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Gegen ein Anti-Wikipedia-Dogma an Hochschulen

Von Johannes Becher und Viktor Becher

Wikipedia feiert gerade seinen zehnten Geburtstag - und auch nach zehn Jahren scheiden sich noch die Geister, wie es um die Qualität und Verlässlichkeit der Inhalte der Enzyklopädie bestellt ist. Der nachfolgende Beitrag untersucht die von den Gegnern vorgebrachten "Vorurteile" und plädiert gegen ein pauschales Wikipedia-Zitierverbot an den Hochschulen.

Gegen ein Anti-Wikipedia-Dogma an Hochschulen© micjan - Photocase.deKann man in wissenschaftlichen Arbeiten pauschal ein Wikipedia-Zitierverbot aussprechen?
Wikipedia hat einen beispiellosen Siegeszug über den Markt der internetbasierten Nachschlagewerke hinter sich. Die freie Online-Enzyklopädie ist heute (nach dictionary.com) das am zweithäufigsten genutzte Online-Nachschlagewerk. Wikipedias letzter großer Konkurrent, Microsofts 1993 erschienene Encarta, verschwand 2009 vom Markt. Damit ist Wikipedia heute die enzyklopädische Anlaufstelle Nummer eins für Millionen von Internetnutzern weltweit.

Selbst ein kalifornisches Gericht hat jüngst Wikipedia in einer Urteilsbegründung zu Rate gezogen, um technische Fachbegriffe zu klären (Io Group v. Veoh Networks 2008). Auch Akademiker ziehen die Online-Enzyklopädie immer häufiger zu Rate, wie eine Suche nach der Zeichenfolge "wikipedia.org/wiki" in Elseviers Online-Datenbank ScienceDirect zeigt: 691 Suchtreffer für 2008, 817 Treffer für 2009, und 2010 wurde Wikipedia bereits 1 050 mal in Elsevier-Publikationen zitiert (Stand: Dezember 2010). Die zunehmende Beliebtheit von Wikipedia unter Wissenschaftlern steht im krassen Gegensatz zur Auffassung der meisten deutschen Hochschullehrer, die ihren Studenten das Zitieren von Wikipedia-Artikeln weitgehend verbieten. Von Leitfäden zur Anfertigung von Seminararbeiten bis hin zu Prüfungsordnungen: auf allen Ebenen der Hochschullehre finden sich Wikipedia-Zitierverbote. Es hat sich ein regelrechtes Anti-Wikipedia-Dogma herausgebildet, das weder von Studenten noch von Dozenten angezweifelt wird. Das finden wir äußerst bedauerlich. Denn erstens wird die Aufbereitung und Vermittlung von Wissen im Internet in Zukunft noch stärker von Wikipedia und ähnlichen Formaten dominiert sein, als sie es ohnehin schon ist. Dies legen zumindest aktuelle Statistiken wie die obige nahe. Daher stehen Hochschulen unseres Erachtens in der Pflicht, ihren Studenten einen reflektierten Umgang mit dem Online-Nachschlagewerk beizubringen. Zweitens beruht der Bannspruch der deutschen Hochschullehrer gegen Wikipedia auf einer Reihe von Missverständnissen und Vorurteilen, mit denen wir im Folgenden aufräumen möchten.

