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Für Wildwuchs im europäischen System

von Ulrich Schollwöck

Über die Attraktivität des europäischen Hochschulraums.

Für Wildwuchs im europäischen System© Iosif Szasz-Fabian - Fotolia.comDer europäische Hochschulraum - was macht ihn international attraktiv?
Gegenwärtig wird Europa weltweit meist als krisengeschüttelter Kontinent wahrgenommen. Betrifft dies auch die europäischen Hochschulen? Wie können sie sich, gerade auch die deutschen, derzeit im vielbeschworenen internationalen Wettbewerb behaupten? Wo liegen ihre Stärken? Welches sind die Probleme? Eine Analyse.

Im Rahmen der Auseinandersetzung mit der Attraktivität des europäischen Hochschulraums gibt es sehr viele Umfragen, Studien, Hochschulforschungsvorhaben zu unterschiedlichsten Aspekten. Man weiß aus Statistiken etwas über die Zufriedenheit in Studiengängen, über die Erwartungshaltungen von Studenten und dergleichen mehr. Die Erstellung wissenschaftlich belastbarer Statistik kann ich persönlich nicht leisten. Deshalb habe ich mich dazu entschlossen, meine ganz private Umfrage zur Binnensicht durchzuführen, ebenso empirisch wie unwissenschaftlich, unter Angehörigen des europäischen Hochschulraums, unter Studenten, Mitarbeitern und Kollegen, denen ich an diversen Orten begegnet bin, an die es mich wissenschaftlich gerade hinverschlagen hatte - Lausanne, Genf und natürlich meinen Heimatstandort München, in Uni-Kneipen, Cafés und Biergärten. Im Rahmen dieser Umfrage habe ich mich zunehmend geärgert. Ziemlich unisono waren die Antworten darauf, was den europäischen Standort attraktiv mache, in etwa wie folgt: "Na, viel Spaß mit dem Thema!" Oder: "Mir fällt nichts ein, warum es in Europa attraktiv sein soll." Zum Abschluss in der Regel als Höhepunkt: "Na ja, das Studium ist viel billiger als anderswo. Das wird's dann wohl sein."

Die erste unstrukturierte Diagnose, die ich erstellen konnte, ist, dass ganz offensichtlich die von mir Befragten, vor allem eingeborene Europäer verschiedenster Nationalitäten, ihren eigenen Hochschulraum, ihre eigenen Hochschulen nicht attraktiv finden. Vielleicht bin ich nur an die letzten Defätisten geraten, aber die unmittelbare Überlegung, die sich mir aufdrängte, war natürlich, wie ein Wissenschaftsstandort für andere attraktiv sein soll, wenn er schon den natürlichen Insassen selbst nicht gut erscheint. Mut macht mir da ein Hinweis von Ulrich Steinmüller von der TU Berlin mit seiner langjährigen Chinaerfahrung, dass Hunderttausende von Chinesen dadurch nicht davon abgeschreckt würden, in Europa zu studieren. (Allerdings hat er auch darauf hingewiesen, dass Chinesen bereit sind, für ihre Ausbildung enorme Härten auf sich zu nehmen.) Auf jeden Fall aber besteht offensichtlich eine enorme Diskrepanz zwischen der tapferen Internationalisierungs- und Exzellenzrhetorik der Generalstäbe in der Etappe, sei es der Ministerien oder der Universitätsleitungen, einerseits und den Wahrnehmungen an der Front von Forschung und Lehre andererseits.

