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Fusion von Uni und FH als Zukunftsmodell?

von Malte Buhse

Unis halten sich für etwas Besseres als Fachhochschulen. In Brandenburg fusionierten zwei Hochschulen. Ist das ein Modell für die Zukunft?

Fusion von Uni und FH als Zukunftsmodell?© BTU Cottbus-SenftenbergDie BTU Cottbus-Senftenberg ist das Resultat einer Fusion von Uni und FH
Es herrscht Hochbetrieb im Studierendensekretariat der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus (BTU), es ist Ende September, die letze Phase der Einschreibungsfrist für das Wintersemester läuft; nichts Ungewöhnliches eigentlich. Doch an den Formularen, die die künftigen Erstsemester ausfüllen, sieht man, dass die BTU eben doch keine gewöhnliche Uni ist: In Cottbus müssen sich die Studenten seit Neuestem zwischen »anwendungsbezogenen« und »universitären« Studiengängen entscheiden.

Der Grund: Hinter der Fassade der Universität in der Lausitz steckt ein heikles und noch ziemlich wackeliges Konstrukt. Denn die BTU Cottbus-Senftenberg - das sind eigentlich zwei Hochschulen. Vor einem Jahr wurde sie aus der Technischen Universität in Cottbus, der alten BTU, und der Fachhochschule Lausitz zusammengesetzt. Es war eine schwierige Geburt.

Vor allem die BTU wehrte sich mit allen Mitteln gegen eine Fusion mit der Fachhochschule, es gab Protestmärsche, Unterschriftenaktionen, Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht. Doch die Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur in Brandenburg, Sabine Kunst, blieb hart und zog die Fusion gegen alle Widerstände durch. »Es gab damals an beiden Standorten Doppelstrukturen«, sagt sie. »Rund ein Drittel des Angebots an der Hochschule Lausitz und der alten BTU hat sich überschnitten.« Da könne man beide Hochschulen besser gleich zusammenlegen, fand Kunst damals.

Weitere Fusionen könnten folgen

Damit hat die parteilose Wissenschaftsministerin in Brandenburg ein hochschulpolitisches Experiment gewagt. Dass eine Universität und eine Fachhochschule fusionieren, gab es bisher nur in Lüneburg, wo aus der Universität Lüneburg und der Fachhochschule Nordostniedersachsen die Leuphana-Universität entstand. Schon bald könnten Cottbus und Lüneburg mit ihren Hybridhochschulen aber nicht mehr allein sein. Zahlreiche Wissenschaftsminister haben ganz genau beobachtet, wie diese Experimente laufen, und arbeiten an eigenen Fusionsplänen.

Das liegt zum einen daran, dass Unis und Fachhochschulen sich in den vergangenen Jahren immer ähnlicher geworden sind. Seit der Bologna-Reform und der Umstellung auf Bachelor und Master vergeben beide die gleichen Abschlüsse. Auch die alte Einteilung - hier die forschungsstarken Universitäten, dort die praxisorientierten Fachhochschulen - passt nicht mehr. »Einige Fachhochschulen schneiden in den Rankings der Deutschen Forschungsgemeinschaft inzwischen besser ab als Universitäten«, sagt Thomas Grünewald, der als Beauftragter des Wissenschaftsministeriums die Fusion in Cottbus begleitet hat und gerade zum Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung ernannt wurde. In einigen Bundesländern sollen Fachhochschulen sogar das Promotionsrecht bekommen.

Häufig konkurrieren FHs und Unis inzwischen um die gleichen Studenten, Professoren und Drittmittel. Viele Wissenschaftsminister stellen sich deswegen die Frage: Brauchen wir überhaupt noch beide? Vor allem, wenn das Geld eigentlich nur noch für eine reicht? Klar ist: Der Tabubruch, den Sabine Kunst in der Lausitz gewagt hat, hat viele Denkverbote beseitigt. Plötzlich scheint alles möglich.

Auch in Flensburg ahnt man daher schon wieder Böses. Schon seit 14 Jahren kursieren im Wissenschaftsministerium von Schleswig-Holstein Pläne, die Universität Flensburg mit der Fachhochschule zusammenzulegen. Zuletzt schlug der Universitätsrat Schleswig-Holstein 2009 vor, Uni und FH zu fusionieren und als Universität neu zu gründen. Umgesetzt wurde der Plan bis jetzt nicht. »Momentan steht eine Fusion nicht auf der Tagesordnung«, sagt Werner Reinhart, Präsident der Universität Flensburg. Die Landesregierung scheint sich erst mal damit zufrieden zu geben, dass Uni und FH bei einzelnen Studiengängen kooperieren. Doch auch Reinhart hat das Experiment in Cottbus beobachtet und weiß: Die Fusionsidee könnte schon bald wiederkommen. Schließlich hat auch die von Kiel beauftragte Wissenschaftliche Kommission Niedersachsen in einem Gutachten 2012 die Fusion weiterhin als Option bezeichnet.

Einsparungen als langfristiges Ziel

Aber ist es wirklich eine gute Idee, Fachhochschulen und Universitäten zusammenzubinden? Und lässt sich damit dann tatsächlich Geld sparen? Kurzfristig sicher nicht, denn Uniprofessoren sind teurer, günstiger wird es nur, wenn langfristig Personal abgebaut wird.

