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Gefährliche Mutanten

VON HARRO ALBRECHT

Chinesische Wissenschaftler experimentieren mit Kombinationen tödlicher Grippeviren.

Gefährliche Mutanten© Stephen Sweet - iStockphoto.comChinesische Forscher haben durch Veränderung des Genmaterials von Grippeviren neue gefährliche Erreger gezüchtet
Seit März haben sich in China über 130 Menschen mit dem neuen Grippevirus H7N9 infiziert, mehr als 27 sind gestorben. Bisher traf es vor allem ältere Männer. Dieser Erreger besitzt eine fatale Kombination von Eigenschaften: Er gelangt offenbar leicht vom Geflügel auf den Menschen, und er tötet viele, die sich angesteckt haben. Einzig der Umstand, dass H7N9 offenbar nicht leicht von Mensch zu Mensch springt, ist beruhigend.

Solche neuen Virusvarianten entstehen meist zufällig irgendwo in einem Tier, in dem die Erreger ihr genetisches Material austauschen. Manche Forscher warten allerdings gar nicht erst auf das natürliche Ereignis: Ende 2011 sorgte Ron Fouchier von der Erasmus Universität in Rotterdam für Kontroversen, weil er eine über die Luft übertragbare Art des Vogelgrippevirus H5N1 in Frettchen gezüchtet hatte. Ein Streit entbrannte über die Notwendigkeit und die Sicherheit solcher Untersuchungen und darüber, ob detaillierte Forschungsergebnisse überhaupt publiziert werden dürften. Der Feind liest schließlich mit. Die Angelegenheit schlug so hohe Wellen, dass die Forscher sich ein Moratorium auferlegten - das sie im Januar beendeten.

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit bastelte auch China in seinen Laboren gefährliche Mutanten. Wissenschaftler - unter anderem vom Harbin Veterinary Research Institute der chinesischen Akademie der Wissenschaften - verkuppelten sieben Gensegmente vom Geflügelpestvirus H5N1 mit dem Schweinegrippeerreger H1N1. Es war eine Hochzeit des Vogelkillers von 2006 mit dem Menschenkiller von 2009. Heraus kamen Hybrid-Viren, die sich über Tröpfchen durch die Luft unter Meerschweinchen verbreiten können. Die Tiere blieben dabei allerdings gesund.

Jetzt haben die Forscher die Ergebnisse ihrer Versuche in der Fachzeitschrift Science publiziert. Sie betonen, dass Meerschweinchengewebe mehr dem von Vögeln ähnele - und dass daher keine Gefahr für den Menschen drohe. Das Experiment habe gezeigt, dass mehr als eine wichtige Struktur des Influenzavirus verändert werden müsse, damit es den Sprung von Art zu Art schaffe. Die Experten befürchten, dass etwa auf ägyptischen Bauernhöfen, wo natürlicherweise H5N1 und H1N1 vorkommen, solche Paarungen stattfinden. Sollte H5N1 sich an den Menschen anpassen, könnte eine nachfolgende Pandemie Millionen Opfer fordern. Durch die Studie kenne man nun die bedrohlichen Virus-Veränderungen, nach denen die Forscher in Wirten wie Wildvögeln Ausschau halten müssten.

Die Fachwelt reagiert gleichzeitig fasziniert und entsetzt auf die Chuzpe der Chinesen. »Sie haben nicht darüber nachgedacht, was sie da tun«, sagte der Virologe Simon Wain-Hobson vom Pasteur Institut in Paris dem Independent, »das ist beängstigend.« Vorerst haben die chinesischen Wissenschaftler ihre Arbeit jedoch eingestellt. Sie müssen jetzt gegen das aktuelle Influenzavirus H7N9 kämpfen.

Aus DIE ZEIT :: 09.05.2013

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