Ausdrücklich sei betont, dass ich keinesfalls implizieren möchte, dass die einen Recht haben und die anderen Unrecht; darum habe ich mich nach dieser Umfrage auch so geärgert - ich werde darauf zurückkommen. Denn es ließe sich auch aus Binnensicht sehr viel Positives für den europäischen Hochschulraum anführen. Allerdings sollten wir uns schon der Frage stellen, der wir bei aller Diskussion über Hochschulen in Europa kaum Raum geben: Wie kann es dazu kommen, dass es eine so enorme Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung der Agierenden, der Studenten, Mitarbeiter und Professoren einerseits und der offiziellen wissenschaftspolitischen Rhetorik andererseits gibt? Ohne diese Diskussion scheint es mir schwer, den europäischen Hochschulraum international attraktiv zu machen oder der vorhandenen Attraktivität zum Durchbruch zu verhelfen. Zunächst einmal schienen mir viele der Befragten von mangelnder Identifizierung und von mangelndem Stolz im Hinblick auf ihre Institution geprägt. In Deutschland ist dies in den letzten Jahrzehnten in den Hochschulen auch systematisch ausgetrieben worden und es vielleicht erst in den letzten Jahren etwa durch die Exzellenzinitiative wieder zu einem gewissen Rollback gekommen, dass man auch wieder auf die eigene Institution stolz sein durfte, die nicht wie alle anderen sein musste. An einem Oxforder oder Cambridge College natürlich stellt sich das ganz anders dar, was Stolz und Identität angeht, es ist ja ohnehin schwer, über "den" europäischen Hochschulraum insgesamt zu sprechen. Ich werde mich daher vor allem auf den deutschen Hochschulraum konzentrieren.

Bei genauerem Nachfragen schien mir vor allem eine enorme Frustration zu herrschen, dass auf der einen Seite von Marketing- und Presseexperten Hochglanzbroschüren entworfen werden, wie herausragend unsere Hochschulen seien, die aber in Wirklichkeit auch da, wo sie gut da stehen, vielleicht doch nicht überall das Niveau von Harvard erreichen, vom Rest ganz zu schweigen. Es ist diese Diskrepanz, die relativ zynisch wahrgenommen wird. Ich glaube, sehr viele Studenten bis zu den Professoren fühlen sich im Moment auch irritiert von der enorm hohen Sequenz an Reformen aller Art, die vielerorts als Trommelfeuer wahrgenommen werden und deren Sinn und Nützlichkeit relativ wenig erläutert wurde.

Es ist nur natürlich, dass bei immer höherer Schlagzahl dieser Reformen ein Gefühl entsteht, dass es mit den eigenen Institutionen wirklich arg bestellt sein muss. Hier, glaube ich, besteht ein enormer Handlungs- und Diskussionsbedarf. Denn im Moment werden auf der Ebene des Professors, der einen Lehrstuhl hat und die Vorgänge nicht nur aus der Perspektive eines Wissenschaftsfunktionärs sieht, die Verlautbarungen von oben letztlich mit dem gleichen Zynismus aufgenommen, der wohl früher bei der Lektüre totalitärer Massenmedien vorgeherrscht hat, wenn diese Pamphlete überhaupt gelesen werden. Es gibt eben nicht nur einen Vertrauensverlust zwischen Universität und Gesellschaft, darüber wird ja relativ viel gesprochen, sondern es gibt meiner Meinung nach auch einen enormen Vertrauensverlust zwischen der Institution und ihren Angehörigen. Die Frage ist natürlich, wie können wir Lösungen finden? Ich sehe mich nicht imstande, hier einen größeren Satz an Lösungen anzubieten, der uns als selbstbewusste Institutionen auftreten ließe. Offensichtlich sind es nicht die Potemkinschen Dörfer und die durchsichtige Exzellenzrhetorik der letzten Jahre, sondern es ist wohl eher die Kärrnerarbeit, funktionierende Strukturen aufzubauen. Interessant ist zum Beispiel das neue Freiburger Modell eines breit angelegten Studiums. Ein Absolvent dieses neuen Modells könnte sich zu Recht hinterher als stolzer Alumnus fühlen und dann ein entsprechendes Bild dieser Institution in die Welt tragen. Allerdings sollten wir uns da nichts vormachen. Dieser Prozess wäre ein jahrzehntelanger Prozess. Gleichzeitig scheint es mir wichtig, die Reformgeschwindigkeit in unserem System und die Hektik zu reduzieren, um das Gefühl von permanenter Unzulänglichkeit zu verringern und damit wieder mehr Willen zur Eigeninitiative in die Institutionen hineinzutragen.

