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Gelassenheit und Zorn - 15 Jahre als Philosophieprofessor

Von Reinhard Hesse

Die Lehre an einer Hochschule ist nicht nur eine Sache der Begeisterung für die Wissenschaft, der Didaktik oder der finanziellen Mittel. Es geht gerade auch um gute und ernüchternde Erfahrungen, um Bürokratie und Machtstrukturen. Schlaglichter aus dem Hochschulalltag eines Philosophieprofessors.

Gelassenheit und Zorn - 15 Jahre als PhilosophieprofessorProf. Dr. Dr. habil. Reinhard Hesse hat einen Lehrstuhl für Philosophie und Ethik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg inne
Ich kann mir kaum etwas Sinnvolleres und Befriedigenderes vorstellen, als jungen Menschen eigenständiges, kritisches, philosophisches Denken nahezubringen. Dies konnte ich in den fast 15 Jahren meiner Philosophieprofessur an meiner Hochschule in großer Freiheit tun. Auch nach der Pensionierung möchte ich nicht darauf verzichten. Natürlich gehen nicht alle ausgestreuten Samen auf. Einige aber tun es. Dass solche Keime wachsen und schließlich selbst wieder Samen streuen, ist der Sinn von allem. Der Erfolg ist nicht wirklich messbar, allenfalls erahnbar. Wenn aus den suchenden Schülern verständnisvolle Lehrer der Sache der Philosophie geworden sind, hat er sich vielleicht eingestellt. Die Hoffnung, hierzu einen, wenn auch womöglich nur kleinen, Beitrag geleistet zu haben, bleibt als lebendiger Ansporn, ja eigentlich als einer der harten Kerne des eigenen Lebensentwurfs. Diesen Kern kann einem niemand nehmen.

Insofern blicke ich gelassen in die Vergangenheit zurück und der Zukunft entgegen. Die Philosophie ist zweieinhalb Jahrtausende alt und es wird sie geben, solange es Menschen als geistige Wesen gibt. In ihr kommt nichts vor, was mit deutschen Universitäten, Landeswissenschaftsministern, neuen Studienund Prüfungsordnungen, Modularisierung, Gender Mainstreaming, Qualitätsmanagement usf. zu tun hat. Zu ihrer Vermittlung sind Power Point Präsentationen nicht nötig. Es braucht Argumente und einen wachen Verstand, der sich vom Wesentlichen nicht ablenken lässt. Der schmachvolle Niedergang der deutschen Universität, der sich in diesen 15 Jahren rasant beschleunigt hat, zerstört sie nicht. Wohl erschwert er ihr als akademischer Disziplin das Arbeiten oder kann es zur Farce machen. Im Rückblick kommt zur Gelassenheit, was die Sache der Philosophie selbst betrifft, Beunruhigung, ja Entsetzen und Zorn über den Unverstand, der ihr in der Gegenwart das Leben schwermacht. Bolognaprozess, Bürokratisierung, Ökonomisierung, Ausbildung statt Bildung, Amerikanisierung, Ranking, Evaluation, Akkreditierung usw. heißen einige der vielen Wegzeichen des Niedergangs. Das im Einzelnen darzustellen, reicht hier nicht der Platz. Konrad Paul Liessmann hat es brillant und niederschmetternd in seinem Buch "Theorie der Unbildung" getan. Diesem Treiben machtlos zusehen zu müssen und nicht zynisch oder depressiv zu werden, ist mir nicht immer leicht gefallen. Die Entwicklungen im Großen haben jedoch ihre Auswirkungen im Kleinen - auch solche, die einen direkt und konkret betreffen. Und da reicht es dann nicht mehr, bloß zu versuchen, nicht zynisch oder depressiv zu werden. Man muss sich dazu verhalten, mitmachen oder sich wehren und retten, was man für rettenswert hält. Ich möchte das anhand einiger Beispiele veranschaulichen:

Akkreditierung

Die "Stabsstelle Bologna" meiner Hochschule, die wirklich so heißt, fordert mich auf, "Modulbeschreibungen" für das Fach Philosophie/Ethik zu verfassen und abzuliefern, und zwar innerhalb einer Woche; ein EU-Handbuch, das mich dabei anleite, könne ich im Internet herunterladen. Das Ergebnis solle dann einer privaten "Akkreditierungsagentur" vorgelegt werden. Ich erfahre, dass solche "Akkreditierungsagenturen" für die von ihnen vorgenommenen "Akkreditierungen" mehrere tausend Euro verlangen. Das Geld muss von den "Akkreditierten" aufgebracht werden, also vom Fach Philosophie/Ethik. Wir haben aber noch nicht einmal genug Geld, um die eigentlich spottbilligen Lehraufträge auszuschreiben, die wir seit Jahren wegen unserer sogar amtlich festgestellten Arbeitsüberlastquote von 135 Prozent dringend benötigen. Und nun soll ich selbst Hand dazu reichen, einem wesentlichen Teil der Arbeit unseres Faches, der Erfüllung unserer Lehraufgaben, das Wasser vollends abzugraben? Ich weigere mich. Keine Reaktion. Auch gut. Das Leben geht weiter.

Gleichstellung

Ich bekomme drei Briefe von der "Gleichstellungsbeauftragten", die ebenfalls tatsächlich so heißt. Inhalt: Ich solle Frau X in den Hochschulrat wählen, da sie eine Frau sei. Ich antworte, ich hätte meine Stimme bereits abgegeben und zwar für Frau X, aber nicht, weil sie eine Frau sei, sondern weil ich sie für geeignet hielte.

Zwei neue Bühnen

Vielleicht weil Gremiensitzungen mit ihren vielen Gelegenheiten zu Hähnchenkämpfen und Stutenbeißen soviel Freude machen, lässt es sich meine Hochschulleitung einfallen, gleich zwei neue Bühnen dafür einzurichten. Eine nennt sich "Abteilung", die andere "Institut". Auch für das Fach Philosophie/ Ethik habe das so zu sein. Als wir fragen, warum, erhalten wir keine Antwort. Unsere Arbeit habe doch in all den Jahren problemlos geklappt, sagen wir, alles funktioniere doch, es habe nie die geringste Beschwerde gegeben! Warum nun das Einziehen nicht nur einer, nein gleich zweier ganz offensichtlich absolut unnötiger, ja die Arbeitseffizienz ebenso offensichtlich behindernder Zwischenebenen? Keine Antwort. Jahrelang geschieht gar nichts. Dann entnehme ich durch Zufall einem elektronischen Rundschreiben, das Fach Philosophie/Ethik gehöre zur Abteilung soundso und zum Institut soundso. Keine Diskussion vorher, nicht einmal eine Mitteilung an das Fach, nichts. In den folgenden Jahren habe ich an keiner der zahlreichen Abteilungs- und Institutssitzungen teilgenommen. Das war auch nicht nötig. Alles lief wie zuvor, tadellos.

Das Fach Ethik

Gezwungen durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs, führt das Land Baden- Württemberg das Schulfach Ethik als Ersatz für Religion ein; dazu entsprechende Studiengänge für die Ausbildung von Ethiklehrern. Ethik ist Teil der Philosophie, das Fach Philosophie daher für die Ausbildung von Ethiklehrern zuständig. So geht es einige Jahre.

Dann kommt ein neuer Rektor. Das Fach Theologie klemmt sich hinter ihn. Es möge doch eine Ethikkommission zur Reform des Ethikstudiums eingesetzt werden - unter Leitung einer Theologin. Ich reibe mir die Augen. Kann das wahr sein? Die Herrschaften, die man eben vorn aus der Haustür hinausgebeten hat, wollen sich durch die Hintertür wieder hineinschmuggeln? Wie kann ich diesen Angriff abwehren? Ich kündige eine Klage vor dem Verwaltungsgericht an, falls eine solche Kommission irgendetwas Verbindliches beschließt. Ende des Spuks.

Inkompetenz irrelevant

Die Pädagogenmehrheit in meiner Fakultät findet es angenehmer, weniger Arbeit mit Prüfungen zu haben. Sollen doch die Philosophen einen Teil davon übernehmen! Dass die weder inhaltlich noch formalrechtlich kompetent sind, stört niemanden, auch den Rektor nicht. Vielleicht kann man die Philosophen, insbesondere den störrischen Professor H., einfach dazu zwingen? Der Dekan verweigert mir die routinemäßige Zustimmung zum beantragten Forschungssemester, solange ich nicht den Pädagogen zu Willen sei. Erst die Anrufung des Ministeriums und die von dort erfolgende Intervention beenden das Treiben.

