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Gefragte Multitalente

VON MARC HASSE

Mechatronik verlangt vielseitige Begabungen: Der Ingenieurstudiengang verbindet Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik. Ein Fach mit guten Aussichten.

Gefragte Multitalente© sskfoto - iStockphoto.comDie Ingenieurwissenschaft Mechatronik vereinigt Elemente aus Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik
Und dann, nachdem sie ein Jahr lang neben dem Studium über Konstruktionsplänen gebrütet und an der Werkbank getüftelt haben, ist es endlich so weit: 32 Studenten der Hochschule Bochum gehen in Australien mit ihrem selbst gebauten Solarmobil bei der World Solar Challenge an den Start, der Weltmeisterschaft für Solarfahrzeuge. Von Darwin an der Nordküste führt die Strecke 3000 Kilometer quer über den Kontinent bis nach Adelaide im Süden. Sechs Tage gleitet der weiß lackierte BOcruiser mit einem Studenten am Steuer durch das rot leuchtende Outback. Die anderen Teammitglieder sitzen in Begleitfahrzeugen und beobachten die Sonne, regeln per Datenfunk die Elektronik. Am Ende belegen die Bochumer Platz zwölf, gewinnen mit ihrem Hightech-Gefährt aber den Preis für das beste Design.

Das war im Oktober 2009, doch noch ein halbes Jahr später gerät Julian Stentenbach ins Schwärmen, wenn er von dem abenteuerlichen Trip erzählt: »Es war so spannend - die sechs Tage sind verflogen wie eine halbe Stunde.« Er sei sehr stolz auf die Leistung seines Teams: »Unser Auto hat in Australien für viel Aufsehen gesorgt.« Seinen eigenen Verdienst sieht Stentenbach, der die Studentengruppe leitete, weniger in der Konstruktionsarbeit. Zwar hatte er anfangs am Fahrwerk des Solarmobils mitgearbeitet, dann aber war er schnell zum Chef gewählt worden. In dieser Funktion musste er zwischen der Elektrik- und der Mechanikfraktion vermitteln. »Die Herausforderung bestand darin, das gesamte Projekt im Auge zu behalten - bis hin zur Reise nach Australien.« Dass Stentenbach sich als Teamchef bewährte, hat der 25-Jährige wohl auch seinem Studium zu verdanken, denn er studiert im sechsten Semester Mechatronik. Dabei handelt es sich um ein ingenieurwissenschaftliches Fach, das Elemente aus Maschinenbau, Elektrotechnik und Informatik vereinigt. Mechatronik steckt allerdings nicht nur in Hightech-Entwicklungen wie dem BOcruiser. »Überall dort, wo Maschinen etwas bewegen und diese Bewegung durch ein intelligentes System gesteuert wird, spricht man von Mechatronik«, sagt Reiner Dudziak, Professor für Mechatronik an der Hochschule Bochum.

Das Antiblockiersystem etwa ist ein solches mechatronisches System, in dem mechanische, elektrische und informationstechnische Komponenten zusammenarbeiten. Sensoren messen die Umdrehungsgeschwindigkeit der Räder und leiten die elektrischen Signale an einen Computer weiter. Blockieren die Räder, sorgt der Rechner dafür, dass sich die Bremsen im Millisekundentakt abwechselnd lösen und dann wieder zupacken - so bleibt das Auto lenkbar, und der Fahrer kann das Hindernis umfahren. Mechatronische Systeme arbeiten auch in Bankautomaten, Digitalkameras, Spülmaschinen oder Windrädern. Mechatronik-Ingenieure entwickeln solche Produkte, arbeiten aber auch in der Beratung und im Service.

Früher verlief die Entwicklung meist in einem zweistufigen Prozess: Zuerst konstruierten Maschinenbau-Ingenieure die Mechanik, anschließend machten sich Elektrotechnik-Ingenieure daran, die Mechanik zu automatisieren. Trotz vieler Absprachen kam es an dieser Stelle häufig zu Problemen. »Beide Prozesse parallel laufen zu lassen war nicht üblich«, sagt Reiner Dudziak. Dann aber wurde die Technik immer komplexer - und ein Umdenken begann. »Heute werden zunehmend Fachkräfte gesucht, die auch an den Schnittstellen arbeiten können und darauf achten, dass mehrere Entwicklungs- und Produktionsschritte integriert ablaufen. Dafür sind Mechatronik- Ingenieure prädestiniert«, sagt Dudziak von der Hochschule Bochum. Nachfragen bei Unternehmen bestätigen diese Einschätzung. Bei Bosch beispielsweise sind Mechatroniker als »Multitalente« gerne gesehen, »weil sie technische Fragestellungen ganzheitlich betrachten«, sagt Eva-Maria Weidner, Leiterin der Konzernabteilung Personal- und Hochschulmarketing. Die Wertschätzung ist so groß, dass der Konzern gemeinsam mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg einen Bachelorstudiengang für Mechatronik anbietet.


