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Im historischen Sinkflug - Die Gehälter von Professoren

VON ALEXANDER SOHN

In seinem viel diskutierten Buch "The Capital of the 21st Century" diskutiert Thomas Piketty ausführlich die Veränderung der Gehälter von Spitzenmanagern im Laufe des 20. Jahrhunderts und insbesondere deren "take-off" in den letzten Jahrzehnten. Im Gegensatz dazu befindet sich das Einkommen der Professoren in Deutschland im stetigen Sinkflug, wie Ergebnisse einer aktuellen Studie zeigen.

Im historischen Sinkflug - Die Gehälter von Professoren© Nomad_Soul - Fotolia.comAbwärtsflug: Seit Jahren sinken die Professorengehälter
Im Zuge des DFG-Projektes "Die Entwicklung der Professorengehälter in Deutschland im 20. Jahrhundert" des Lehrstuhls für Wirtschaftsgeschichte der Universität Bielefeld wurde die Höhe der Einkommen Ordentlichen Professoren (mit den heutigen W3-Professoren vergleichbar) für den Zeitraum 1908 bis 1965 für sechs verschiedene Fachbereiche (Chemie, Ingenieurswesen, Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Rechtswissenschaften und Geisteswissenschaften) ermittelt.

Für diese Fächer konnten, auf Grundlage der Personalakten aus 15 Universitätsarchiven in Deutschland, die aus Grundgehalt, Wohngeld, Kolleggeldern und sonstigen Zulagen bestehenden Gehälter von 221 Professoren rekonstruiert werden.

Auf Basis dieser Daten lässt sich das zu erwartende Einkommen für einen Geisteswissenschaftler für die Jahre 1908 bis 1910 auf 9.300 Mark beziffern, während ein Professor der Chemie zu jener Zeit aus seiner professoralen Tätigkeit mit einem ähnlichen Einkommen von 9.200 Mark rechnen konnte. Spitzenverdiener waren jedoch Professoren der Rechtswissenschaften mit einem Durchschnittseinkommen von 13.000 Mark.

In den Jahren nach der Hyperinflation und der Währungsstabilisierung 1924 betrug das erwartete Einkommen eines Juraprofessors 24.400 Reichsmark. Zur gleichen Zeit konnte ein Professor der Chemie mit einem Gehalt von 18.100 RM rechnen, während das Gehalt geisteswissenschaftlicher Professoren mit lediglich 13.900 RM wesentlich geringer ausfiel. Der Grund für die Einkommensunterschiede innerhalb der Professorenschaft ist in erster Linie auf die Kolleggelder zurückzuführen.

Kolleggelder als Einkommensstütze

Diese Gelder, welche von den Studierenden für das Hören einer Vorlesung an den dozierenden Professor gezahlt wurden, machten einen erheblichen Anteil des Professorengehalts aus. Folglich profitierten von diesen Geldern vor allem Professoren mit vorlesungsstarken Fächern und insbesondere die Juristen aufgrund eines zu jener Zeit herrschenden starken Drangs junger Männer nach einem Jura-Studium. In den dreißiger Jahren waren Professoren ebenso wie andere Angestellte des öffentlichen Dienstes von den Haushaltskürzungen nach der Weltwirtschaftskrise betroffen.

Infolgedessen fielen die Gehälter der Professoren der Geisteswissenschaften und der Chemie auf 11.000 bzw. 14.000 RM. Weitaus dramatischer war das Absinken des Gehaltes der Professoren der Rechtswissenschaften auf 13.200 RM. Dass dieser Verfall der Professorengehälter der Rechtswissenschaften nicht nur mit dem dramatischen Rückgang der Studierenden, sondern auch mit dem noch sehr viel dramatischeren Verfall der Grundrechte von Millionen von Bürgern einherging, hinterlässt einen bitteren Beigeschmack dieser sonst trockenen ökonomischen Analyse.

Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderten sich die Universitätslandschaft und auch das Besoldungssystem nachhaltig. In den sechziger Jahren, als die Studierendenzahlen rasant anwuchsen, veränderte sich aufgrund der Kolleggelder auch hier das Gehaltsgefüge entsprechend. So näherte sich das Gehalt der Geisteswissenschaftler dem der Juristen wieder an.

Der allmähliche Abstieg aus der Liga der Topverdiener

Während ein rechtswissenschaftlicher Professor im Zeitraum zwischen 1963 und 1965 ein Gehalt von 45.900 D-Mark erwarten konnte, betrug jenes für den geisteswissenschaftlichen Professor 43.200 D-Mark. Im Gegensatz dazu büßten die Professoren der Chemie in der professoralen Gehaltshierarchie wieder Plätze ein und fanden sich mit einem erwarteten Gehalt von 38.400 D-Mark unterhalb der Geisteswissenschaftler wieder. Mit der Kolleggeldreform Mitte der 1960er Jahre wurden die auf die Studentenzahl bezogenen Gehaltsbestandteile des Professoreneinkommens dann aber endgültig abgeschafft, um die Expansion der Hochschulen zu ermöglichen.

