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Ganz schön verlockend

Alle Protokolle wurden aufgezeichnet von FRIEDERIKE LÜBKE

Sie kommen wegen der Liebe, wegen der Forschung oder wegen der Kultur: Noch nie gab es so viele ausländische Professoren an deutschen Unis. Wie geht es ihnen hier?

Ganz schön verlockend© Matthias HeydeRené Blattmann zogen seine deutschen Wurzeln und der Wunsch Deutsch zu sprechen, von Bolivien nach Berlin

»Es ist wunderbar, dass ich alles verstehe. Ich gehe ins Theater, lese Zeitung, verfolge das politische Geschehen«

René Blattmann, 65, stammt aus Bolivien und arbeitet als Professor für Völkerstrafrecht an der Humboldt-Universität zu Berlin

»Was machst du als Nächstes mit deinem Leben?«, habe ich gedacht, als mein Mandat als Richter am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu Ende ging. Ich habe überlegt, für eine internationale Organisation zu arbeiten, vielleicht nach Amerika zu gehen, da bekam ich eine Anfrage für eine DAAD-Gastprofessur von der Humboldt-Universität zu Berlin. Ich war begeistert, und auch meine Frau wollte gern im deutschen Sprachraum bleiben. Ich habe auch deutsche Wurzeln. Einige meiner Vorfahren stammen aus dem Badischen und der Schweiz. In Bolivien habe ich die deutsche Schule besucht und schon als Kind die Sprache gelernt. In den letzten Jahren hatte ich wenig Gelegenheit, Deutsch zu sprechen. Das hole ich jetzt nach. Es gibt so viele kulturelle Veranstaltungen in Berlin. Es ist wunderbar, dass ich alles verstehe. Ich gehe ins Theater, lese Zeitung, verfolge das politische Geschehen. Die Wahlen waren hoch interessant. Dass ich mich so wohl fühle, verdanke ich auch meinen freundlichen Kollegen. Sie haben mir in jeder Hinsicht viel geholfen, sowohl im Alltag als auch beruflich. Das römisch-germanische Strafrecht ist eines der zwei großen Strafrechtssysteme der Welt, es wird auch in Lateinamerika und Asien angewandt, und Berlin ist ein zentraler Ort für mein Fachgebiet, das Völkerstrafrecht. Das wichtigste internationale Lehrbuch wurde hier verfasst. Mein erster Prozess in Den Haag war ein Verfahren gegen einen Kriegsverbrecher aus Afrika. An der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität gibt es das Südafrikanisch-Deutsche Zentrum für Internationales Strafrecht, das hauptsächlich afrikanische Juristen ausbildet. Ich habe das Gefühl, dass sich damit für mich ein Kreis schließt. Meine Frau und ich haben drei erwachsene Kinder, unsere beiden Töchter leben in der Schweiz, unser Sohn in Thailand. Den Haag hat ihnen nicht so gut gefallen, aber seit wir in Berlin wohnen, kommen sie regelmäßig zu Besuch.

»In Deutschland ist die arabische Literatur nicht allzu bekannt, da besteht Nachholbedarf«

Abdo Abboud, 60, ist Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft, er kommt aus Syrien und ist zurzeit Gastdozent an der Uni Münster

Ich wollte schon lange an einer deutschen Universität lehren, um meine Erfahrungen einzubringen und von den Erfahrungen deutscher Kollegen zu profitieren: wie sie Lehrveranstaltungen organisieren, wie die Prüfungsordnung aussieht. Ich sehe mir alles an und überlege, was ich auch in Syrien einsetzen könnte. Ich bin Syrer, aber ich habe in Frankfurt am Main Germanistik studiert und dort als DAAD-Student in Komparatistik promoviert. Meine Arbeit behandelte die Aneignung des deutschen Romans im arabischen Orient. 2006 habe ich an der Universität Damaskus das bisher einzige Institut für Germanistik in Syrien initiiert und mehrere Jahre geleitet. Das Institut hat inzwischen 186 Studenten. Aber ich wollte noch einmal nach Deutschland kommen: als ausländischer Dozent von Muttersprachlern umgeben zu sein ist für mich eine unersetzliche Erfahrung. Von meinen deutschen Kollegen wurde ich bestens aufgenommen. Die Arbeit an der Universität Münster gefällt mir in jeder Hinsicht. Hier bin ich nicht nur ein Lehrender, sondern auch ein Lernender. Ich sehe mich als Vermittler zwischen der arabisch-islamischen und der deutsch-europäischen Kultur - durch das Medium der Literatur. Mein Interesse für die deutsche Literatur wurde früh durch die Lektüre arabischer Übersetzungen von Goethe, Schiller und Brecht geweckt. Vor allem Goethes Faust fand ich imponierend. In Deutschland ist die arabische Literatur nicht allzu bekannt. Da besteht ein Nachholbedarf. Durch diesen schrecklichen Bürgerkrieg hat sich mein Antritt der vom DAAD geförderten Gastdozentur um ein Jahr verzögert. Natürlich bin ich froh, jetzt in Deutschland fern vom Krieg zu sein. Meine größte Hoffnung ist, dass er bald aufhört. Meine Kollegen und alle Bekannten sprechen oft mit mir über den syrischen Bürgerkrieg. Sie sind sehr besorgt über das Schicksal der Zivilisten und vor allem der Kinder. Von dieser menschlichen Solidarität bin ich tief beeindruckt.

