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Geistige und leibliche Kinder: aus dem Uni-Alltag einer schwangeren Post-Doktorandin

 

In Deutschland wird viel darüber diskutiert, wie sich Wissenschaft und Familie besser miteinander verbinden lassen. In der Theorie sind sich alle einig, dass Wissenschaftlerinnen mit Kindern an deutschen Hochschulen mehr Unterstützung brauchen. Dass zwischen Theorie und Praxis nicht selten eine Lücke klafft, zeigt dieser persönliche Bericht einer schwangeren Nachwuchswissenschaftlerin. Ein Einzelfall?

Geistige und leibliche Kinder: aus dem Uni-Alltag einer schwangeren Post-Doktorandin© Ekaterina Monakhova - iStockphoto.com
Als ich vorletzte Woche in M. zur feierlichen Semestereröffnung mit einigen meiner Professoren ins Gespräch kam, zeigte sich, dass sich offensichtlich an den Universitäten in den Köpfen wenig in den letzten Jahrzehnten geändert hat - zumindest, was die Rolle von Müttern im Wissenschaftssystem anbelangt.

Bedenklicher Umstand

Der erste Professor, mit dem ich sprach, fragte mich, wie es "dazu" - mit Blick auf meinen Bauch - kommen konnte. Auf meinen verständnislosen Blick hin präzisierte er seine Frage dahingehend, dass dies ja wohl nur ein Unfall gewesen sein könnte. Da ich die Frage immer noch nicht verstand und fieberhaft überlegte, auf welchen bedenklichen Umstand in meinem Leben er anspielen könne - wiewohl ich doch meines Erachtens in dem lebe, was man "geordnete Verhältnisse" nennt, führte er schließlich aus, dass ein zweites Kind in der Habilitationsphase ja nun denkbar ungeeignet sei. Geradezu ein Habilitationsverhinderer.

Ich erwähne nur der Vollständigkeit halber, dass der betreffende Professor selber vier Kinder hat, die alle während seiner Qualifizierungsphase entstanden sind.


Bücher und Kinder

Die nächste Begegnung der anderen Art war dann das Gespräch mit zwei Fachkollegen, die beide wissen, dass ich mich habilitiere. In diesem Gespräch ging es um den Unterschied zwischen leiblichen und geistigen Kindern. Der eine Professor eröffnete das Gespräch damit, dass er und sein Kollege es ja schwerer als ich hätten, da die geistigen Kinder - Bücher, Aufsätze, Forschungsanträge - die sie produzieren würden, viel schwieriger zu bekommen und "großzuziehen" wären als das leibliche Kind, das ich gerade austrüge.

Auf meine schüchtern vorgebrachte Antwort, dass ich ja versuchen würde, neben meinem biologischen Kind noch ein geistiges, nämlich meine Habilitationsschrift, zu produzieren, schauten mich die beiden an, als ob ich vom Mars wäre.

Selbstverständlich musste sich mein gleichaltriger Kollege, dessen Frau gerade mit dem dritten Kind schwanger ist, noch nie so etwas anhören. Niemand käme auf die Idee, ihn mit einer solchen Gegenüberstellung zu konfrontieren.

Wer bezahlt den Mutterschutz?

Schließlich und drittens hat sich zwei Tage vor Ende meines - natürlich - befristeten Vertrages endlich herausgestellt, dass mein Vertrag an der Universität nun um die Zeit des Mutterschutzes verlängert wird. Seit vier Monaten hatte ich versucht herauszufinden, was geschieht, wenn man als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem befristeten Arbeitsverhältnis, wie wir sie alle haben, in den Mutterschutz geht. Nach Rücksprache mit der Justitiarin des Deutschen Hochschulverbandes konnte ich meine Universität schließlich davon überzeugen, das seit einem Jahr bestehende Wissenschaftszeitvertragsgesetz zur Weiterführung und Verlängerung meines Arbeitsvertrages um die Zeit des Mutterschutzes auch auf mich anzuwenden. Ob ich im Mutterschutz weiterhin mein Gehalt erhalte und wer dies bezahlt, ist hingegen immer noch unklar - darüber konnte mir niemand in der Univerwaltung Auskunft geben.

Vielleicht ist es so, dass gelingende Wissenschaft und Mutterschaft sich ausschließen - aber bis zum Beweis dieser behaupteten Unvereinbarkeit nehme ich die Herausforderung an. Topp, die Wette gilt!

Die Autorin will aus naheliegenden Gründen anonym bleiben.

Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2008

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