Es bleibt die Frage: Was aber macht denn tatsächlich den europäischen Hochschulraum im Moment international strukturell attraktiv? Aus der Sicht des Studierenden mag es in der Tat sein, dass der europäische Hochschulraum zumeist billiger ist. Wenn wir jetzt an Großbritannien denken, ist das natürlich offensichtlich nicht der Fall, wenn wir an deutsche Universitäten denken mit 0 bis 1000 Euro Studiengebühren pro Jahr, ist es im internationalen Vergleich sehr billig, was für chinesische und neuerdings auch englische Studenten ein enorm attraktiver Aspekt zu sein scheint. Gleichzeitig weist Europa eine enorme Vielfalt der Institutionen auf, viel mehr als zum Beispiel die Vereinigten Staaten: Zwar haben diese ein sehr stark abgestuftes System - so kann man hier zum Beispiel an die verschiedenen Stufen des California University Systems denken - aber im Wesentlichen sind die amerikanischen Institutionen doch immer nach dem gleichen Schema gestrickt. Außerdem scheint mir an europäischen Universitäten in den letzten Jahren das Bemühen um Internationalität enorm zugenommen zu haben und teilweise sehr groß zu sein. Internationalität besteht ja nicht darin, dass man einfach alles so macht, wie man es ohnehin macht, nämlich wie in den USA seine Vorlesungen und Studienprogramme auf Englisch anzubieten und dabei den Vorteil auszunutzen, die lingua franca als selbstverständliche Unterrichtssprache zur Verfügung zu haben.

Weiterhin sind die europäischen Institutionen in einen großen, vielfältigen kulturellen Raum eingebettet, genau den, der das moderne System der Universität auch hervorgebracht hat. Über einen längeren Zeitraum gesehen hat immer noch Europa einen Großteil der Gegenstände des universitären Denkens hervorgebracht. Dieser Beitrag wird natürlich zunehmend weniger, da andere Weltgegenden mit in den Vordergrund treten, was aber doch immer das Ziel beim Wort genommener Entwicklungspolitik gewesen sein sollte. Für wissenschaftliche Mitarbeiter, dabei denke ich jetzt vor allem an Postdoktoranden, ist zumindest in Deutschland im Augenblick die Aussicht auf Nachwuchsstellen, die Entwicklungspotenzial haben und eigene Arbeitsgruppen mit sich bringen, wie zum Beispiel im Emmy Noether-Programm, beim Sofja Kovalevskaja-Preis, aber auch in der Exzellenzinitiative, überdurchschnittlich gut. Wir merken das auch daran, dass wir gute Leute aus aller Welt anziehen. Der Preis dafür, den sollten wir nicht wie so oft verschweigen, ist das enorme Problem der Perspektive. Zumindest der deutsche Hochschulraum generiert zwar enorme Nachwuchsqualifikationsmöglichkeiten, allerdings relativ wenig Aussichten auf permanente Stellen für diese Wissenschaftler, weit über den nötigen Wettbewerb und Ausleseprozess hinaus. Insofern führt Deutschland im Moment gerade ein enormes Qualifikationsprogramm für Wissenschaftler in aller Welt durch: Deutsche, die mangels inländischer Perspektive ins Ausland gehen müssen, oder eben Ausländer, die ohnehin gerne wieder zurückgehen wollen. Über normale wissenschaftliche Wanderbewegungen scheint das hinauszugehen. Ob das für Deutschland jetzt sinnvoll ist oder nicht, sei dahin gestellt, aber für einen ausländischen Forscher könnte es sehr attraktiv sein, eine Zeit an einem gut ausgestatteten Institut in Deutschland allein unter dem Mitnahmeeffekt zu sehen und dann eben ins Ausland mit den hier erworbenen Kenntnissen zurückzugehen.

