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Gefährliche Handystrahlung?

von ULRICH BAHNSEN UND STEFAN SCHMITT

Handystrahlung, schwangere Mäuse und das Zappelphilipp-Syndrom - ein fragwürdiger Versuch.

Gefährliche Handystrahlung© Brandon Laufenberg - iStockphoto.comBeispiel schlechte Forschung: Ein populäres Thema fand als Aufsatz den Weg in die Fachzeitschriften, die Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnis ist mehr als bedenklich
Der Befund klingt nach dem Knüller des Jahres: Handytelefonate in der Schwangerschaft führten zu Zappelphilipp- Kindern. Dieses Ergebnis präsentiert jetzt Hugh S. Taylor, Gynäkologie-Professor an der ehrwürdigen Yale University. Zwar wurde mit Mäusen experimentiert- aber das gilt sicher auch für Menschen, oder?

Eher nicht. Der Fachaufsatz, den Taylor zusammen mit drei Kollegen veröffentlicht hat, ist ein Lehrstück für schlechte Wissenschaft auf einem Forschungsfeld, das auch bei einem Laien publikum auf lebhaftes Interesse stößt. Er zeigt, wie man durch saloppe Methodenwahl und naive Interpretationsfreude haarsträubende Befunde zum Aufregerthema Handystrahlung erzeugen kann. Ende vergangener Woche meldeten sich die Yale- Forscher zu Wort: Es sei gut möglich, dass die ständige Zunahme von ADHS ( Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung) ihre Ursache im Mobiltelefongebrauch werdender Mütter habe, schrieben Taylor und Co. in Scientific Reports, einer neuen Fachzeitschrift, die immerhin unter dem Dach der renommierten Nature Publishing Group erscheint. Bei Mäusen, die bereits im Mutterleib der Strahlung eines Handys im ständigen Anrufmodus ausgesetzt waren, stellten die Forscher erhöhten Bewegungsdrang, Gedächtnisdefizite und verminderte Ängstlichkeit fest. Zudem sei die Signalübermittlung durch einen Hirnbotenstoff im vorderen Stirnlappen der Tiere gestört. Seine Befunde, versichert Taylor auf Nachfrage, seien auch »für den Menschen relevant«.

Halten wir einen Moment inne, das Handy auf Stand-by und uns die Lage vor Augen: Weit über fünf Milliarden Mobiltelefone sind weltweit im Einsatz, in Indien verfügen mehr Haushalte über ein Mobiltelefon als über eine Toilette. In den Industrieländern hat praktisch jeder Mensch ein Handy (oder mehrere). Könnte der Mobilfunk tatsächlich die Hirnentwicklung im Mutterleib beeinträchtigen und sich auf das Verhalten von Kindern auswirken, es wäre eine Erschütterung, die einzigartig in der Technikgeschichte wäre. Auch ohne jede wissenschaftliche Evidenz scharen sich schließlich jetzt schon Elektrosmog-sensible Bürgerinitiativen warnend um jeden zweiten Funkmast in der Republik.

Rückzieher

Die Kaninchen waren fraglos bedauernswert: eingepfercht in Boxen von 30 x 16 x 18 Zentimetern, unter deren Böden auch noch Handys geklebt waren. So wollte der Urologe Nader Salama die möglichen Effekte elektromagnetischer Strahlung auf die Hoden der Tiere untersuchen. Konkret: Schädigen Handystrahlen die Spermien? Ja, befand der Forscher in drei Aufsätzen. Veröffentlichungen dieser Art stoßen - im Gegensatz zur übergroßen Mehrheit aller wissenschaftlichen Fachartikel - auf einen gewissen Widerhall. Sie tauchen in den Zeitungen oder auf Webseites auf, vermehren ein vermeintliches Wissen über die Folgen von Handystrahlung. Ob die Resultate solcher Versuche je bestätigt werden, erfahren Laien hingegen kaum. Oder ob ein Aufsatz gar krasse Unstimmigkeiten enthielt. So wie die drei Salama-Publikationen, über die jetzt das Laborjournal berichtet: Seine angeblichen Koautoren wussten gar nichts von der Veröffentlichung. Es gab weder Rohdaten noch Labortagebücher. Der Aufbau der Versuche war hanebüchen, statistische Kennzahlen sahen sich geradezu verdächtig ähnlich. Jetzt werden die Fachzeitschriften die Aufsätze zurückziehen - in aller Stille.
Wäre etwas dran am Befund, der Gynäkologieprofessor Taylor könnte sich seines Eintrags in die Annalen der Wissenschaft sicher sein. Das motiviert Forscher natürlich, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Zudem sind Tierversuche zur Handystrahlung ohne allzu großen Aufwand umsetzbar und in kurzer Zeit erledigt. Schnell ist der zugehörige Aufsatz verfasst und die eigene Publikationsliste um einen Eintrag länger. Das mag eine weitere Erklärung dafür sein, dass es Versuche nach diesem Strickmuster zuhauf gibt. Bloß ist Masse nicht proportional zum Erkenntnisgewinn. Denn auch in ihren Schwächen ist die Veröffentlichung aus Yale leider ganz typisch.

