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Gefahr aus dem Sicherheitslabor

VON ULRICH BAHNSEN

Wissenschaftler experimentieren mit Grippeviren. Dabei ist ein Erreger entstanden, der die Fachwelt erschreckt - und heftigen Streit auslöst.

Gefahr aus dem Sicherheitslabor© David HillsGeflügel als natürliche Brutstätte: Das Vogelgrippe-Virus kam aus Asien. Den möglichen weiteren Verlauf seiner Evolution spielen Forscher nun im Experiment durch
Das Werkzeug für die Apokalypse wird direkt vor der deutschen Haustür unter Verschluss gehalten. In Rotterdam, im Hochsicherheitslabor der medizinischen Hochschule der ehrwürdigen Erasmus-Universität, haben Virusforscher einen neuen Erreger geschaffen. Vor dem gruselt es selbst vielen Fachkollegen. Die Retorten-Kreatur könne, sagen sie, einen globalen Seuchenzug auslösen, wie ihn die Menschheit noch nie erlebt hat. »Eine Pandemie durch dieses Virus wäre verheerend«, sagt Paul Keim, »das muss verhindert werden - koste es, was es wolle.«

Keim steht nicht im Verdacht, von einer Mikrobenphobie affiziert zu sein. Der Mikrobiologe ist Vorsitzender des Nationalen Wissenschaftsstabes für Biosicherheit (NSABB) der USA. Sein Fachgebiet ist Milzbrand, eine ebenfalls sehr gefährliche Infektionskrankheit. Doch nun rufen er und seine Kollegen nach Zensur. Aus den Fachartikeln über das Supervirus in Rotterdam und ein weiteres scharfgeschaltetes Virus müssten vor der Veröffentlichung sensible Details gestrichen werden. Die Geheimhaltung, ein einzigartiger Vorgang in der Geschichte der Biowissenschaft, sei notwendig, um die Menschheit vor einer Katastrophe zu bewahren. Der natürliche Ursprung der neuen Superviren ist das Grippevirus Influenza A, Typ H5N1, das seit 1997 immer wieder unter den Geflügelbeständen Südostasiens grassiert. Millionen Hühner und Enten mussten dort gekeult werden. Der Sprung vom Geflügel zum Menschen ist für den Erreger vergleichsweise schwer. Und doch führt die Influenzaüberwachung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine schaurige Statistik: Seit 2003 wurde H5N1 bei 577 Erkrankten nachgewiesen. 340 von ihnen starben - eine Falltodesrate von 60 Prozent. Das ist die Spielklasse der Killer, die Liga von tödlichen Keimen wie Ebola, Sars und Co. Kein Wunder also, dass die Grippeexperten ein Doomsday-Szenario umtreibt. Was wäre, wenn H5N1 während seiner Reise durch die asiatischen Geflügelbestände mutiert und bei ungebremster Virulenz noch die Fähigkeit zur rasanten Ansteckung von Mensch zu Mensch erwirbt?

Ron Fouchier und seine Rotterdamer Kollegen sind nicht die Einzigen, die diese Frage untersuchen - mit Wissen und Genehmigung der nationalen Behörden und auf Bitte der WHO. Er und das Team des japanischen Virologen Yoshihiro Kawaoka haben nur als Erste eine Antwort gefunden: Es ist jenes Supervirus, das Experten für Biosicherheit im Augenblick den Schlaf raubt. So brisant war anscheinend ihr Fund, dass beide Forscher ihre Ergebnisse nicht nur bei den Fachpublikationen Nature und Science zur Veröffentlichung einreichten, sondern sie zeitgleich dem NSABB zur Begutachtung vorlegten. Die Wissenschaftler wussten, dass ihre Versuche klassische Beispiele für die sogenannte Dual-Use-Forschung sind. Denn auf der einen Seite stecken in ihren Veröffentlichungen wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse für die globale Grippebekämpfung; auf der anderen Seite stellen sie eine Konstruktionsskizze für eine Biowaffe dar, die man ungern in den Händen von Terroristen oder Diktatoren wüsste.

In Fouchiers Labor hatten offenbar fünf Mutationen in den Erbmolekülen ausgereicht, um das Virus zu einem für Menschen gefährlichen Keim hochzurüsten: tödlich wie die Vogelinfluenza und ansteckend wie die Schweinegrippe von 2009. »Ich kann mir keinen anderen pathogenen Organismus vorstellen, der so furchterregend ist«, sagt Keim.

Zensur - oder nicht?