Wissenschaftler aus aller Welt

Zuwachs

An deutschen Hochschulen lehrten und forschten im Jahr 2012 nach Angaben des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) 2.777 ausländische Professoren, das waren fast 60 Prozent mehr als sechs Jahre zuvor. Etwa ein Drittel sind Frauen. Die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter mit Migrationshintergrund ist noch größer, sie lag 2011 bei fast 31.000. Die meisten ausländischen Professoren kommen aus Österreich (561), der Schweiz (322) und den USA (248). Sie verteilen sich sehr unterschiedlich auf die Fächer: In den Ingenieurwissenschaften arbeiten besonders viele Asiaten, in der Medizin viele Osteuropäer.

Mehrwert

Internationale Forscher bereichern die Unis gleich in mehrfacher Hinsicht. In einer noch unveröffentlichten Studie haben Aylâ Neusel von der Uni Kassel und Andrä Wolter von der Berliner Humboldt-Universität die Karriereverläufe von Professoren, die aus dem Ausland nach Deutschland gekommen sind, untersucht. Diese bringen demnach internationale Kontakte mit und binden in ihre Forschung stärker Kollegen aus anderen Ländern mit ein. Allerdings fühlen sie sich an deutschen Unis nicht immer gut aufgenommen, sie wünschen sich mehr Unterstützung, etwa bei der Suche nach einer Schule für ihre Kinder, und auch mehr soziale Kontakte.

»Wir wollten einen Ort finden, an dem wir beide arbeiten und leben können. Das war nicht leicht«

Gioia Falcone, 40, stammt aus Italien und ist Professorin für Geothermale Energiesysteme an der TU Clausthal

Mein Mann und ich wollten keine Fernbeziehung mehr führen. Ich habe lange als Professorin in Texas gearbeitet, er ist Engländer, arbeitete in den Niederlanden als Ingenieur und konnte nur jedes zweite Wochenende in die USA fliegen. Sechs Jahre ist er gependelt. Wir sind seit 2004 zusammen und seit 2007 verheiratet. Wir wollten einen Ort finden, an dem wir beide arbeiten und leben können. Das war nicht leicht. Es gibt nicht viele akademische Stellen für meine Spezialisierung. Wir haben uns auch andere Länder in Europa angesehen, aber Deutschland stellte sich als beste Lösung für uns heraus. Ich halte meine Vorlesungen auf Englisch, die Uni zieht viele internationale Studenten an. Mir gefällt, dass Hochschulen in Deutschland ein hohes Ansehen genießen und dass alles so gut organisiert ist. In diesem Semester habe ich eine Veranstaltung angeboten, die sich mit der Erschließung von Tiefengeothermischen Reservoiren befasste. Die Studenten und Professoren organisieren aber auch viele soziale Aktivitäten, wie zum Beispiel eine Weihnachts- und eine Sommerparty. Es herrscht eine familiäre Atmosphäre. Mein Mann und ich leben jetzt in einem kleinen Dorf in einem ehemaligen Forsthaus. Ich habe mich sofort in dieses Häuschen verliebt, und wir haben es gekauft. Schwierig ist manchmal die Kommunikation mit den Einwohnern, weil unser Deutsch noch nicht gut ist. Mein Mann arbeitet jetzt von zu Hause aus für ein englisches Unternehmen, er muss immer noch reisen - aber wir haben eine gemeinsame Basis, von der wir beide wissen: Hier gehören wir hin.