Wie dem auch sei: Man sollte hervorheben, dass es einzelne Institutionen in Europa gibt, die ohne Zweifel mit den besten Institutionen der Welt mithalten können. Da muss man nicht nur an Oxford und Cambridge denken, wir bieten das auch kontinentaleuropäisch, die ETH in Zürich zum Beispiel, die Ecole Normale Superieure in Paris, aber auch andere Institutionen, die nicht so im Vordergrund stehen. In einer kürzlich erschienenen Studie zu den weltweit führenden Standorten der Physik kamen neben Boston, Los Angeles und den üblichen Verdächtigen aus dem angelsächsischen Raum eben auch Zürich, München und Karlsruhe. Das sind Beobachtungen, die wir stärker in den Vordergrund stellen sollten. Ein weiteres Indiz dafür, dass unser Hochschulraum attraktiv ist, ist der Wettbewerb um die Alexander von Humboldt-Professuren, die bekanntlich mit 3,5 bis 5 Millionen Euro sehr attraktiv ausgestattet sind. Es bewerben sich herausragende Wissenschaftler aus aller Welt, die diese Professuren in Deutschland gerne annehmen wollen, und es sind nicht nur hervorragende, im Ausland tätige Deutsche, die wieder nach Hause zurückkehren wollen, sondern es sind auch "echte" Ausländer, die mit Deutschland ansonsten nichts verbindet. Auch eine Max-Planck-Direktorenstelle ist immer noch eine der attraktivsten Formen, Wissenschaft zu betreiben.

Ein weiterer Aspekt, der im Augenblick wohl speziell für Deutschland gilt, ist, dass in Deutschland für den Forscher der Zugang zu Drittmitteln und die Ausstattungssicherheit enorm hoch sind: Wir verfügen im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern über eine laufende Grundausstattung, was in den USA völlig undenkbar ist. Wenn ich an die National Science Foundation denke, die für mich als theoretischem Physiker der potentielle Hauptgeldgeber gewesen wäre, als die Option auf einen Wechsel in die USA bestand, so hätte ich mich auf eine statistische Erfolgsquote meiner Anträge von etwa zehn Prozent einstellen können. Bei zehn Prozent Erfolgsquote geht es nicht mehr um Leistung, sondern handelt es sich um Lotterie. Und es passiert auch Nobelpreisträgern, plötzlich von einem Tag auf den anderen ohne Weiterfinanzierung dazustehen. Die Schattenseiten unseres Systems möchte ich hier nicht betonen, ich will ja dem Defätismus entgegentreten. Dennoch stimmt es nachdenklich, dass Studien wiederholt feststellen, dass eine Hauptkritik ausländischer Interessenten am deutschen System die nicht konkurrenzfähigen Gehälter auf Professorenebene sind.

Doch nochmals zu meiner kleinen Privatumfrage: Das wichtigste Argument für Europa kam von einem Nichteuropäer in Genf: ihn würde in Europa vor allem die Nähe faszinieren. Was hat er mit Nähe gemeint? Es stellte sich heraus, dass wir eben nicht nur einen enormen Artenreichtum von europäischen Institutionen haben, sondern dass sich diese in aller Regel in unmittelbarer geografischer Nachbarschaft und damit auch in konkurrierender Nähe befinden. Die Universitäten von Aachen und Maastricht sind sehr unterschiedlich, aber gerade einmal 50 km voneinander entfernt, was durchaus das Geschäft belebt: da denken auch viele deutsche Studenten über ein Studium dort nach und umgekehrt. Denn auch in Zeiten der Globalisierung dürfen wir nicht vergessen, dass es ganz kleinteilige, aber fruchtbare regionale Wettbewerbe gibt. Angesichts dieser Kleinteiligkeit und Unstrukturiertheit mag man sich dann fragen, warum sich denn eigentlich das europäische Hochschulmodell - was auch immer das sein mag in seiner hochgradigen Ausdifferenziertheit - international durchgesetzt hat? Welche besonderen Eigenschaften waren das, die uns den Weg weisen könnten, wieder zu einer führenden Attraktivität dieses Raumes zurückzufinden? Denn das europäische Modell höherer Bildung war ja nicht das erste System weltweit, das ähnliche Ziele verfolgt hat. Akademien, hohe Schulen hat es auch in anderen Kulturen schon immer gegeben.