Vorurteil 1: Wikipedia-Artikel sind qualitativ minderwertig

Als "freie" Enzyklopädie stammt Wikipedia nicht aus einer Feder, sondern besteht aus den freiwilligen Beiträgen tausender Wikipedia-Nutzer, die so gleichzeitig zu Autoren werden. Ob unbekannter Laie oder weltberühmte Koryphäe: Bei Wikipedia darf im Prinzip jeder seinen Senf dazugeben. Die heterogene Autorenschaft von Wikipedia kann zu der Annahme verleiten, die Artikel seien qualitativ minderwertig und durchzogen von groben inhaltlichen Fehlern. Mittlerweile liegen jedoch zahlreiche Studien vor, die zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist. So hat bereits im Jahr 2005 die Zeitschrift Nature Artikel aus Wikipedia und der renommierten Encyclopaedia Britannica einem Vergleichstest unterzogen. In einem blinden Peer-Review-Verfahren wurden 42 Artikel von Experten des jeweiligen Fachgebiets auf Fehler und Ungenauigkeiten überprüft. Wikipedia schnitt mit durchschnittlich vier Ungenauigkeiten pro Artikel nur unwesentlich schlechter ab als die Encyclopaedia Britannica, die pro Artikel etwa drei Ungenauigkeiten enthielt. Kein Unterschied bestand in Hinblick auf schwerwiegende Fehler: Auf die 42 ausgewählten Artikel entfielen in beiden Nachschlagewerken vier solcher Fehler. Zwar kritisierten die von Nature beauftragten Gutachter die teils schlechte Lesbarkeit der Wikipedia-Artikel, lobten andererseits jedoch deren Aktualität.

Bei der Auswahl der zu vergleichenden Artikel fiel den Redakteuren von Nature zudem auf, dass Wikipedia Artikel zu Themen bot, die in der Encyclopaedia Britannica überhaupt nicht repräsentiert waren. Zu einem ähnlich positiven Urteil über Wikipedia kam auch das Magazin Stern in einer vergleichenden Studie, die 2007 beim Wissenschaftlichen Informationsdienst WIND in Auftrag gegeben wurde. In der Studie wurden 50 zufällig ausgewählte Stichwörter in Wikipedia und der Online-Ausgabe der 15-bändigen Brockhaus-Enzyklopädie abgerufen und begutachtet. In 43 Fällen bekam Wikipedia die bessere Wertung. Im Durchschnitt bewerteten die Tester die Wikipedia-Artikel mit der Schulnote 1,7, ihre Pendants aus dem Brockhaus hingegen nur mit 2,7. Interessanterweise schloss Wikipedia auch im Falle des wichtigsten Bewertungskriteriums, der faktischen Richtigkeit, insgesamt besser ab als der redaktionell erstellte Brockhaus.

Wie kann es sein, dass Wikipedia selbst mit renommierten Enzyklopädien wie der Encyclopaedia Britannica und dem Brockhaus mithalten kann? Sollte die freie Enzyklopädie, zu der jeder beitragen kann, nicht durchsetzt sein von laienhaften Fehlern und Manipulationsversuchen? Das Geheimnis hinter Wikipedias Erfolg ist die riesige Zahl ambitionierter Autoren, die die Enzyklopädie selbst ausgiebig nutzen. Legt jemand einen Beitrag aus Scherz oder betrügerischer Absicht an oder baut absichtlich oder unabsichtlich Fehler in bestehende Artikel ein, wird der Beitrag oft bereits binnen weniger Minuten von einem anderen Nutzer entfernt - Peer Reviewing in Höchstgeschwindigkeit. (Besteht der Beiträger auf seiner Hinzufügung, wird er sich beschweren und die Löschung rückgängig machen. Auf diese Weise entstehen regelmäßig fruchtbare Diskussionen, die letztendlich für Wikipedias bemerkenswerte Objektivität und Ideologiefreiheit mitverantwortlich sind.)

Vorurteil 2: Wikipedia ist chaotisch

Der offene, partizipative Erstellungsprozess von Wikipedia-Artikeln führt vor allem bei unerfahrenen Nutzern oft zu Verwirrung. So wird bisweilen bemängelt, dass Artikel sich nach der Nutzung als Quelle schnell ändern können und die Quelle selbst somit niemals nachprüfbar sein könne. Dabei ist vielen nicht bekannt, dass Wikipedia auf jeder Artikelseite die Möglichkeit bietet, den sogenannten Permanentlink der gerade gesichteten Version abzurufen und in ein Zitat einzubauen. Der Leser eines solchen Zitats kann so auch nach Jahren noch die Version abrufen, auf die sich der Verwender des Zitats beim Schreiben berufen hat. Der schnelle Revisionsprozess, der für Wikipedia-Artikel charakteristisch ist, kann also als reiner Vorteil dieser Enzyklopädie gesehen werden, da er ein Maß an Aktualität ermöglicht, das traditionelle, redaktionell gefertigte Informationsquellen in der Regel nicht bieten können.