In Cottbus hat die Fusion von Uni und FH erst mal dazu geführt, dass das Land Brandenburg mehr ausgeben muss. Gerade hat das Wissenschaftsministerium den Finanzrahmen für die neu gegründete Universität festgelegt. Bis 2018 bekommt die BTU Cottbus-Senftenberg jedes Jahr 82 Millionen Euro. Die alte BTU und die Hochschule Lausitz hatten das Land zusammen nur 66 Millionen gekostet.

Die 16 Millionen, die das Land zusätzlich bereitstellt, sind laut Ministerin Kunst eine Art Übergangshilfe. Damit sollen Umzugskosten und Ausgaben für die Neuorganisation der Universität abgedeckt werden. Am Ende sollen aber auch in der neu zusammengesetzten BTU, genau wie bei einer Fusion von zwei Unternehmen, Synergien genutzt werden. Zum Beispiel in der Verwaltung. Bisher arbeiten die Verwaltungsmitarbeiter aus der BTU und der Hochschule Lausitz größtenteils nebeneinander weiter. Auf lange Sicht dürfte die Uni diese Parallelstrukturen nicht mehr brauchen. Wo gekürzt werden soll, wie viele Arbeitsplätze dabei wegfallen könnten und wann es dazu kommt, dazu will aber noch niemand im Ministerium oder an der Uni etwas sagen.

Schlanker werden will die neue Uni auf jeden Fall bei den Professorenstellen. Der neue Präsident der BTU, Jörg Steinbach, will »inhaltliche Schwerpunkte« setzen. Heißt: weniger Professorenstellen, die dafür aber besser ausgestattet werden. Wie viele Stellen am Ende übrig bleiben, steht laut Steinbach noch nicht fest. Der neue Präsident ist gerade mal ein paar Wochen im Amt, nachdem er im Juli von der TU Berlin nach Cottbus kam. »Wir wollen den weiteren Integrationsprozess bewusst behutsam gestalten«, sagt er. Drunter und drüber ging es in den vergangenen Jahren schließlich genug in Cottbus. Während an der Hochschule Lausitz die meisten Professoren für die Zusammenlegung mit der Uni waren, versuchten die BTU-Professoren alles, um die Fusion zu verhindern. Einige reichten sogar Klage vor dem Bundesverfassungsgericht ein, das bis jetzt noch nicht entschieden hat, ob es sie zulässt oder nicht.

Die FH hat oft das Nachsehen

Der Protest der Professoren der BTU war deswegen so heftig, weil sie fürchteten, durch die Zwangsheirat mit der FH zu einer Uni zweiter Klasse zu werden. Zu Unrecht, denn die Forschungsleistung der FH war in einigen Bereichen sogar besser als die der BTU. Das zeigt: Die entscheidende Frage bei Fusionsmodellen ist nicht, ob sich dadurch Geld sparen lässt, sondern ob Fachhochschule und Uni gemeinsam unter einem Dach überhaupt funktionieren können. »Das sind sehr unterschiedliche Kulturen, die man da integrieren will«, sagt Dietmar Goll, der beim Wissenschaftsrat am Gutachten für die Uni Saarland mitgearbeitet hat. In einer FH werde anders gelehrt und geforscht. Die Professoren hätten zum Teil auch ein anderes Verständnis vom Fach. Diese Kulturen zusammenzubringen braucht Zeit. Die Form einer Hochschule, der Name, sogar das zugrunde liegende Hochschulgesetz - das alles ist schnell geändert. Bis aus den zwei Einzelteilen aber wirklich eine neue Einheit wird, dauert es länger. Es gebe noch immer eine »unsichtbare Mauer« zwischen Uni und FH, ist aus der BTU zu hören. Bei Sitzungen würden die BTU-Leute weiterhin auf der einen und die ehemaligen FH-Kollegen auf der anderen Seite des Tisches sitzen.

Am Ende, das zeigt vor allem das Beispiel Lüneburg, geht der Integrationsprozess oft nur auf, wenn die FH verschwindet. Die Leuphana-Universität beruft auf freie Stellen nur noch Universitätsprofessoren und lässt den FH-Zweig langsam auslaufen. Ähnliches steht wohl Cottbus bevor. Zwar soll es bei den Studiengängen weiterhin spezielle anwendungsorientierte Fächer geben, die den ehemaligen FH-Studiengängen entsprechen. Doch freie Stellen sollen auch hier mehrheitlich mit Uniprofessoren besetzt werden. Einige Professoren der ehemaligen Hochschule Lausitz sollen zudem zu Uniprofessoren aufsteigen können oder eine Forschungsprofessur bekommen, bei der sie weniger im Hörsaal stehen müssen. So würde auch in der BTU der FH-Anteil immer weiter schrumpfen. »Eine Fusion zwischen Uni und FH ist selten ein Zusammengehen von gleichberechtigten Partnern«, sagt Werner Reinhart. Mehr will der Präsident der Universität Flensburg nicht sagen, um seine Kollegen von der Fachhochschule nicht zu sehr zu verschrecken. Aber was er meint, ist klar: Nach einer Fusion mit einer Universität bleibt von einer Fachhochschule meistens nicht viel übrig.

Aus DIE ZEIT :: 09.10.2014

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