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Gehirn-Doping: Scientist's little helpers

Von Jo Reichertz

Wieviele Wissenschaftler versuchen, mit chemischen Substanzen ihre Gehirnleistungen zu optimieren, ist unbekannt. Gründliche Studien fehlen. Deshalb ist die Debatte darüber merkwürdig. Was sagt sie über unsere Gesellschaft aus? Handelt es sich um eine mediale Inszenierung oder Zeichen der Zeit?

Gehirn-Doping: Scientist's little helpers© Forwardcom - stock.xchng
Es ist eines der Themen, über das man als Wissenschaftler eigentlich nichts Ernstes schreiben soll - verbindet es doch ein Minimum an Wissen mit einem Maximum an Kulturkritik und Weltuntergangsstimmung. Zudem ist der Verdacht nicht abzuschütteln, dass man mit jedem geschriebenen Wort objektiv (und leider ohne Honorar) an dem Guerilla-Marketing-Konzept interessierter Pharmakonzerne mitarbeitet. Die Rede ist von dem (scheinbar) weitverbreiteten Gehirn-Doping von Wissenschaftlern - wie man liest quer durch alle Alters- und Geschlechtslagen und quer durch alle Fachdisziplinen.

In den aktuellen medialen Diskurs gebracht worden ist dieses Thema erneut von Brendan Maher, der im März 2008 in der angesehenen Zeitschrift Nature (452, 674-675 - nachlesbar auch unter: www.testmy.net») unter dem keineswegs freundlichen Titel "Poll results: look who's doping" in einem kurzen Papier die Ergebnisse einer von Nature selbst gestarteten Studie veröffentlichte.

Angestoßen wurde die Nature-Studie durch einen, im Jahr 2007 ebenfalls in Nature (450, 1157- 1159) erschienenen Artikel der "behavioural neuroscientists" Barbara Sahakian and Sharon Morein-Zamir der Universität Cambridge, Großbritannien, in dem diese über den Drogengebrauch von Kollegen berichteten, um Konzentration und Aufmerksamkeit zu steigern.

Von der Nature-Studie wissen wir: Den von Nature online gestellten Fragebogen haben 1.400 Menschen aus 60 Ländern ausgefüllt. Ob das alles Wissenschaftler waren, weiß niemand, und darüber, wie sie mit online-Fragebögen umgehen, darüber weiß ebenfalls niemand etwas. Was man weiß, das ist, "that 20 percent had taken pharmaceuticals for the nonmedical purpose of improving their concentration, focus, and memory" - so berichtet The Chronicle am 25. April 2008 auf der ersten Seite unter der Überschrift: "Some Professors Pop Pills for an Intellectual Edge".

Diese Botschaft, dass ein beachtlicher Teil der Wissenschaftler vermeintlich "brain-doping" ausübt, löste weltweit online und offline eine Welle der Berichterstattung durch die Medien aus, die angesichts der Kärglichkeit der Information überrascht.

Eingeordnet wurde das Ergebnis (ohne Prüfung und Gewichtung) schnell in aktuelle und großflächige Zeitdiagnosen wie in die des bekannten Politikwissenschaftler Francis Fukuyama von der John Hopkins Universtity, Washington, der bereits 2002 nicht nur eine "Chemo-Diktatur", sondern auch das Ende der Menscheit herannahen ahnte, oder die des Harvard Philosophen Michael Sandel, der im Kampf um den Nobelpreis eine pharmazeutisch beschleunigte Aufrüstungsspirale auf uns zukommen sah, oder die des am Centre Georges Pompidou beschäftigten Bernard Stiegler, der schwerwiegende und von der Industrie bewusst herbeigeführte Schädigungen der Synapsenbildung im Gehirn als Folge des Gehirndopings befürchtet.

Im Gefolge der Verbreitung der Ergebnisse der Nature-Studie, die vor allem in wissenschaftlichen und medizinischen Fachzeitschriften erfolgte, warnten einige allgemein vor den ethischen und gesundheitlichen Problemen, die der Gesellschaft aus dem Neuro-Enhancement erwüchsen, andere vertraten, dass es nur rechtens sei, wenn Wissenschaftler auf der Suche nach den Medikamenten gegen die modernen Geißeln der Menschheit ihr Gehirn nachhaltig zu Höchstleistungen stimulierten und wieder andere sahen die Möglichkeit, nein die Pflicht, minderbegabten Kindern mit Pharmazeutika den Weg aus der Sonderschule zu weisen. Vieles wurde miteinander verquickt, auch nicht dazu Gehörendes: Nicht nur Wissenschaftler sollen dopen, sondern auch Schüler und Studenten, Manager, Wirtschaftsbosse und Politiker. Und es wurde unterstellt, die Ergebnisse träfen so auch für Deutschland zu, obwohl darüber nichts bekannt ist und die Verschreibungspflicht von Neuro-Enhancern in Deutschland sehr viel rigider gehandhabt wird als z.B. in Amerika.

