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Fünf Jahre Hochschulfreiheit in NRW

VON EWALD SCHERM

Eine nicht repräsentative Beobachtung.

Fünf Jahre Hochschulfreiheit in NRW© chelovek - iStockphoto.comEin Kommentar zum Hochschulfreiheitsgesetz in Nordrhein-Westfalen

Unternehmerische Universität

Nach wenig erfolgreichen Reformen in den 1960er und 1970er Jahren kam es jüngst zur größten Hochschulreform seit Jahrzehnten. Wie in anderen Ländern orientierte man sich an dem Leitbild des New Public Management, um die Leistungsprozesse effektiver und effizienter zu gestalten. Zielführend schien es, Freiräume durch geringere Regulierung zu schaffen, Entscheidungsblockaden akademischer Selbstverwaltung zu überwinden und die Hierarchie in Hochschulen zu stärken. Der Rückzug des Staates führte zur Finanz-, Organisations-, Personal- und Produktautonomie der Hochschulen, die damit für ihre Leistungen verantwortlich und rechenschaftspflichtig wurden. Hochschulräte erhielten teilweise weitreichende Entscheidungskompetenzen. Durch eine leistungsorientierte Mittelverteilung und einen steigenden Anteil der Drittmittel an der Forschungsfinanzierung erhöht sich der Konkurrenzdruck. Die Stärkung der Hochschule als Organisation wird flankiert durch die Änderung ihrer Rechtsform; in NRW sind die Hochschulen seit 2007 vom Land getragene, rechtsfähige Körperschaften öffentlichen Rechts. Dies bedingt eine stärkere hierarchische Steuerung, d.h. neue Kompetenzen der Leitungsebenen, aus denen neue Aufgaben für das Universitätsmanagement resultieren.

Neue Managementaufgaben

Der Erfolg einer Universität - und der ist nach dieser Reform von wesentlicher Bedeutung - hängt folglich davon ab, inwieweit es (dem Management) gelingt, den neuen Handlungsspielraum auszufüllen und eine starke Position der Universität im Wettbewerb aufzubauen. Die zentralen Rollen fallen dabei dem Rektor(at) und den Dekanen zu - ob diese wollen oder nicht. Wer Ziele für die Universität mit dem Ministerium vereinbart, muss nicht nur diese, sondern auch die Strategien zu ihrer Erreichung formulieren und - nicht zu vergessen - implementieren. Dabei lässt es sich nicht vermeiden, dass Veränderungen Gewinner und Verlierer zur Folge haben, wodurch Akzeptanzbarrieren entstehen, die es zu überwinden gilt.

Hochschulen in die Autonomie

zu entlassen, ja sie gar zu "entfesseln", war ein Ziel aller Reformen der vergangenen Jahre. Es ging um den Rückzug des Staates, darum, Freiräume durch Deregulierung zu schaffen, ja, um die Universität als Unternehmen. Wie sieht diese neu gewonnene Freiheit konkret aus? Beobachtungen aus Nordrhein- Westfalen.
Dieser Schritt in Richtung einer "normalen" Organisation erfordert neben der Übernahme der Managementrolle durch die Rektorate und Dekane vor allem die Anerkennung der Universität als Organisation durch die Professoren. Das sollte möglich sein, da die Autonomie der Universität zwar nicht gleichzeitig zu noch größerer Autonomie der Individuen führt, jedoch Wissenschaftsfreiheit durchaus mit Hochschulfreiheit kompatibel sein kann.