Naturgemäß sind solche nominellen Gehaltsinformationen nur von sehr bedingtem Nutzen, um jene Gehälter mit denen von heute zu vergleichen. Leider sind intertemporale Vergleiche der absoluten Höhe und der Kaufkraft dieser Gehälter aufgrund von zwei Währungsschnitten, Preisschwankungen und Konsumveränderungen problematisch. Die in den letzten Jahren publizierten Arbeiten von Fabien Dell, eines Doktoranden von Thomas Piketty, erlauben es uns jedoch, die Einkommen der Professoren in das Gefüge der gesamtgesellschaftlichen Einkommenspyramide einzuordnen.

Nach Dells Berechnungen betrug die Schwelle, um zu dem obersten ein Prozent der am besten verdienenden Einkommensgruppen zu gehören, im Jahr 1910 7.900 Mark. Folglich fand sich das Durchschnittsgehalt des Ordentlichen Professors aus allen drei hier diskutierten Fächern (Chemie, Geisteswissenschaften, Rechtswissenschaften) im illustren Kreise der Topverdiener. Entgegen den - freilich mit Blick auf die Lage der Privatdozenten geschriebenen - Befürchtungen von Alfred Weber (siehe seine Schrift "Die Not der Geistigen Arbeiter" von 1923) waren Professoren wenige Jahre nach der Hyperinflation und den damit einhergehenden Verwerfungen der Einkommensverhältnisse sogar relativ hoch aufgerückt und lagen mit den Durchschnittsgehältern in einigen Fachbereichen 1928 sehr deutlich über dem Schwellenwert von 10.600 RM.

Höchstes Professorengehalt

Professor Paul Natorp (Philosoph und Pädagoge) erhielt laut Stichprobe 1908 mit 16.200 Mark das höchste Gehalt. Mit diesem Gehalt befand er sich innerhalb der Top 0,4 Prozent der Einkommen.
Nach den zwanziger Jahren setzte ein stetiger relativer Abstieg der Professorengehälter ein, sodass in den 1960er Jahren nur noch vereinzelt Professoren der Sprung in die Bel Étage der Gehälter gelang, die 1965 bei 51.600 D-Mark begann. Um die Jahrtausendwende lag das durchschnittliche Gehalt eines Professors bei 141.000 D-Mark, was nur noch ungefähr der Hälfte des Schwellenwertes von 240.000 D-Mark entsprach. Sogar mit der höchstmöglichen Entlohnung in der damaligen C-Besoldung von 233.000 D-Mark blieb ein Professor mit seinem Einkommen aus seiner Kerntätigkeit unterhalb der Verdienste des höchsten Perzentils.

Nach den aktuellsten Zahlen erhielt ein W3-Professor im Jahr 2011 im Durchschnitt 90.000 Euro, was sehr deutlich unterhalb des extrapolierten Schwellenwertes von 150.000 Euro liegt. Zwischen 1910 und 2011 können wir somit einen klaren relativen Rückgang des Einkommens von Professoren im Vergleich zu den Spitzenverdienern feststellen, der in den 1930er Jahren begonnen hat und dann an Fahrt gewann. Allerdings bezieht sich diese Beobachtung lediglich auf die regulären Einkommen aus Professorentätigkeit und berücksichtigen Nebeneinkommen ebenso wenig wie Vermögenswerte.

Kein radikaler Absturz der Professorengehälter

Während Professoren am Anfang des Jahrhunderts noch zu dem bestverdienenden Prozent der Bevölkerung gehörten, ist dies 2011 mitnichten der Fall. Es sei jedoch an dieser Stelle angemerkt, dass, wenngleich die Geschwindigkeit des Abstieges in verschiedenen Perioden variierte, wir zu keiner Zeit einen radikalen Absturz der Professorengehälter feststellen konnten - weder durch die Abschaffung der Kolleggelder noch durch die Einführung neuer Besoldungskategorien.

Die Gründe des Abstiegs sind mannigfaltig. Der grundlegende Gedanke, dass die relative Höhe eines Gehalts immer gesellschaftlich definiert wird, wie Gert Wagner in der Ausgabe 7/14 von Forschung & Lehre erläutert, wirkt auch hier. Demnach ist festzustellen, dass im "Jahrhundert des Humankapitals" ein wichtiger Produzent eben jenes Humankapitals - der Professor - die gesellschaftliche Honorierung in Form des relativen Gehaltes in großen Teilen einbüßte. Die Zeit wird zeigen, ob sich dieser Niedergang im 21. Jahrhundert fortsetzt, ob er abebbt oder sich gar umkehrt.


Über den Autor
Alexander Sohn, M.A. Int. Econ., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Statistik an der Universität Göttingen.

Aus Forschung & Lehre :: September 2014

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