Auch das europäische Hochschulsystem ist durch ein enormes Auf und Ab gekennzeichnet. Wenn wir etwa an eine Institution denken wie Oxford, die jetzt auf eine bald tausendjährige Geschichte zurückblickt, ist es ja durchaus nicht so, dass das heutige College-Modell, das jetzt der Ewigkeit anzugehören scheint, der Ausgangspunkt war. In einzelnen Oxforder Colleges, etwa St. Edmund Hall, klingt in dem Namen "hall" noch an, dass es eine vorherige Art der Universitätsstruktur gab, die sich offensichtlich nicht bewährt hat. Die "halls" waren letztlich reine dormitories, die von dem Lehrbetrieb getrennt waren. Das College als eine Einrichtung, die Lehren, Wohnen und Lernen miteinander vereinigt, ist eine erst später entstandene Institution in Oxford und nicht einfach aus einer klosterartigen Struktur hervorgegangen, wie man es sich angesichts ihrer Architektur leicht ausmalen könnte. Die Universitäten sind auch zwischenzeitlich völlig eingebrochen, sonst hätte es sich im 17. Jahrhundert nicht als nötig erwiesen, überall in Europa Akademien zu gründen, um Wissenschaft adäquat zu betreiben. Systembrüche hat es offensichtlich gegeben. Es gab auch berühmte Universitäten, die heute keiner mehr kennt. Als Deutscher würde ich da zum Beispiel an die Universität Altdorf bei Nürnberg denken, von deren einst enormer Bedeutung heute fast niemand mehr weiß. Die Liste von einst blühenden Institutionen, die völlig ins Nichts verschwunden sind, nicht einmal nur auf Sparflamme weiterkochen, ließe sich leicht fortsetzen.

Auch die Institutionen, die wie Oxford auf Jahrhunderte der Tradition zurückblicken, haben enorme Brüche erlitten: für Oxford und Cambridge gab es Jahrhunderte, in denen sie wissenschaftlich wenig beigetragen und die Elitebildung nur dadurch geleistet haben, dass es keine echte Konkurrenz oder Alternative gab. Weiterhin ist die europäische Hochschule dadurch besonders, dass es sie schon immer in verschiedensten Modellen nebeneinander gegeben hat: das englische College-Modell, das System der Grandes Ecoles ab etwa 1792 in Frankreich und dann eben die Humboldtsche Universität, deren Charakter ich hier nicht ausführen möchte, und dergleichen mehr.

Aus Sicht vieler ist es das Humboldtsche System, das sich international durchgesetzt hat, da die USA es im Wesentlichen kopiert haben, auch wenn sie die englischen Benennungen eingeführt haben. Manche würden ja soweit gehen zu sagen, dass es heute die einzigen deutschen Universitäten in den Vereinigten Staaten gibt. Aber auf eine bestimmte Weise kommt ja alles, was so im Laufe der Jahrhunderte durchlaufen wurde, in Schleifen wieder: an vielen Orten werden derzeit, wie etwa in Freiburg, collegeartige Modelle etabliert oder zumindest angedacht, die einen ganz alten Universitätsbegriff wieder aufleben lassen, in dem letztlich fast schon verloren gegangene Fähigkeiten wie das anspruchsvolle Lesen, Schreiben und Sprechen als Grundfertigkeiten akademischer Bildung wieder eingeübt werden. Die Schleifen werden natürlich vor dem Hintergrund wechselnder historischer und gesellschaftlicher Bedürfnisse durchlaufen; so würde ich auch die immer noch nicht abgeflaute Diskussion über Bachelor und Master versus Magister und Diplom einordnen. Die Frage nach historischer Kontingenz und Notwendigkeit wäre zu diskutieren, aber ich denke, die Zeit wird über beide Abschlusstypen hinweggehen, und in 100 Jahren wird man die Diskussion kaum mehr verstehen.

