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Gehirn unter Strom

VON JOSEPHINA MAIER

Wenn nichts mehr hilft, kann die Elektroschocktherapie schwer Depressive aus ihrer Krankheit befreien. Langsam verstehen Hirnforscher jetzt auch, warum.

Gehirn unter Strom© Jesper Elgaard - iStockphoto.comEine Elektrokrampftherapie reduziert die Konnektivität bestimmter Hirnareale und lindert so die Beschwerden depressiver Patienten
Einem schwer depressiven Patienten Stromschläge in das Gehirn zu leiten, das klingt martialisch. Wer zudem weiß, dass Psychiatriepatienten bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein diese Methode oft gegen ihren Willen ertragen mussten, verbindet mit dem Begriff Elektroschock ein ungutes Gefühl.

Und doch gibt es immer wieder Fälle, in denen Menschen trotz Psychotherapie und moderner Medikamente aus ihrer tiefen Depression nicht mehr hinausfinden - und nach einer Elektroschockbehandlung dann Linderung verspüren.

Die Elektrokrampftherapie (EKT) sei »für bestimmte psychiatrische Erkrankungen die bestmögliche Behandlung«, stellte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer schon 2003 fest und bezog damit entschieden Stellung zum Thema. »Die immer wieder gezielt in die Öffentlichkeit getragene Darstellung der Elektrokrampftherapie als veraltete, überholte oder gar inhumane und grausame Behandlungsmethode ist falsch und beruht weitgehend auf einer mangelhaften Information«, hieß es in dem Papier. Eine moderne Elektrokrampftherapie hat heute nicht mehr viel gemein mit dem, was in der Frühzeit der Psychiatrie vonstatten ging. Der Patient bekommt im Vorfeld Medikamente verabreicht, die seine Muskeln entspannen, und befindet sich während der Behandlung in Vollnarkose.

Anders als der Name »Krampftherapie« besagt, lösen die Strompulse also keine Zuckungen mehr aus. Die Methode sei daher, wie die Bundesärztekammer feststellte, »im Verhältnis zum angestrebten Therapieerfolg mit einem geringen Risiko verbunden«. Ungefähr 4000 Patienten werden jedes Jahr in Deutschland mit dieser Therapieform behandelt - Tendenz: steigend. Doch eine Frage ließen die Experten der Bundesärztekammer damals offen: Wieso hilft die Methode eigentlich?

Vor zwei Jahren stellten Forscher der Washington University in St. Louis fest, dass in den Gehirnen depressiver Patienten bestimmte Areale stärker miteinander kommunizieren als bei gesunden Probanden. Neurologen bezeichnen dieses Phänomen als Hyperkonnektivität. Im Mittelpunkt des überaktiven Netzwerks tauchte immer wieder ein Punkt auf, den die Wissenschaftler »dorsalen Nexus« tauften. Dieser Punkt, vermuteten die Forscher, müsse eine kritische Rolle bei der Entstehung depressiver Symptome spielen. Wahrscheinlich funktioniere er wie ein Kurzschluss zwischen den beteiligten Arealen. Daraus folgerten sie: Wenn sich die erhöhte Konnektivität irgendwie reduzieren ließe, stelle das einen möglichen Ansatz für eine Therapie dar.

Inzwischen hat sich gezeigt, dass die Elektroschocktherapie genau dies leistet. Das wies der Neurowissenschaftler Christian Schwarzbauer an der britischen University of Aberdeen bei einer Gruppe von neun depressiven Patienten nach, die er im Kernspintomografen untersuchte. Zunächst fand er, wie erwartet, bei den Patienten die bereits beschriebene Übervernetzung. Nachdem sie eine Elektrokrampftherapie erhalten hatten, schob Schwarzbauer sie erneut in die Röhre. Nun hatte die Hyperkonnektivität drastisch abgenommen. Und mehr noch: Je stärker die EKT das überaktive Netzwerk von Hirnregionen heruntergefahren hatte, desto besser fühlten sich die Patienten. »Seit siebzig Jahren wurde die Methode angewendet, ohne dass man wusste, was sich dadurch verändert«, sagt Christian Schwarzbauer. »Wir konnten zum ersten Mal zeigen, was die Elektrokrampftherapie mit dem Gehirn eigentlich anstellt.«

