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Geistesblitze in Dunkelkammern

VON ADRIAN MEYER

Absolute Finsternis fördert die Kreativität, behauptet eine aktuelle Studie.

Geistesblitze in Dunkelkammern© Falk S. - photocase.comAusgerechnet die Dunkelheit mache Menschen kreativer - eine Studie mit interessanten Ergebnissen
Je länger er dauert, desto lauter werden die Klagen über diesen dunkelsten Winter seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Nur 96 Stunden Sonne hatten wir im Schnitt von Dezember bis März in Deutschland, normal sind 154. Das fehlende Licht schlägt vielen auf die Stimmung, sie fühlen sich energie- und antriebslos.

Da kommt ein neues Studienergebnis der Technischen Universität Dortmund gerade recht: Ausgerechnet Finsternis - und zwar absolute - beeinflusse die Stimmung von Menschen positiv und mache sie sogar kreativer, wollen die Wissenschaftler herausgefunden haben. Sind also alle Klagen grundlos? Auftraggeber der Studie ist der Kölner Unternehmensberater Michael Lück, der schon länger an den Segen der Dunkelheit glaubt. Mit seiner Firma lichtlos (Motto: »Erfolgsfaktor Dunkelheit«) veranstaltet er seit 2005 Kreativtrainings und Unternehmensseminare in totaler Finsternis. Dafür hat er eigens eine Dunkelkammer im ehemaligen Direktionsgebäude der Kölner Glanzstoffwerke eingerichtet. Auf Wunsch schottet er aber auch Konferenzräume in Unternehmen oder Hotels gegen jegliches Tageslicht ab.

Absolute Lichtlosigkeit könne bei Menschen Veränderungen bewirken, beteuert Lück. Zuerst will er es zufällig am eigenen Hirn erlebt haben: Man komme in eine kontrollierte Krisensituation, sei offener für andere Sinneswahrnehmungen und, davon ist Lück überzeugt, »signifikant kreativer«. Wissenschaftlich belegt war dies bisher nicht. Zusammen mit dem RIF-Institut für Forschung und Transfer führte die Technische Universität Dortmund nun aber ein Experiment durch, bei dem über 70 freiwillige Probanden an insgesamt 14 Kreativ-Workshops teilnahmen - die eine Hälfte der Workshops fand in einem lichtlosen Raum statt, die andere Hälfte im Hellen. Dabei absolvierten die Teilnehmer in Gruppen von vier bis sechs Personen während ein- bis zweistündiger Sitzungen verschiedene standardisierte Kreativtests, um Ideen zu generieren.

Einzelne Aufgaben, für deren Lösung die Teilnehmer jeweils vier Minuten Zeit bekamen, lauteten beispielsweise »Nenne ungewöhnliche Anwendungen für Kaugummi« oder »Was würde passieren, wenn Menschen nach Belieben unsichtbar würden?«. Drei unabhängige Fachjuroren bewerteten anschließend für jeden Workshop die auf Tonband mitgeschnittenen Ideen - ohne zu wissen, ob diese im Hellen oder im Dunkeln entstanden waren. Auf Skalen von eins (sehr gering) bis zehn (sehr hoch) bewerteten sie, ob und wie die Vorschläge weiterentwickelt wurden, ob sie möglichst vielfältig oder originell waren. Zudem zählten sie aus, wie viele Ideen in jedem Workshop entstanden.

»Die Deutlichkeit der Unterschiede hat uns überrascht«, sagt Hartmut Holzmüller, Projektleiter und Professor für Marketing an der Technischen Universität. Im Finstern hatten die Teilnehmer rund 30 Prozent mehr Ideen produziert, die zudem fast immer vielfältiger und tendenziell sogar origineller und weiter entwickelt waren als jene der Testpersonen, die im Hellen gegrübelt hatten.

Eins konnten die Wissenschaftler aber nicht klar sagen: ob es tatsächlich die absolute Dunkelheit war, die die Kreativität der Teilnehmer förderte - oder eher die Gruppenerfahrung in einer außergewöhnlichen Situation. »Wir vermuten, dass eine Enthemmung stattfindet, wenn man andere Menschen im Raum nicht mehr sehen kann«, sagt Holzmüller. Durch dieses Erlebnis habe sich die Grundstimmung der Probanden deutlich verbessert. »Eine Teilnehmerin sagte, in der Dunkelheit habe eine Stimmung geherrscht wie auf einer Klassenfahrt.« So haben womöglich eher die gute Laune und die gelockerte Atmosphäre zu mehr Ideen geführt als die Dunkelheit an sich. Kein Trost also für alle Wintermüden. Wer alleine im Büro an seiner Einfallslosigkeit verzweifelt, dem geht das Licht auch an trüben Tagen nicht schneller auf.

Aus DIE ZEIT :: 21.03.2013

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