Ebenfalls bisweilen bemängelt wird die bedauernswerte Tatsache, dass Wikipedia im Vergleich zu anderen Nachschlagewerken besonders anfällig für Plagiarismus ist. In der Tat sind Fälle bekannt geworden, in denen urheberrechtlich geschützte Inhalte unlizenziert in Wikipedia hineinkopiert wurden. Hier haben wir es also tatsächlich mit einem genuinen Nachteil der freien Enzyklopädie zu tun - allerdings mit einem unvermeidlichen. Man sollte bedenken, dass der offene (und daher für Plagiarismus anfällige) Produktionsprozess, dem Wikipedia sein ungeschlagenes Maß an Aktualität und Objektivität verdankt, gleichzeitig den größten Vorteil der Online-Enzyklopädie darstellt. Alles hat Vor- und Nachteile. Wir sind der Ansicht, dass Wikipedias viele Vorteile diesen einen Nachteil mehr als aufwiegen. Dennoch sollten Nutzer sich der Plagiarismus-Gefahr bei Wikipedia bewusst sein und gegebenenfalls verdächtige Inhalte in eine Suchmaschine eingeben, um ihre Originalität zu verifizieren. (Es versteht sich von selbst, dass plagiierte Inhalte aufgrund des Wikipedia-inhärenten Peer-Review-Verfahrens im Allgemeinen schnell identifiziert und gelöscht werden.)

Vorurteil 3: Wikipedia ist keine verlässliche Informationsquelle

Des Öfteren hört man die Beschwerde, Wikipedia-Artikel seien unzuverlässig, weil Aussagen nur unzureichend belegt würden. Dieses Vorurteil scheint aus der Anfangszeit von Wikipedia zu stammen, in der es tatsächlich an Belegen mangelte. Schon seit Jahren verlangen Wikipedias Autorenrichtlinien jedoch eine Stützung von Aussagen mit Belegen. Unbelegte Aussagen werden direkt im Artikel als solche gekennzeichnet und, sofern die Aussage nach einiger Zeit nicht belegt werden kann, gelöscht. Zudem sollten Studenten ohnehin lernen, ständig ein Auge darauf zu haben, ob Aussagen hinreichend belegt werden, denn auch in akademischen Publikationen finden sich bisweilen unbelegte Aussagen. In jedem Fall kann das vereinzelte Fehlen von Belegen keine schlüssige Begründung für ein grundsätzliches Wikipedia-Zitierverbot darstellen.

Als weitere Begründung für die angebliche Unzuverlässigkeit von Wikipedia wird die unklare Autorenschaft einiger Artikel angeführt. In der Tat finden sich vereinzelt Beiträge anonymer Autoren. Dies muss jedoch kein Problem sein. Denn zu jedem Artikel lässt sich seine Versionsgeschichte aufrufen, aus der unmittelbar ersichtlich ist, wie viele verschiedene Autoren an dem Artikel mitgearbeitet haben, was die individuellen Autoren jeweils beigetragen haben usw. Zudem gibt die Diskussionsseite eines jeden Wikipedia-Artikels preis, welche Erwägungen und Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren die Entstehung des Artikels geprägt haben. Dabei ist ein Artikel, der von über 200 Autoren kontrovers diskutiert worden ist, sicherlich als verlässlicher zu bewerten als ein Artikel, dessen Versionsgeschichte und Diskussionsseite nur wenige Einträge enthalten. Studenten erhalten bei Wikipedia die Gelegenheit, sich selbst ein Bild von der Kontroversität eines Themas zu machen - was natürlich voraussetzt, dass sie den korrekten Umgang mit Wikipedia gelernt haben.