Abseits dieses medialen Kanonendonners und Pulverrauchs fragt sich allerdings, was es über eine Gesellschaft sagt, wenn solch wenig sagende Ergebnisse solche Folgen haben. Man könnte es sich leicht und das herannahende mediale Sommerloch für die Überreaktion verantwortlich machen. Aber das ist aus meiner Sicht zu wenig.

Welche Gründe bewegen Wissenschaftler, über dieses Thema so viel zu publizieren?

Das neue "going public"

Sicherlich nicht ganz unbeteiligt an dem Ganzen dürfte das neue going public von Wissenschaftlern sein. Seit so viel an Reputation, Prominenz und auch finanzieller Zuwendung davon abhängt, dass Wissenschaftler in den Medien präsent sind, treten viele von ihnen als Spin-Doctors in eigener Sache auf: Meldungen über Forschungsergebnisse werden (oft zu) schnell und gezielt lanciert und soziale Netze mit Medienleuten genutzt, um ins Gespräch und in die Medien zu kommen.

Die Rolle der Medien

Ganz sicher beteiligt an dem Hype um das Brain-Doping sind die Medien, die zum Zwecke der Absatzsicherung und Kundenbindung immer mehr und immer häufiger Themen selbst starten und im Diskurs lebendig halten und an sich selbst binden wollen. Medien überbringen nicht mehr nur Nachrichten, sondern agieren auf dem Markt der kulturellen Deutung als eigenständige Akteure mit eigenen Interessen. Das gilt auch und insbesondere für wissenschaftliche Qualitätsmagazine wie Nature.

Die Taktiken der PR-Abteilungen

Nicht unterschätzt werden dürfen auch die Taktiken der PR-Abteilungen der Pharma-Konzerne, die solche Neuro- Enhancer herstellen und die sich einen riesigen neuen Markt erhoffen oder diesen herbeireden wollen. So ist es schon sehr auffällig, dass in der Nature-Studie gezielt nach bestimmten, im Handel befindlichen Medikamenten gefragt wurde. Allen voran wird in den veröffentlichten Berichten immer wieder ein Medikament genannt, das in Deutschland von Kinderärzten und Kinderpsychiatern verschrieben wird, um hyperaktiven Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, sich innerlich zu versammeln. Kenner der Neuro-Enhancer-Szene halten aber gerade dieses Medikament für eine "poor drug, when one has choice of the other". Dennoch: die Börsenkurse des Konzerns, der dieses Mittel bereitstellt, treibt jede Meldung nach oben. Die Meldungen allerdings, die vom Unheilspotential dieser Substanzen laut raunen, verleihen den Kursen Flügel. Die schwarze Magie war schon immer viel attraktiver als die weiße oder anders: Lieber eine Pille zum Brain-Doping als fit im Gehirn durch natürlich gesundes Brain-Food.

Der Wandel der Lernkultur

Verantwortlich für die Aktualität des Themas dürfte auch ein mehr gespürter denn diagnostizierter Wandel der gesellschaftlichen Lernkultur sein. Auf den Begriff gebracht hat diesen Wandel die amerikanische Professorin für englische Literatur Katherine Hayles. Sie beobachtet einen tiefgreifenden Wandel von der alten und bewährten deep attention zu neuen und das Niveau der Universitäten ernstlich bedrohenden hyper attention. Letztere ist gekennzeichnet durch raschen Fokuswechsel zwischen verschiedenen Themen und Anfordernissen. Ersterer meint das intensive und ausführliche Beschäftigen mit nur einem Gegenstand. Dieser "Generational Divide in Cognitive Modes" ist nicht nur an Universitäten festzustellen, sondern auch in Wirtschaft und Schule. Welche Konsequenzen er allerdings mit sich bringen wird, ist noch nicht ausgemacht - hat doch die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte (wie die Mediengeschichte schon mehrfach gezeigt hat) immer wieder neue Aufmerksamkeits- und Lernmodi hervorgebracht, ohne daran zugrunde zu gehen. Im Gegenteil: Die Geschichte der Medien zeigt sehr nachdrücklich, dass die neuen Lernkulturen meist gelungenen Versuche waren, mit den Erfordernissen der Zeit besser umgehen zu können.