Die europäischen universitären Systeme sind einfach derartig komplex und in ein noch komplexeres historisch-gesellschaftliches Umfeld eingebettet, dass weder die Erklärung aus der Vergangenheit, warum das Hochschulsystem in Europa so erfolgreich werden konnte, ganz leicht ist, noch die Voraussage für die Zukunft, die ja bekanntlich immer besonders schwierig ist. Ich denke, ein Grund, warum sich das deutsche Universitätssystem im Moment schwer tut, ist, dass ihm ein behutsamer Pragmatismus abgeht. Erich Kästner sagt in seiner berühmten Rede an die Schüler: "Seid faul, aber die faulen Schüler mögen in diesem Moment bitte weghören". Das deutsche Hochschulsystem hat im Rahmen der letzten Reformen viel zu sehr versucht, durch abstrakte, teils weltfremde Reflektion über rein administrative Strukturen ein neues Studiensystem zu durchdringen und dann optimal aufzustellen, obwohl es dafür viel zu kompliziert und undurchschaubar ist. Dafür hat es an einer echten inhaltlichen, lebensnahen Reflexion über den Gehalt der Bologna-Reformen gemangelt, die wahrscheinlich von Anfang an zu geringeren, aber sinnvolleren Korrekturen am alten System geführt hätte.

Ich möchte die Frage nach der Attraktivität des europäischen Hochschulsystems zum Schluss noch einmal ins Weite wenden. Inwieweit hängt der Aufstieg des europäischen Hochschulsystems damit zusammen, dass es einen parallelen Aufstieg Europas so etwa ab 1500 gegeben hat, als Europa im Lauf der Jahrhunderte bis zum Höhepunkt um 1900 zum führenden Kontinent geworden ist, obwohl es ja nur ein ganz kleiner Zipfel am Westrand Eurasiens ist und um 1500 im Vergleich mit anderen Weltregionen nicht wirklich beeindrucken konnte? Die Frage nach der Ursache dieses Aufstiegs Europas, des "rise of the West", ist ja schon alt, zahllose Antworten sind versucht worden. Ich denke zum Beispiel an Max Weber und den protestantischen Kapitalismus. Andere sehen die technologischen Innovationen in der Seefahrt, die dann zur Dominanz über die Landwege geführt haben. Militärhistoriker heben die Fregatte hervor, die zur Projektion europäischer Macht in alle Weltteile gedient hat, andere Historiker die besonderen politischen Institutionen. Und dergleichen viel mehr - es ist wahrscheinlich wie bei der Frage nach den Ursachen für den Untergang Roms, bei der Erklärungsversuche wohl mehr die Gesellschaft widerspiegeln, die versucht, das Phänomen zu verstehen, als das historische Phänomen selbst. Auf die Gefahr hin, derselben Spiegelung zu unterliegen, hat mir eigentlich immer die Erklärung am besten eingeleuchtet, dass zwar um 1500 andere Großregionen der Welt, zum Beispiel Indien, China, das Osmanische Reich, womöglich auch Mittelamerika, sehr viel besser aufgestellt schienen als Europa, hätte man gefragt, wer in drei oder vier Jahrhunderten die Welt beherrschen würde, aber dass Europa anders als diese Großräume durch eine enorme Rivalität auf engstem Raum gekennzeichnet war.

Dieser Konkurrenzkampf, bei dem jedes Mittel erlaubt war, bei dem man den Nachbarn immer eifersüchtig belauschte, ob er vielleicht einen kleinen Vorsprung erlangt haben könnte, hat eine große Vielfalt von Entwicklungsansätzen generiert, aus denen sich dann letztlich evolutionär der erfolgreichste Ansatz durchgesetzt hat. Und so mag es beim europäischen Hochschulraum genauso sein. Während monolithische, planerisch gesteuerte Strukturen zwar sehr erfolgreich sein können, sind sie aber auch anfällig für den globalen Entwicklungsfehler, der das gesamte System überhaupt dysfunktional macht. Wir wissen alle, dass der Preis für dieses Verhalten Europas die europäische Selbstzerstörung ab 1914 war, darum auch unser enormes Bemühen um europäische Einigung. Trotzdem frage ich mich, ob wir dabei nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet haben, was die Attraktivität des europäischen Hochschulraums angeht, und im Moment die Integration des europäischen Hochschulraums übertreiben, die uns für die Fehler monolithischer Großstrukturen anfällig macht.