Von der ZEIT um eine Meinung zu der Arbeit gebeten, winkten Biologen, Strahlungsexperten, Umweltmediziner, Epidemiologen und Statistiker entsetzt ab: »Das Paper ist, mit einem Wort, schrecklich«, urteilt Alexander Lerchl, Biologe an der Jacobs University in Bremen und Mitglied der Strahlenschutzkommission des Bundes (SSK). Die »armseligen Versuchsbedingungen« beklagt die Epidemiologin Maria Feychting vom Institut für Umweltmedizin des Karolinska Instituts in Stockholm. »Solche Untersuchungen werden generell als nicht informa tiv betrachtet.« Christian Bornkamp, Experte für nicht ionisierende Strahlen und Leiter des Prüfzentrums am IMST, einem An-Institut der Universität Duisburg-Essen, bemängelt: »Die Dosimetrie entspricht bei Weitem nicht dem Stand der Technik. Darüber hinaus ist sie nur unvollständig beschrieben. « So bleibe offen, welche Strahlung in welcher Stärke überhaupt für die beobachteten Effekte verantwortlich sein könnte.

Taylor und Co. hatten handelsübliche Handys in die Käfige der schwangeren Mäuseweibchen gehängt - während der gesamten 17-tägigen Schwangerschaft. Da sich die Tiere aber frei im Käfig bewegen konnten, ist völlig unklar, welcher Strahlung sie jeweils ausgesetzt waren. Weil kein Handy-Akku 17 Tage Dauertelefonat verkraftet, dürften die Geräte zudem an Netzteile angeschlossen worden sein. Die aber geben eine niederfrequente elektromagnetische Strahlung ab, die deutlich stärker ist als die der Handys. In der Veröffentlichung fehlt jeder Hinweis darauf. So könnte man noch lange fortfahren.

Vollends aberwitzig wird es, wenn die Autoren ihre Mausresultate auf Menschen übertragen: Welche Mutter hält sich wochenlang ein Handy mit laufendem Telefonat auf den Bauch? Kühn ist auch der Sprung von verhaltensauffälligen Mäusen zu Kindern mit ADHS. Adoptions- und Zwillingsstudien bescheinigen dem Leiden nämlich außerordentlich hohe Erblichkeit: Rund 80 Prozent der Veranlagung seien genetisch bedingt. Für einen Zusammenhang mit Umwelteinflüssen wie der Handystrahlung bleibt da kaum Spielraum. Und während die Autoren auf einen sprunghaften ADHS-Anstieg in den vergangenen Jahren verweisen, ist dieser in Wahrheit höchst umstritten. Wahrscheinlicher erfahren Zappelkinder einfach mehr Aufmerksamkeit, was die Zahl der Diagnosen (und Überdiagnosen) in die Höhe treibt.

Bei genauerem Hinsehen kann man Hugh S. Taylor nur wünschen, dass er mit diesem Aufsatz nicht berühmt wird. Nach der Lektüre wundert sich der Biologe Alexander Lerchl, wie diese Arbeit überhaupt den Begutachtungsprozess überstehen konnte: »Ich denke, da ist ein Schreiben an die Herausgeber fällig.«


Aus DIE ZEIT :: 22.03.2012

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