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Geheime Gold-Fabrik

VON DAVID BINNIG

Ein Berliner Institut entwickelt mit Staatshilfe maßgeschneiderte Sportgeräte für deutsche Olympiateilnehmer.

Geheime Gold-Fabrik© wesel - Fotolia.comDie Erforschung und Entwicklung von Sportgeräten für Olympiateilnehmer erfolgt am Berliner Institut FES
Die Spree steht, dunkelbraun, fast schwarz, zwischen ausgebrannten Gebäuden, Ruinen, Brachland. An ihrem Ufer verfallen Fabriken, größer als der Reichstag, einst roter Backstein bröckelt, ergraut. Auf der anderen Flussseite führen Trampelpfade über einen leeren Bauplatz, auf dem Büsche und Bäume wachsen, ein ganzer Wald. Ein Haus ist anders. Hellbeige und renoviert, vier Stockwerke hoch. Unauffällige Überwachungskameras, Panzerglas und Stacheldraht. Auf der Glastür kleben drei Buchstaben, in Schwarz, Rot, Gold: FES.

Im Eingang ist nichts als Leere, kein Empfang, keine Möbel, kein Mensch. Nur Kameras und eine Tafel mit Nummern, die man in eine Tastatur an der Wand tippen muss, um sich bei jemandem anzumelden. Auf der Tafel steht in mittelgroßen Lettern: Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES).

Es existiert nichts Vergleichbares auf der Welt. Mitten in einem abgehalfterten Berliner Industriegebiet steht die älteste, größte und erfolgreichste Denkfabrik des internationalen Spitzensports. Hier in Schöneweide, einem Stadtteil, den man im Rest Berlins auch gerne Schweineöde nennt. Das FES arbeitet seit fast 50 Jahren an der perfekten Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Das Institut entwickelt und fertigt Sportgeräte für deutsche Olympiastarter - im Radsport, Schwimmen oder Rudern. Es erschafft maßgeschneiderte Geräte für Kanuten, Schützen, Leichtathleten.

Das FES baut Räder und Lenker, Bobs und Boote, Gewehre und Schlitten, Trainings- und Testgeräte. Material, das hilft, Medaillen zu gewinnen. Wie viele schon mit den Maschinen des Instituts gewonnen wurden, weiß niemand. Bei den vergangenen beiden Winterspielen war FES-Material an der Hälfte aller deutschen Medaillen beteiligt.

Trotz Firewall wurden die Computer gehackt. Die Spur führte nach China

Das Institut, umstanden von Ruinen, ist ein Relikt, ein Erbe der DDR. 1963 gegründet, zwei Jahre nach dem Bau der Mauer, brachte es über Jahrzehnte etliche »Sputniks« hervor: Entwicklungen, die die westliche, kapitalistische Welt schockierten - leichtere, bessere, schnellere Sportgeräte. Technik wie vom anderen Stern. Die ersten Ruderboote aus Karbon entstanden in Ost-Berlin, die schnellsten Kanus, die ersten Karbonscheibenräder und -fahrradrahmen. Seitdem entwickeln die Ingenieure das Material ständig weiter, oder sie erfinden es neu. Nur für die Spiele, wie jetzt für London 2012.

Das Institutsgebäude ist ein Trugschloss: Hinter der unscheinbaren, biederen Fassade erstreckt sich der Bau T-förmig bis zur Spree, mit einem Mittelschiff wie eine Kirche, 7000 Quadratmeter, Gitter, Kameras, Sicherheitstüren. Das Computersystem ist von einer Firewall geschützt, die auch ein paar Kilometer weiter nördlich zum Einsatz kommt, in den Bundesministerien. Hackerangriffe hat es dennoch schon gegeben. Sie wurden zurückverfolgt, bis nach China.

Im zweiten Stock, hinter einer von Dutzenden Türen eines langen, dunklen Gangs, arbeitet der »Projektleiter Radsport«. Ronny Hartnick, Diplomingenieur, sieht aus, als könnte er selbst in London starten: braun gebrannt, kurzbehost, rasierte Beine, 33 Jahre alt. In seinem Büro stehen Karbonlaufräder, auf dem Schrank zersägte Rahmen.