Das möchte ich kurz präzisieren: Es geht natürlich nicht darum, in Bereichen wie etwa der Großforschung wieder in kleinteiligste Strukturen zu verfallen, und es geht auch nicht darum, irgendwelche Mobilität einzuschränken. Ganz im Gegenteil. Die freie Mobilität des Geistes ist genau das, was wir brauchen, um diesen altbewährten innereuropäischen Wettbewerb so zu organisieren, dass beispielsweise eine Abstimmung der Studenten und der Forscher auch mit den Füßen stattfinden kann. In diesem Sinne sind die Ziele von Bologna, die ja gerade das bewirken wollten, äußerst unterstützenswert. Aber darüber hinaus möchte ich eine Lanze brechen für Wildwuchs im europäischen System, ohne nationale oder internationale Konkurrenzverbote. Das beste System wird sich dann schon durchsetzen. Davon sind wir aber weit entfernt, wie man anekdotisch schon innerhalb Deutschlands belegen kann: als am 14. Dezember 2010 das kleine Bundesland Mecklenburg-Vorpommern die Wiedereinführung des Diplomtitels beschlossen hat, war ich beruflich unterwegs und habe aus Interesse am Ausgang der Parlamentsabstimmung mit dem Suchbegriff "Mecklenburg-Vorpommern Diplom" gegoogelt.

Der erste Treffer bei Google, den ich bekommen habe, war: "Wütende Proteste in Nordrhein-Westfalen gegen die Mecklenburg-Vorpommerschen Pläne." Wieso kann eine Regierung wie in Nordrhein-Westfalen mit 17 Millionen Einwohnern und zahllosen, darunter vielen renommierten Hochschulen, nicht einfach sagen, man sei von der eigenen Reform überzeugt und darüber hinaus sei es doch völlig egal, was die Handvoll Pommern in der hinteren Ecke von Deutschland machen. (Meine Sympathie gehört hier den Pommern, die flapsige Formulierung ist damit hoffentlich entschuldigt.) Können wir da nicht weniger ängstlich sein? Es steht doch auch nicht zu befürchten, dass es zu einer totalen Fragmentierung kommt: schon in den vergangenen Jahrhunderten war das europäische System immer darauf aus, sich dem erfolgreichen anderen Modell sehr schnell anzupassen. So haben etwa die Franzosen 1871 die Niederlage gegen die deutschen Staaten auf den preußischen Volksschullehrer geschoben, weil er eine höhere Alphabetisierungsquote der Soldaten zustande gebracht habe, was dann unmittelbar zu den Schulreformen von Jules Ferry geführt hat. Insofern würde ich einen frei entfalteten Wettbewerb der Institutionstypen und der Institutionen, der ja auch der ständigen Selbstinfragestellung in der Wissenschaft entspricht, fordern: das hat Europa groß gemacht und kein ängstliches Kuscheln in einer globalisierten Welt, auch wenn man vielleicht nicht so weit gehen muss wie der rumänische Philosoph Emile Cioran, der geschrieben hat: "Tausend Jahre Krieg haben den Okzident groß werden lassen, ein Jahrhundert Psychologie hat ihn vor die Hunde gehen lassen."

Diskussionsbeitrag anlässlich der Tagung der Villa Vigoni und des Deutschen Hochschulverbandes vom 3. bis 6. April 2011 "Der Europäische Hochschulraum: Vision, Fiktion oder Wirklichkeit? Eine Zwischenbilanz".


Über den Autor
Professor Ulrich Schollwöck lehrt Theoretische Physik an der Ludwig Maximilians-Universität München.

Aus Forschung & Lehre :: August 2012

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