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Gedränge um den Master

VON JAN-MARTIN WIARDA

Gibt es tatsächlich zu wenig Masterstudienplätze? Eine Spurensuche im Zulassungsdschungel.

Gedränge um den Master© rachel - Photocase.comEin Mangel an Masterplätzen ist bislang nur in Ausnahmefällen zu verzeichnen
Die Empörung der Abgelehnten war groß: Im Fach BWL verweigerte die Universität Köln ihren Bachelorabsolventen reihenweise den Zugang zum Masterstudium - und nahm stattdessen Abgänger anderer Hochschulen. Sie sei angesichts des Ansturms streng nach den Examensnoten vorgegangen, rechtfertigte sich die Uni: Bei einem Schnitt von 1,9 sei Schluss - egal, von welcher Hochschule man komme. Die Geschichte von den heimatvertriebenen Kölnern machte ihre Runde durch die Republik. Plötzlich fühlten sich jene bestätigt, die seit Jahren vor einer unfairen Beschränkung des Masterzugangs warnen: Andreas Keller, Vorstandsmitglied der Bildungsgewerkschaft GEW, warf den Ländern vor, sie hätten die Übergangsquoten grundsätzlich zu niedrig angesetzt.

Der Studentenverband Linke.SDS rief angesichts von Sparpolitik und dem »Kampf um ein Masterstudium« zur Fortsetzung des Bildungsstreiks auf, und Anja Gadow vom Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften kritisierte: »Das Problem zieht sich durchs ganze Land.« Tut es das tatsächlich? Gerade hat eine Studie des Kasseler Forschungsinstituts Incher gezeigt, dass bislang 75 Prozent der Bachelorabsolventen einen Master angeschlossen haben. Und auch dieses Wintersemester sind Schreckensmeldungen, abgesehen von einigen prominenten Beispielen wie den BWL-Studenten in Köln oder den Lehramtsstudenten in Berlin, Mangelware. Selbst Andreas Keller räumt ein, dass viele Rektoren derzeit eher Sorge hätten, ihre Masterplätze loszuwerden.

Was aber soll dann der Sturm im Wasserglas? Wozu die Verunsicherung der Absolventen - weiß doch derzeit keiner, wie es in den nächsten Jahren kommt. Genau das sei das eigentliche Problem, sagt der grüne Hochschulexperte Kai Gehring: »Statt Spekulationen brauchen wir empirische Studien über Übergangsquoten und fehlende Masterstudienplätze.« Schon heute gebe es Anzeichen für erhebliche Schwankungen zwischen Fächergruppen, Bundesländern und Hochschultypen. Doch GEW-Mann Keller unkt: »Was wir jetzt erleben, sind nur die Vorboten dessen, was passiert, wenn in den nächsten Jahren die großen Bachelorjahrgänge abschließen.«

Tatsächlich ist eines nicht von der Hand zu weisen: Der Mangel an Masterplätzen mag bislang nur in Ausnahmefällen real sein, das Durcheinander bei der Studienzulassung ist es umso mehr, und das schon seit Jahren, genauer: seit die Hochschulen ihre Studenten in den meisten Fächern selbst auswählen dürfen. Seitdem bewerben sich viele Studierwillige an zig Unis gleichzeitig, um ihre Chancen zu erhöhen. Die Flut an Mehrfachbewerbungen führt dazu, dass viele Studiengänge zunächst überbelegt sind, während am Ende - und oft erst mitten im neuen Semester - doch die meisten einen Platz bekommen. Und Masterstudenten, die an der einen Uni abgelehnt werden, wissen womöglich gar nicht, dass es woanders freie Plätze gibt. Angesichts des Chaos erlebt die einst verschrieene Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen ihren zweiten Frühling. Unter dem weniger behördig klingenden Namen »Stiftung für Hochschulzulassung« wird sie künftig eine neue, demütigere Rolle spielen: Statt den Unis wie früher Studenten von Amts wegen zuzuteilen, soll sie Bewerber und Hochschulen entsprechend ihren Wünschen zusammenbringen.

Dieses »dialogorientierte« Verfahren ist als großer Wurf gedacht, soll es doch die gewonnene Eigenständigkeit der Hochschulen bei der Studentenauswahl bewahren und gleichzeitig für Transparenz bei der Verteilung der Studienplätze sorgen. Der Starttermin wurde indes bereits mehrfach verschoben, zuletzt auf April 2011, zu spät wurde die Telekom-Tochter T-Systems ins Boot geholt, um unter Aufsicht eines Fraunhofer- Instituts an der Software zu tüfteln. Jetzt sei alles im Plan, versichern das für die Anschubfinanzierung zuständige Bundesbildungsministerium, die Stiftung für Hochschulzulassung und das ebenfalls an der Umsetzung beteiligte Hochschul-Informations-System. Anders als oft behauptet, funktioniere das System selbst dann, wenn nur ein Teil der Hochschulen mitmache, sagt dessen Chef Martin Leitner. Er warnt aber zugleich: »Wir könnten in die absurde Situation geraten, dass ein neues, gutes Zulassungsverfahren, das sich alle gewünscht haben, einsatzbereit vorliegt, aber nicht zur Anwendung kommt, weil entweder zu wenig informiert wurde oder weil niemand die Betriebskosten übernehmen will.« Die meisten Hochschulverwaltungen ahnten noch nicht, was da auf sie zukomme. Gefährlich sei zudem, dass die Dauerfinanzierung immer noch zwischen Ländern und Hochschulen diskutiert werde.

Das sieht auch Dieter Lenzen so, Präsident der Uni Hamburg, dessen Vorgängerin noch angekündigt hatte, sich nicht an dem Verfahren zu beteiligen. Zwar verspricht Lenzen jetzt, wenn alle mitmachten, werde sich auch Hamburg nicht verweigern. »Voraussetzung dafür, dass die große Mehrheit der Universitäten dem neuen System zugestimmt hat, war aber die Zusage, dass für Studierende und Hochschulen keine zusätzlichen Kosten anfallen würden.« Sollte es anders kommen, sei Hamburg als öffentlich finanzierte Hochschule verpflichtet, kostengünstigere Alternativen zu suchen. Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, ärgern die Unkereien um das mögliche Scheitern des neuen Systems. »Wer so redet, weiß es entweder nicht besser oder handelt unverantwortlich. Denn technisch sehe ich keine Probleme, und finanziell müssen wir uns darauf verlassen, dass auch Bund und Länder ihre Zusagen einhalten.«

Aus DIE ZEIT :: 11.11.2010

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