In diesem Zusammenhang möchten wir abschließend darauf hinweisen, dass Wikipedia in bestimmter Hinsicht wesentlich verlässlicher ist als traditionelle Nachschlagewerke, nämlich in puncto Objektivität. Gerade aktuelle und besonders kontroverse Themen, wie zum Beispiel ein laufender Krieg, werden bei Wikipedia von Tausenden von Autoren diskutiert. Dadurch ist sichergestellt, dass der entsprechende Artikel einen echten Konsens darstellt bzw. alle Meinungen in der Debatte in irgendeiner Form widergibt. Wikipedia ist damit resistent gegen ideologisch gefärbte und manipulative Inhalte wie kaum eine andere Informationsquelle.

Woher stammen die Wikipedia-Zitierverbote?

Hochschulen erheben den Anspruch, ihre Studenten zum wissenschaftlichen Arbeiten zu befähigen. Dazu gehört unter anderem der reflektierte und eigenverantwortliche Umgang mit Quellen. Das dogmatische, auf Vorurteilen beruhende Verbot von Wikipedia-Zitaten erreicht jedoch genau das Gegenteil. Studenten wird der falsche Eindruck vermittelt, die Verlässlichkeit einer Quelle könne vom Renommee des Autors und/oder des publizierenden Verlages abgeleitet werden. Tatsächlich aber ist es ein Grundsatz wissenschaftlichen Arbeitens, dass jede Quelle auf ihre Verlässlichkeit überprüft werden muss. Gerade im Umgang mit Wikipedia könnten Studenten lernen festzustellen, ob Aussagen ausreichend belegt werden und sich durch den Vergleich mit anderen Quellen verifizieren lassen. Ein pauschales Wikipedia-Verbot ist daher kontraproduktiv. Woher kommen überhaupt die vielen Wikipedia-Zitierverbote, deren Rechtfertigung wir in diesem Aufsatz angegriffen haben? Unseres Erachtens rühren sie daher, dass Wikipedia in zunehmendem Maße von Studenten genutzt und daher auch zitiert wird - und zwar oft in unangemessener Weise -, was verständlicherweise bei Dozenten auf Widerstand stößt. Das Problem besteht unseres Erachtens aber nicht darin, dass Studenten Wikipedia zitieren, sondern dass sie die Enzyklopädie nicht richtig gebrauchen bzw. sich übermäßig auf sie verlassen. Natürlich ist es unwissenschaftlich, z.B. die Hauptaussage einer Seminararbeit allein auf einen Artikel aus einer Enzyklopädie zu stützen - ganz gleich, ob es sich dabei um Wikipedia oder um eine traditionelle Enzyklopädie handelt.

Unseres Erachtens spricht jedoch nichts dagegen, eine schöne Definition oder ein gutes Argument aus einem Wikipedia-Artikel aufzugreifen und dies in Form eines entsprechenden Hinweises zu würdigen. Anstatt Wikipedia pauschal zu verbieten, sollten Hochschullehrer in Zukunft verstärkt Wert darauf legen, ihren Studenten ein echtes Verständnis der Grundlagen wissenschaftlichen Zitierens zu vermitteln. Das Problem unangemessener Wikipedia-Zitate, dessen Ursache von den bestehenden Zitierverboten lediglich verschleiert wird, sollte sich dann wie von selbst erledigen.


Über die Autoren
Johannes Becher hat gerade einen Master of Law and Business an der Bucerius Law School und der WHU - Otto Beisheim School of Management abgeschlossen und promoviert jetzt an der Bucerius Law School im Bereich Urheberrecht.
Viktor Becher hat Sprachlehrforschung, Englische Sprache und Phonetik an der Universität Hamburg studiert, wo er jetzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich Mehrsprachigkeit promoviert.


Aus Forschung und Lehre :: Februar 2011

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