Aktuelle Beobachtungen

In NRW herrscht inzwischen rund fünf Jahre Hochschulfreiheit und die Universitäten schließen die zweite Zielvereinbarung nach der Reform. Dass am Anfang gerade die Aufgabe, Ziele und Strategien für die Universität als Ganzes zu formulieren, Schwierigkeiten bereitet hat, überraschte nicht. So kam es, dass die Erstellung des ersten Hochschulentwicklungsplans (HEP) an der beobachteten Universität über lange Zeit mit teilweise sehr wenig Interesse der Beteiligten und vor allem der Betroffenen verlief. Der Senat, das einzige verbliebene akademische Gremium, nahm den HEP ohne nennenswertes Interesse zur Kenntnis - Hauptsache, am Status quo wurde nichts geändert. Erst der neue Hochschulrat als letzte Instanz, weniger am Status quo als an der zukünftigen Entwicklung interessiert, thematisierte die eklatanten Belastungsunterschiede und die eigentlich notwendige Ressourcenumverteilung, die aufgrund des Generationenwechsels möglich war - er forderte zur Überarbeitung auf. Dass der überarbeitete HEP trotz gravierender Änderungen des Studienangebots und der Ressourcenverteilung ebenfalls die Zustimmung des gleichen Senats fand, lag dann vor allem an dem Verhältnis Gewinner zu Verlierern. Den gesamten HEP beachtete, soweit möglich, im Weiteren niemand - was keinen überrascht, der Universitäten kennt. Wer nun glaubt, dass beim zweiten Mal vieles besser oder zumindest anders gemacht wird, weil individuelle und organisatorische Lerneffekte nicht einmal an Universitäten unmöglich sein sollten, wird enttäuscht. Der neue Planungsprozess beginnt nicht vor, sondern erst deutlich nach dem Auslaufen des HEP, mit der Fortschreibung der bisherigen (unbeachteten!) Planung in einem "bottom up" startenden Gegenstromverfahren. Bisherige Ziele und deren (Nicht-)Erreichung, aber auch der Blick in die Zukunft sind in der Planungsperiode nicht Gegenstand der universitären Diskussion. Die anstehende Zielvereinbarung konfrontiert die Universitätsleitung jedoch mit der Realität. Der Rektor kritisiert im Senat undifferenziert und durch nichts belegt die Forschungsleistung der Professoren, stellt eine grundlegend neue Gewichtung der Ziele in Aussicht und verkündet einen Abschluss der strategischen Planung über die Sommerpause. Die Senatoren sind davon nur wenig, die Dekane nicht berührt - wohl in dem Bewusstsein: "Lass die machen, was sie wollen, wir machen es auch."

Nach der Sommerpause - die Zeit drängt - liegt ein HEP-Entwurf vor, der das Ziel einer Profilbildung nicht verfolgt und - vorsichtig formuliert - als interpretationsoffen bezeichnet werden kann. Nach einer Senatsbefassung wird der Entwurf für alle überraschend vom Rektorat zurückgezogen - man will Planung und Planungsprozess im neuen Jahr noch einmal grundsätzlich überdenken. Dass in der Zwischenzeit die Zielvereinbarung geschlossen werden muss und inhaltliche Zusammenhänge mit dem HEP möglicherweise nicht völlig vermieden werden können, scheint man nicht (als Problem) zu sehen. Wie vereinbarte Ziele erreicht werden sollen, wird noch nicht thematisiert. Welche Ziele mit dem Ministerium vereinbart werden (müssen), scheint die Universität nicht weiter zu interessieren. Wie diese erreicht werden, scheint die Universitätsleitung nicht zu interessieren. Damit besteht nicht nur ein "Interessengleichgewicht", sondern auch auf beiden Seiten vermutlich die Absicht, für die nächsten Jahre ein Nebeneinander externer Zielvereinbarung, interner Wunschziele der Leitung und unverbindlicher Aussagen der Fakultäten zu etablieren. Einem universitären Zielsystem und Überlegungen, wie einzelne Ziele erreicht werden, wird man sich möglichst lange nicht nähern - schließlich hat man das noch nie gemacht. Aber auch an dieser Universität wird man erkennen (müssen), dass angesichts der neuen Rahmenbedingungen weder Managementaufgaben ignoriert werden können noch die bisherigen Formen des Widerstands gegen "hierarchische Entscheidungen" erfolgversprechend sind. Bleibt nur zu hoffen, dass es im beobachteten Fall nicht zu spät sein wird, die Chancen der Autonomie zu nutzen.


Über den Autor
Professor Ewald Scherm lehrt Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation und Planung, an der FernUniversität in Hagen.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2012

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