Hartnick sitzt vor dem Computer und spielt mit einer Puppe. So nennt er die virtuelle Figur auf dem virtuellen Rad, die er gerade auf seinem Bildschirm hin und her bewegt: ein kleiner grauer, haar- und gesichtsloser Mensch. Die Puppe ist Maximilian Levy, sie wurde nach seinem Vorbild geschaffen, nach seinem Körper modelliert. Der Bahnsprinter wurde am Leipziger Institut für Angewandte Trainingswissenschaft gescannt - die entstandenen Daten zu ordnen und in ein 3-DModell zu übertragen dauerte zwei Wochen. Um die Puppe und ihr Rad strömt eine virtuelle Brise, ein Windkanal im eigenen Büro.

»Im Grunde ist unsere Aufgabe ziemlich schlicht«, sagt Hartnick. »Wir versuchen bei unseren Rädern drei Parameter, die sich eigentlich ausschließen, zu vereinbaren: Steifigkeit, Gewicht, Aerodynamik.« Ein aerodynamischer Rahmen muss flache Strukturen haben, die sind aber nicht steif; um sie steif zu bauen, muss mehr Material verwendet werden, mehr Material macht den Rahmen schwerer. »Supersteif waren unsere Rahmen schon immer. Beim neuen Rad ist uns jetzt auch in Sachen Gewicht ein Quantensprung gelungen«, sagt Hartnick und führt durch die Gänge zu einem Lastenaufzug von der Größe einer Einzimmerwohnung.

Der Rahmen eines Rennrads besteht aus 200 Stücken Karbonfolie

Die Werkstatt im ersten Stock könnte genauso gut in der Fabrik eines schwäbischen Maschinenbauers stehen: Fräsen, Bohrer, CNC-Maschinen, Männer und Frauen im Blaumann. Es riecht nach Kleber und Lösungsmittel. Es wird gehobelt, es fallen Späne - aus einem massiven Titanblock, der einmal zu einem filigranen Anbauteil eines Fahrradrahmens, einem Ausfallende, werden wird. Im Raum daneben steht ein Ding, das aussieht wie eine Kreuzung aus Heizöltank und U-Boot. Ein Autoklav. Darin werden die Karbonteile durch Druck, bis zu neun Bar, und Hitze gehärtet: Rahmen, Ruderbootsitze, Paddel, Gewehrschäfte.

Bis vor zwei Jahren wurde das Karbon der Fahrradrahmen noch nasslaminiert: Mitarbeiter pinselten die Karbonmatten mit Harz ein und fügten sie zusammen. Heute kommen die Fasern als Prepreg, fertige Folie.

Ronny Hartnick steht am Schneideroboter, der über eine ausgelegte Prepreg-Karbonfolie rast, und nimmt eine Radgabel in die Hand - das, was einmal eine Gabel werden soll: 160 Stücke Folie. Ein Rahmen besteht aus etwa 200 Teilen. Die Maschine schneidet sie alle passgenau aus, vollautomatisch. »In den Rahmenfabriken in Asien haben sie so etwas normalerweise nicht. Da stehen 100 Leute mit Scheren da und schneiden das Zeug aus.« Aus den Schnipseln werden im Autoklav Rahmen oder Lenker, Sattelstützen oder Gabeln, die deutlich leichter und stabiler sind als die Vormodelle.

Die neuen FES-Räder, auf denen alle aktuellen deutschen Olympiafahrer unterwegs sind, können den Unterschied machen - zwischen Gold und Silber, zwischen Bronze und nichts. Bei den Spielen in Peking fuhren die deutschen Athleten noch mit komplett anderem Material. Die Gabeln der neuen Räder für London wiegen nur noch etwa halb so viel wie jene, die vor vier Jahren zum Einsatz kamen. Das Karbongebilde, das Ergebnis einer Diplomarbeit, ist nicht nur leicht, sondern auch aerodynamisch: Die Gabelschäfte haben ein besonderes Profil, das nicht fotografiert werden darf. Betriebsgeheimnis.

Das FES betreibt Evolution im Vierjahresrhythmus, dem olympischen Zyklus, von den einen Spielen zu den nächsten. Im zweiten Stock stehen die Entwicklungsstufen aufgereiht: ein Exemplar jedes Radmodells. Ganz links, am Anfang der Reihe, lehnt das erste Vollkarbonrad der Welt. Bei seiner Premiere, der Bahnrad-WM 1987, wurde es zunächst verboten. Zu anders, zu futuristisch, zu schnell. Einer der Entwickler von damals sitzt heute in seinem Büro, irgendwo im Labyrinth der Gänge und Werkstätten. Harald Schaale ist seit 1994 Direktor des FES.