Eine neue Karrierekultur

Ganz gewiss ist für die Aufnahmebereitschaft der Nachricht von dem scheinbaren Brain-Doping großer Teile der Wissenschaft auch ein Wandel der Karrierekulturen der Wissenschaftler verantwortlich. Denn sie "passt" zu der Tatsache, dass man immer früher mit der wissenschaftlichen Ausbildung fertig sein muss. Galt lange Zeit, dass erst im vierten Lebensjahrzehnt der wissenschaftliche Nachwuchs reif für eine Habilitation ist (die wenigen Schnellen galten als unerfahrene Grünschnäbel), so hat sich das Bild völlig verändert: Immer früher soll man immer mehr und immer besseres gelehrt, geforscht und (in englischer Sprache) geschrieben haben, will man eine Junior- oder gar eine (nicht wirklich) gut dotierte W2 oder W3 Professur erlangen. Und will man weiter auf dem akademischen Markt bleiben (ohne seinen Wert zu verlieren), dann muss man (neben der Teilnahme an Evaluationen, Prüfungen, Gremien, Neuordnungen etc.) auch immer wieder schreiben, andernorts (am liebsten international) vortragen, Tagungen organisieren, Sammelbände, Zeitschriften und Buchreihen herausgeben und Drittmittel einwerben - und das alles unter immer größer werdendem Konkurrenzdruck, weil die Stellen/Gelder immer weniger, die Bewerber/Antragsteller aber immer mehr werden.

Warum "Doping" und nicht "Drogenkonsum"?

Schlussendlich muss man sich fragen, weshalb in der Debatte das Thema unter "Doping" und nicht unter "ausgleichende Gerechtigkeit", "Eliteförderung" oder "Drogenkonsum" abgehandelt wird. Soziologen könnten zu diesem Thema befragt immerhin darauf hinweisen, dass der Mensch (laut Gehlen und vielen anderen) ein "Mängelwesen" ist, das seine Mängel durch Kultur, wozu auch die Technik und die Medizin zu zählen ist, ausgleicht. Demnach muss der Mensch von Natur aus systematisch seine Natur immer wieder überschreiten, will er überleben und sich den Gegebenheiten seiner Umwelt anpassen.

Selbstüberschreitung und Optimierungswillen

Besonders kultiviert wird der Gedanke der systematischen Selbstüberschreitung übrigens im Sport und hier im Besonderen in der olympischen Idee. Begrenzt wird das sportliche "Immer-weiter" nur durch Substanzen, die den Körper ernstlich beeinträchtigen oder gar zerstören können. Ansonsten sind alle Mittel erlaubt und auch angeraten, die Leistung zu optimieren und die durch den Körper gesetzten Grenzen zu überschreiten. Endlos sind die Geschichten von der rühmlichen Askese und Kasteiung, die erfolgreiche Sportler ihr Leben lang begleiten - auch dann noch, wenn die Gelenke zerstört sind, das Skelett verbogen und der Herzmuskel übergroß geworden ist.

Wahrscheinlich ist aber die Debatte um die pharmakologisch gestützte Leistungssteigerung ganz wesentlich getragen von einem, fast allen westlichen Gesellschaften eigenen Optimierungswillen der menschlichen Befindlichkeit, der letztendlich in dem natürlichen Zwang zur Selbstüberschreitung angelegt ist. Der eigene Körper, das eigene Vermögen, die eigene Leistungskraft, aber noch mehr der Körper, das Vermögen und die Leistungskraft der eigenen Kinder sollen möglichst optimal entwickelt werden. Dazu gehört zum einen, den menschlichen Körper vor schädlichen Einflüssen (z.B. Alkohol, Nikotin, Süßigkeiten, Fleisch, Drogen) zu bewahren, zum anderen gehört dazu, ihn mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu optimieren.

Wer nicht optimiert, wird sich später Fragen stellen müssen. So z.B. ob er mit der Ungewissheit leben will, ob eine Konzentrationspille (vor dem "Vorsingen" eingeworfen) nicht doch die Berufungskommission bewegt hätte, einen auf den Listenplatz Eins zu setzen. Oder ob er eine Kündigung wegen der Weigerung auf sich nehmen will, sich mit Brain-Drugs zu verbessern. Und was will der Vater auf die vorwurfsvolle Frage seines erfolglosen Kindes sagen, weshalb der Ältere dem anvertrauten Jüngeren nicht beizeiten Neuro-Enhancer verabreicht habe. Bewahrpädagogik und Optimierungspädagogik sind nun einmal die zwei Seiten der gleichen Medaille.

Seriöse Studien notwendig

Schlussendlich sagt die Debatte um das Gehirn-Doping von (deutschen) Professoren also doch noch etwas über 'unsere' Gesellschaft, auch wenn man nicht weiß, wie viele es tun, wie oft, mit welchen Substanzen, mit welchem Ziel und vor allem: mit welchem Erfolg und mit welchen Folgen. Gewiss ist es wichtig, all das zu wissen - will man urteilen und bewerten. Dazu bedarf es seriöser Studien. Die stehen allerdings noch aus.

Autor: Jo Reichertz
Der Autor ist Soziologe und Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Seine Arbeitsgebiete sind: Kultursoziologie, Wissenssoziologie, Kommunikationsanalyse, Mediennutzung und Polizeiforschung.

Aus Forschung und Lehre :: August 2008

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