Neue Büromöbel

Zum Schluss eine eher harmlose Episode aus dem weiten Feld des traditionellen Bürokratismus: Das Ministerium hatte mir bei meiner Berufung Mittel für die Anschaffung von Büromöbeln zugesagt. Ich sichte also Kataloge, besuche Möbelfirmen, spreche mit Vertretern, probiere im Büro herum und bestelle schließlich. Die Einrichtung kommt, wird aufgebaut, steht ein paar Monate und - ist auf einmal verschwunden! Alle Büros auf meiner Etage werden neu möbliert, heißt es, das sei so beschlossen worden. Basta. Meine eigenen Möbel sehe ich später in einer windigen, feuchten Etage der Autogarage wieder, wo sie vielleicht heute noch stehen.

Humor und gute Nerven

Ich beende die Aufzählung. Wie man sieht, braucht man Humor und gute Nerven. Und man darf den Überblick nicht verlieren. Denn nicht das, was man die Realsatire des Lebens (an einer Hochschule im Kleinen oder der Politik im Großen) nennen könnte, ist das Wesentliche. Das Wesentliche ist und bleibt letztlich die Sache der Philosophie - ihre großen Fragen: Was ist der Mensch? Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen? Diese Fragen trotz allem nicht aus den Augen zu verlieren - nicht immer ist mir das vor dem oben angedeuteten Hintergrund gelungen. Aber letztlich sind sie doch unverwüstlich immer wieder auferstanden - in der Lehre, im Gespräch mit wachen Studenten, beim Lesen großer Texte und beim eigenen Nachdenken über die Dinge des Lebens und des Sterbens. Philosophie ist Aufklärung. Aufklärung ist ein Politikum ersten Ranges. Philosophie treiben heißt, Macht untergraben. Macht untergraben aber heißt, sich Feinde schaffen. Solange es so ruhig ist um die Philosophie wie heutzutage, solange wie sie sich sogar ihre eigene Demontage als akademische Disziplin gefallen lässt, ohne dagegen aufzustehen, solange muss man vermuten, nein, kann man gewiss sein, dass sie ihrem eigentlichen Anliegen nicht wirklich ernsthaft nachkommt: der (allmählichen) Subversion von Macht durch die Kraft des freien Diskurses. Ist das nicht eigentlich beschämend? Ja, das ist es. Und rückblickend muss ich mir eingestehen, dass auch ich die fälligen Schlachten nicht wirklich geschlagen habe, da ich den Einsatz für aussichtslos hielt. Ich habe mich darauf beschränkt, Übergriffe und Zumutungen zurückzuweisen. Das ist im Großen und Ganzen auch gelungen. (Sehr viel schwerer wäre das gewesen, hätte es nicht im Hintergrund einen einigermaßen gut funktionierenden Rechtsstaat gegeben, den ich notfalls hätte anrufen können.) Ein Grund zur Zufriedenheit?

Kein Grund zur Zufriedenheit

Nein, nicht wirklich. In meiner Zeit wurde eine der m.E. großartigsten Leistungen der postaufklärerischen Menschheit, die moderne deutsche, die Humboldtsche Universität unter dem Applaus der meisten Betroffenen (Ministerialbürokratien, Wissenschaftsrat, Hochschulrektorenkonferenz, Hochschulleitungen usw.) als altmodisch in den Abfalleimer der Geschichte gestampft. Die Kanitverstans haben gewütet. Eine Katastrophe ist geschehen. Ich war Zeuge. Es ist schrecklich. Mein Trost, noch einmal: Die Sache der Philosophie ist nicht kaputtzumachen. Sie hat gar nichts mit all diesen Torheiten zu tun. Ihre Thematisierung im Rahmen einer akademischen Disziplin gleichen Namens ist nicht geduldetes, schmückendes Beiwerk, sie ist das Kernanliegen der Universität: Bildung des Menschen als aufgeklärtes, den Sinn seines (wissenschaftlichen und technischen) Tuns umfassend und selbstständig, d.h. frei, reflektierendes und diskutierendes Wesen. Das ist kein frommer Wunsch althumboldtianischer Bildungsidealisten. Auch wenn es pathetisch klingt: Es ist die notwendige Voraussetzung für die Einhegung und hoffentlich Überwindung der Existenzkrise, in die ein technizistisch und auf kurzfristigen Gewinn orientiertes Denken die Menschheit geführt hat.

Vom Autor ist im Jahr 2008 im LIT-Verlag, Münster, das Buch "Worum geht es in der Philosophie? Grundfragen der Philosophie zwischen Wahrheit und Macht" erschienen.


Aus Forschung und Lehre :: Juli 2011

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