»Die Deutschen nehmen die Wissenschaft sehr ernst. Es gibt exzellente Physiker hier«

David DiVincenzo, 54, ist Professor für Quantenphysik an der RWTH Aachen, kommt aus den USA und hat 2010 eine mit 3,5 Millionen Euro dotierte Humboldt-Professur erhalten

Ich bin ein richtiger Amerikaner. Nach Europa zu ziehen? Daran habe ich überhaupt nicht gedacht, bevor ich die Humboldt-Professur bekam. Bis zu meinem 19. Lebensjahr hatte ich noch nie in einem Flugzeug gesessen. In meinem Berufsleben war ich dann allerdings immer mal wieder auf Konferenzen in Europa. Auf dem Gebiet der Physik passiert hier sehr viel. Nachdem ich 26 Jahre als Wissenschaftler bei IBM in der Forschung gearbeitet habe, zog es mich zurück in den akademischen Bereich. Ob ich ohne die Humboldt-Professur gekommen wäre, kann ich nicht sagen. Mein Gehalt ist nicht so hoch wie in den USA. Aber das Umfeld hier ist beeindruckend. Die Deutschen nehmen die Wissenschaft ernst. Es gibt exzellente Physiker hier. Ich bin nun etwas freier in der Forschung, kann meine eigene Agenda setzen und experimentellere Konzepte entwickeln, über die man bei IBM vielleicht gelächelt hätte. Gleichzeitig ist in dem akademischen Umfeld, in das ich ja wollte, auch vieles anders. Ich kann meine Tür nicht schließen und sagen, ich kümmere mich nur um meine Forschung. Ich habe Studenten, gute und weniger gute. Bei IBM waren alle sehr gut, denn wer nicht gut war, wurde gefeuert. Das ist an der Uni natürlich nicht das Ziel. Die Strukturen und das Wissenschaftssystem in Deutschland zu verstehen ist nicht leicht. Staat, Bundesländer, Hochschulen, Stiftungen, wie das alles zusammenhängt, muss man erst einmal verstehen. Die Bürokratie ist wirklich eine Herausforderung.

Ganz schön verlockend © privat Für Zahide Eylem Gevrek ist Deutschland ein spannendes Forschungsfeld

»Ich beschäftige mich mit Migration. Da gibt es in Deutschland noch viel zu erforschen«

Zahide Eylem Gevrek, 39, kommt aus der Türkei und ist nun Juniorprofessorin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Konstanz

Ich wollte immer an einer Universität arbeiten, an der die Forschung eine wichtige Rolle spielt. An der Uni Konstanz ist das der Fall. Sie ist eine von neun Exzellenz-Unis in Deutschland. Ich habe in den USA studiert und promoviert, aber mich dann bewusst entschieden, die Stelle in Konstanz anzunehmen. Die Fakultät ist sehr lebendig, ich kann unabhängig meiner Arbeit nachgehen und gleichzeitig mit meinen Fragen jederzeit zu meinem Vorgesetzten kommen. Deutschland bietet ein spannendes Forschungsfeld für mich, denn ich beschäftige mich mit Migration, besonders mit ihren wirtschaftlichen Folgen, und da gibt es im Einwanderungsland Deutschland noch viel zu erforschen. Als Nächstes will ich zum Beispiel untersuchen, wie die Kinder von Einwanderern die Bildung ihrer einheimischen Altersgenossen beeinflussen. In Deutschland kommen die meisten Einwanderer aus meinem Heimatland, der Türkei, sodass ich einen großen Vorteil habe, weil ich auch Türkisch spreche. Ich kann mich auch mit meinen türkischen Studenten in ihrer Muttersprache unterhalten. Deutsch spreche ich noch nicht, aber ich verstehe viel und komme ganz gut zurecht. Was mich sehr freut: Die Entfernung zu meiner Familie ist viel kleiner geworden, seit ich nicht mehr in den USA lebe und arbeite. Meine Zwillingsschwester wohnt in Istanbul, mit dem Flugzeug bin ich nun in drei Stunden dort. Jetzt kann ich sie einfach auch mal am Wochenende besuchen.

Aus DIE ZEIT :: 02.01.2014