Der erste Mechatronik-Studiengang in Deutschland startete erst 1993, mittlerweile gibt es schon rund 80 davon an Universitäten, Fachhochschulen und Berufsakademien. Die Lehrpläne sind in den ersten Semestern ähnlich. Die Studenten beschäftigen sich viel mit Mathematik, etwa mit Differenzialgleichungen und Matrizenrechnung, und mit Physik, zum Beispiel mit Optik und Wärmelehre. Außerdem geht es um ingenieurwissenschaftliche Grundlagen wie Mechanik und Elektronik, und die Studenten lernen Programmieren. Das klingt anspruchsvoll, wie hoch sind die Anforderungen genau? »Man muss keine technische Ausbildung mitbringen und braucht auch keine Informatik-Vorkenntnisse, aber in Mathematik und Physik sollte man im Abitur schon eine Zwei erreicht haben«, sagt Elke Pfeil, die im vierten Semester Mechatronik an der Hochschule Aschaffenburg studiert. Wer sich mit der harten Kost der Einführungsseminare schwertut, kann sich vielleicht mit der Vorfreude auf Laborpraktika motivieren. Dort wird es spannender, weil die Studenten der beruflichen Praxis sehr nahe kommen. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Automation. »In einem Praktikum mussten wir zum Beispiel eine Maschine, die verdrecktes Wasser filtert, automatisieren«, erzählt die Studentin Elke Pfeil. In den höheren Semestern stehen fachspezifische Vertiefungen an, zum Beispiel Antriebstechnik oder Produktion. In den Mas terstudiengängen reicht das Angebot der Spezi alisierungen von Automobiltechnik, Feinwerk- und Mikrotechnik über Medizintechnik bis hin zu Robotik.

Bei der Entscheidung für den Studienort kann auch ein Blick auf das neue Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) helfen, das erstmals Mechatronik-Studiengänge eigens ausweist. Gleich vier Hochschulen - Aschaffenburg, Esslingen, Ingolstadt und Ulm - belegen Spitzenplätze in allen vier hier abgebildeten Kategorien. Ganz vorne dabei in puncto Studiensituation, Betreuung und Praxisbezug sind auch die Fachhochschule Deggendorf, die Hochschule Heilbronn und die Hochschule Offenburg. Viel Licht - aber es gibt auch Schatten: Sechs Hochschulen bekommen in zwei Kategorien - Studiensituation und Betreuung - schlechte Noten; die Hochschule Augsburg und die Hochschule München gehören in den vier abgebildeten Kategorien zur Schlussgruppe.

Warum führt das Mechatronik-Ranking nur Fachhochschulen? Dort haben sich eigene Institute für diese Fachrichtung gebildet, während an den Universitäten Mechatronik noch stark in die ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten für Maschinenbau oder Elektrotechnik integriert ist. »Deshalb ist es derzeit nicht möglich, zum Beispiel die eingeworbenen Forschungsgelder in Mechatronik in klarer Abgrenzung zu den Nachbardisziplinen zu erfassen«, sagt Petra Giebisch vom CHE. Egal, ob sie an einer Universität oder einer Fachhochschule studiert haben: »Die Berufsaussichten für Mechatronik-Ingenieure sind sehr gut«, sagt Ralf Beckmann, Arbeitsmarktexperte bei der Bundesagentur für Arbeit. Kein Wunder, sagen doch jetzt schon 60 Prozent der Unternehmen, sie könnten ihren Bedarf an Ingenieuren nicht decken.

Dabei müssen Mechatronik-Ingenieure für die Einladung zum Vorstellungsgespräch nicht zwingend einen Master mitbringen. »Ausschlaggebend ist, dass Absolventen mit ihren Fähigkeiten und Kenntnissen optimal zur Aufgabe passen«, sagt Eva-Maria Weidner von Bosch. Die Aufgabe sei auch Grundlage für das Gehalt: »Nicht der Abschluss zählt, sondern der Job.« Und wo werden die meisten Jobs angeboten? Besonders zukunftsträchtig, sagt der Arbeitsmarktexperte Ralf Beckmann, seien die Bereiche Robotik, Luft- und Raumfahrt, erneuerbare Energien und Elektromobilität. Wenn es so kommt, dürfte Julian Stentenbach auf dem richtigen Weg sein. Der Mechatronik- Student von der Hochschule Bochum würde später nämlich gerne Elektroautos konstruieren. Zunächst steht für Stentenbach aber die Bachelorarbeit an.

Aus DIE ZEIT :: 22.07.2010

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