Den Befürwortern der Elektroschocks kommen die neuen Erkenntnisse gelegen. Nun können sie zumindest den Vorwurf abschmettern, sie würden blind drauflos therapieren. Lückenlos aufgeklärt ist die rätselhafte Wirkung der EKT damit allerdings noch nicht. Es bleibt die Frage: Wieso verändert ein relativ ungezielter Stromstoß im Gehirn genau die funktionelle Architektur, die im Zentrum der depressiven Symptomatik steht? Eine mögliche Antwort ergibt sich, wenn man betrachtet, wie Stromstöße auf Nervenzellen wirken. Die Nerven selbst kommunizieren mittels Stromimpulsen: Über eine Kombination aus elektrischen und chemischen Signalen erhalten sie Informationen von vorgeschalteten Zellen, verrechnen sie und geben das Ergebnis weiter. Lässt man nun, wie bei der EKT, für kurze Zeit starken Strom durch das Hirngewebe fließen, entspricht das Ergebnis aus medizinischer Sicht einem epileptischen Anfall. Alle Neuronen feuern gleichzeitig. Durch die synchrone Stimulation der Hirnzellen werden sämtliche Muskeln auf einmal angesteuert. Dies erklärt auch, weshalb die Patienten früher während der Elektrokrampftherapie am ganzen Körper zuckten.

Wenn die EKT die Symptome eines schwer depressiven Patienten lindert, muss der Stromstoß am Informationsfluss seines Gehirns etwas verändert haben. Solche Effekte konnten Hirnforscher auf zellulärer Ebene tatsächlich schon nachweisen. Bestimmte Neuronen, zuständig für die Gedächtnisbildung, verändern nach einer besonders starken Aktivierung ihre Arbeitsweise. Denkbar ist sogar, dass der Elektroschock bis auf die tiefste Ebene der neuronalen Informationsverarbeitung vordringt - in die DNA der Gehirnzellen. Neurologen der Universität Harvard stießen bei ihren Forschungen in den vergangenen Jahren auf ganze Gruppen von Genen, deren Nutzung direkt von der Aktivität der zugehörigen Nervenzelle abhing. »Wenn man Neurone auf natürlichem oder künstlichem Wege aktiviert, springt ein genetisches Programm an«, erklärt Hilmar Bading, Neurobiologe an der Universität Heidelberg. »Diese Gene beeinflussen unter anderem Signalmoleküle und Strukturproteine.« Es wäre durchaus vorstellbar, dass eine Behandlung mit Stromstößen so die neuronalen Verschaltungen im Gehirn schwer depressiver Menschen verändert.

Dauerhaft sind die Patienten von ihrem Leid allerdings nicht befreit. Manche Patienten leiden nach der Behandlung unter Kopfschmerzen, Schwindelgefühl und kurzfristig unter Unruhe. Ein Drittel der Patienten hat vorübergehend Gedächtnisstörungen.

Schäden an der Struktur der Gehirne konnten die Ärzte bisher nicht entdecken. Spätestens nach einigen Monaten müssen sich die meisten erneut der Therapie mit Elektroschocks unterziehen. Und praktisch alle Patienten brauchen zusätzlich ein Medikament. Ein Hinweis darauf, dass die eigentliche Ursache der Depression noch nicht beseitigt ist.

Auf dem Weg zu einem Verständnis der Depression sind Hirnforscher einen großen Schritt weiter - auch durch den Einsatz der Elektrokrampftherapie. Im Licht der neuen Erkenntnisse sieht die antiquierte Methode inzwischen gar nicht mehr so alt aus.


Aus DIE ZEIT :: 19.07.2012

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