»Die größten technologischen Innovationen seit den Spielen von Peking gab es im Bereich der faserverstärkten Kunststoffe«, sagt Schaale, »und hier vor allem im Radsport.« Vom Material her seien in London Leistungssprünge möglich. »Die Frage ist nur, ob man die Leute dazu hat.« Der deutsche Bahnvierer etwa hat sich, wie schon 2008, nicht für die Spiele qualifiziert. Auch die perfekte Sportmaschine wird von einem fehlerhaften Wesen angetrieben: dem Sportler. »Die Leistungsfähigkeit der Athleten hat in den vergangenen 20 Jahren längst nicht so rapide zugenommen wie die technologischen Verbesserungen des Materials.« Das zeigen Statistiken, Zeiten, Weiten, Rekorde und die eigene Datenbank. Das FES stellt auch Messsysteme her, mit denen viele Bundestrainer die Leistung ihrer Athleten testen. Anhand der gemessenen Kraftverlaufskurven und Wattzahlen werden Teams, Ruderachter oder Radvierer, zusammengestellt.

Der Arbeitsbereich Messtechnik ein paar Türen weiter: Eine schwarze Fahrradkurbel liegt da wie ein Patient, der einen Bypass bekommt. Sie ist geöffnet, ihr Herz hängt an ein paar Arterien und Venen. Das Herz ist eine Platine, die an einen Dehnmessstreifen angeschlossen ist. Das FES hat dieses Leistungsmesssystem speziell für Bahnräder entwickelt. Weil es die Bundestrainer so wollten. Der Trainer- und Sportlerwunsch ist dem FES Befehl. Das Institut ist der staatlich geförderte Flaschengeist des deutschen Spitzensports. Den größten Teil seines Jahresetats von 5,2 Millionen Euro zahlt das Bundesinnenministerium.

Der Medaillenspiegel ist ein nationales Anliegen. Deshalb wurde das Institut 1990 in Artikel 39, Absatz 2 des Einigungsvertrages zwischen der DDR und der BRD als »erhaltenswürdig« eingestuft. Nach der Wende arbeiteten noch 185 Menschen beim FES. Heute sind es 68. Die Sommerspiele haben begonnen. Akribisch verfolgen die Mitarbeiter die Wettkämpfe besonders jener deutschen Athleten, an deren Ausrüstung sie mitgebaut haben. Doch in den Werkstätten stehen schon wieder andere Geräte herum. Es sind Zweier- und Viererbobs, Rodel und Skeletons, Skistöcke und Klappschlittschuhe. Auf den Bildschirmen in den Büros gleiten Kufen durch virtuelle Eiskanäle. London ist für die Ingenieure vorbei, die neuen Ziele heißen: Sotschi 2014 - und Rio de Janeiro 2016.

So tragen die Entwickler, in Konkurrenz zu privaten Herstellern und staatlichen Laboren weltweit, einen Wettkampf hinter dem Wettkampf aus. Einen, der nicht live übertragen wird. Einen Wettlauf um die besten Ideen, um Wissen über Materialien, Fertigungsverfahren, Gewicht, Kraftübertragung, Aerodynamik. Es herrscht ein kalter Krieg der Visionäre - und Ingenieure. »Wir haben vier Jahre lang auf diese Spiele hingearbeitet«, sagt Ronny Hartnick, an den Autoklav gelehnt, »wir haben abgeliefert.« Ob das Ergebnis seiner jahrelangen Arbeit im Hintergrund womöglich das beste Bahnrad der Welt ist, müssen jetzt andere beweisen.

»Was wir hier machen, ist mehr als ein Job. Jeder von uns investiert so viel mehr.« Hartnick hält einen fertigen Rahmen in der Hand, streichelt über die Kunststoffoberfläche, denkt, spricht: »Wir tun alles, um uns nach den Spielen nicht diese eine Frage stellen zu müssen: Hätte ich etwas besser machen können?«

Aus DIE ZEIT :: 02.08.2012

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