Virologen streiten darüber, ob potenziell gefährliche Ergebnisse veröffentlicht werden dürfen. Böswillige könnten gefährlichen Unfug damit treiben.
Sein Gremium besitzt keine Weisungsbefugnis und darf nur Empfehlungen abgeben. Einzelheiten der Experimente dürften nur ausgewählten Forschern zugänglich gemacht werden, verlangte der NSABB Anfang Februar. Das Wissen erlaube die Konstruktion eines genetisch veränderten Virus, das eine Pandemie mit einer höheren Letalität verursachen könne als die der Spanischen Grippe von 1918. Es drohe »eine unvorstellbare Katastrophe«. Eine reale Gefahr? Oder handelt es sich um amerikanische Terrorhysterie? Mit Hingabe wird nun in Medien und Fachblättern gestritten, über die Forschungsfreiheit, über Risiken und Nutzen der Experimente. Science und Nature sonnen sich in unverhoffter politischer Aufmerksamkeit und schaufeln im 24-Stunden-Takt wenig erhellende Interviews, Analysen und Statements ins Internet. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung sorgt sich um die Sicherheitsstandards der Labore. Und im Spiegel sieht sich Ron Fouchier als Dr. Seltsam der Virologie porträtiert. Unterdessen zanken die Forscher selbst über die Gefährlichkeit des Virus und diskutieren die Grundsatzfrage, ob die Zensur von wissenschaftlichen Veröffentlichungen zulässig sei, wenn die Gefahr eines Missbrauchs besteht. Tatsache ist, dass es in Sicherheitslaboren in der Vergangenheit hin und wieder zu Infektionen beim Personal kam. Fest steht auch, dass Dunkelmänner die Veröffentlichung der detaillierten Ergebnisse für die Herstellung einer Biowaffe missbrauchen können. Die einschlägigen Verfahren der sogenannten reversen Genetik sind nicht nur Spezialisten bekannt. Allerdings benötigt man eine ganze Menge Know-how, Infrastruktur und Geld, um virtuelle Gensequenzen aus einer Datenbank in ausreichende Mengen infektiöser Viruspartikel zu verwandeln. Darüber hinaus sind die Verfahren, derer sich Fouchier und Kawaoka bedienten, ohnehin kein Geheimnis. Auch ohne jede Veröffentlichung könnten fähige Virologen die Rotterdamer Experimente nachahmen. Eine Zensur, so fürchtet man bei der WHO, könnte Widerstand hervorrufen. Seit 15 Jahren wütet in Ägypten, China, Vietnam und Indonesien die Vogelgrippe. Diese Staaten würden es kaum tolerieren, wenn man ausgerechnet ihnen die wichtigsten Passagen in den Studien vorenthielte. Ihr Wohlwollen aber ist entscheidend im Kampf gegen die Grippe. Denn ohne ihre Mitarbeit bräche die globale Influenzaüberwachung der WHO faktisch zusammen.

Was also tun? Bewährt ist in solchen Dilemmata - ein Moratorium. Und genau das begehrte der NSABB von den Forschern. »Die Biowissenschaft steht an einem Scheideweg«, sagt Paul Keim. »Dies ist ein Asilomar-Moment.« Im kalifornischen Küstenort Asilomar hatten sich Forscher 1975 nach einem Moratorium getroffen, um Sicherheitsstandards für die aufkommende rekombinante Gentechnik zu verabreden, mit der sich gentechnisch veränderte Organismen herstellen lassen. Der Wunsch des NSABB ging in Erfüllung. 39 führende Virusforscher verordneten sich und der Welt eine Denkpause. Die Wissenschaftler leiten die Speziallabore der höchsten Sicherheitsstufen 3+ und 4 auf der ganzen Welt. In diesen Laboren können heikle Experimente mit Vogelgrippe-Erregern durchgeführt werden.

Das Moratorium soll für 60 Tage gelten, Zeit, über die Auswirkungen von Experimenten nachzudenken, die bereits durchgeführt wurden, und über die Folgen geplanter Versuche. Für Donnerstag und Freitag dieser Woche haben Fouchier und Kawaoka rund vier Dutzend Influenza-Experten zu einem zweitägigen Treffen bei der WHO in Genf eingeladen. Dort will man beraten, wie es weitergehen soll. Welche Manipulationen sollen, welche dürfen in den Laboren an Viren vorgenommen werden? Wer darf das tun, und wer darf die Ergebnisse erfahren? Und wie gefährlich sind die Laborgeschöpfe aus Rotterdam und Madisson wirklich? Es ist nämlich trotz aller Aufregung unklar, welche Gefahr von den neuen Viren ausgeht. Gesichert ist derzeit nur ein wichtiger Befund: Grippeviren vom H5-Typ können sich durch Tröpfcheninfektion unter Säugetieren verbreiten. Das stellten Fouchier und Kawaoka bei Versuchen mit Frettchen fest. Die Tiere gelten als bestes Modell für die Ansteckung von Menschen mit Influenza. Allein diese Erkenntnis ist Grund zur Sorge. Bisherige Grippewellen wurden stets durch Influenzaviren vom H1-, H2- oder H3-Typ ausgelöst. Gegen Grippe-Erreger vom H5-Typ ist die Menschheit immunologisch nicht gerüstet und deshalb sehr anfällig.

Peter Palese, der Übervater der Influenzaforschung von der Mount Sinai School of Medicine in New York, bezweifelt allerdings, dass die Labormutanten tatsächlich verheerende Pandemien auslösen könnten. Er verweist darauf, dass schon die natürliche H5N1-Variante weniger gefährlich ist als oft dargestellt. In Wahrheit bringe die Vogelgrippe nicht sechs von zehn Infizierten um. Aus Blutuntersuchungen wissen die Seuchenexperten, dass sich in Südostasien weitaus mehr Menschen angesteckt haben, die aber mit nur geringfügigen Symptomen davonkamen. Diese Fälle tauchen in der WHO-Statistik nicht auf. »Die Letalität von H5N1 ist um mehrere Größenordnungen geringer, als die WHO berichtet«, versichert Palese. Andererseits kann auch ein weit weniger gefährlicher Erreger Verheerungen auslösen. Die Spanische Grippe etwa brachte nach Schätzungen gerade einmal zwei oder drei von 100 Infizierten den Tod. Trotzdem starben in den Jahren 1918 und 1919 drei Prozent der damaligen Weltbevölkerung. Auf heutige Verhältnisse übertragen, hieße das: mehrere Milliarden Schwerkranke und über 200 Millionen Tote in wenigen Monaten. Die Geninformation der Spanischen Grippe, rekonstruiert aus Gewebeproben der damaligen Opfer, wurde 2005 komplett veröffentlicht. Auch nach dem Moratorium von 2012, sagt Yoshihiro Kawaoka, werde die Influenzaforschung weitergehen: »Unsere Arbeit ist dringlich, wir können nicht aufgeben.«


Aus DIE ZEIT :: 16.02.2012

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