Bestattungsmaterial, das in dieser Form recycelt wurde. Sie sehen: Das ist eine ganz andere Qualität von Mumie.

ZEIT:

Würden Sie selbst gern als Bibliotheksmumie konserviert werden?

Steinhauer:

Es entspräche nicht unserer heutigen Kultur, so was zu tun. Als Text in Bibliotheken verfügbar zu bleiben, finde ich dagegen eine schöne Vorstellung. Ein Leser nimmt die Gedanken in seinen Kopf und haucht ihnen wieder Leben ein.


Aus DIE ZEIT :: 25.10.2012

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