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Genau wie beim Kuchenbacken

Von Linda Tutmann

Die Verfahrenstechnik kämpft um ihr Image - und den Nachwuchs. Dabei könnten globale Fragen wie die Energieversorgung der Zukunft mit ihrer Hilfe bewältigt werden.

Genau wie beim Kuchenbacken
Wenn Martin Geweke erklären soll, womit er sich den ganzen Tag beschäftigt, erzählt er vom Kuchenbacken. Der Kuchen, sagt er dann, bestehe aus Milch, Zucker, Eiern und Mehl. Er beschreibt, wie er nacheinander Mehl und Butter schaumig rührt, das Eigelb vom Eiweiß trennt, am Schluss den Zucker hinzufügt, dann den Teig in eine Form füllt und in den Ofen schiebt. Wenn sich ein süßlicher Duft in der Küche verbreitet und der Teig sich goldgelb über die Form wölbt, dann weiß er, dass der Kuchen fertig ist. Martin Geweke ist Professor für Verfahrenstechnik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, die Lehre seines Faches ist für ihn so etwas wie der Prozess des Kuchenbackens: »Letztendlich geht es darum, aus Grundstoffen mittels chemischer, physikalischer oder biologischer Umwandlungsprozesse ein Produkt zu erzeugen«, sagt er. Die Kernfrage des Faches sei: Wie mache ich aus einzelnen Stoffen ein Endprodukt?

Martin Geweke hat schon sehr häufig vom Kuchenbacken erzählt. Er tut es vor Abiturienten, wenn sie mit ihren Klassen die Universität besuchen, doziert vor Schülern beim »Schülerlabor«, und auch wenn die technischen Fächer einen Girls' Day veranstalten, kommt er mit seiner Kuchengeschichte. Während Kollegen aus anderen Fächern nicht wissen, wohin mit ihren Absolventen, treibt Geweke vielmehr die Frage um: Wie kann ich junge Menschen für ein Verfahrenstechnikstudium begeistern? Die Absolventen auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln ist kein Problem. »Uns werden die Studenten aus den Händen gerissen«, sagt Geweke. Es ist das Problem vieler Ingenieurstudiengänge: Niemand scheint so recht zu wissen, was sich hinter den einzelnen Fächern verbirgt. Dabei seien gerade die Forschungsergebnisse von Verfahrenstechnik richtungsweisend für die Lösung vieler globaler Probleme, so betont Geweke den Stellenwert seines Faches: Der Klimaschutz, die Aufbereitung von Wasser, Energieeinsparung, die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung - bei all diesen Themen würden Verfahrenstechniker gebraucht.

Interdisziplinär

Verfahrenstechniker arbeiten an der Schnittstelle von Biologie, Chemie und Ingenieurwissenschaften
Zurzeit sind rund 8600 Studenten an deutschen Hochschulen für Verfahrenstechnik und verwandte Fächer wie Biotechnologie und Chemieingenieurwesen immatrikuliert. An rund 100 Fachhochschulen und Universitäten zwischen Hamburg und Darmstadt steht Verfahrenstechnik auf dem Fächer- Curriculum der Hochschulen. Einen NC gibt es so gut wie nie, einzige Zulassungsbedingung ist oft ein Praktikum vor Beginn des Studiums. Zwischen 18 und 24 Wochen lernen die zukünftigen Verfahrenstechniker in dieser Zeit die Grundfertigkeiten eines Maschinenbauers: Sie fräsen, schleifen und schweißen. Später im Studium wird es neben den obligatorischen Praktika theoretisch. Je nach Standort und Fakultät können die Studenten zwischen verschiedenen Schwerpunkten wählen: Möchten sie ihren Fokus auf Biologie, Chemie oder die klassischen Ingenieurfächer wie Maschinenbau legen? Interessieren sie sich eher für die Herstellungsprozesse oder eher für den Mikrokosmos? Biotechnologie, Chemie- oder Bioingenieurwesen heißen die Fächer, die zur Familie der Verfahrenstechnik gehören, denn sie ist ein klassisches Querschnittfach: Im Vorlesungsverzeichnis findet man Fächer wie Strahlentechnik, Strömungslehre, Lebensmittelchemie, Physik eins und zwei, aber auch Betriebswirtschaftslehre und rechtliche Grundlagen.


»Die heutige Entwicklung des Faches ist stark interdisziplinär geprägt«, sagt Volker Wiskamp, Pro fessor an der Uni Darmstadt. »Ein Verfahrenstechniker muss lernen, im Gesamtsystem zu denken«, sagt auch Martin Kaltschmitt, Leiter des Instituts für Umwelttechnik und Energiewirtschaft der TU Hamburg-Harburg. Heute reiche es nicht mehr, eine Vorlesung über Kraftwerke zu hören, sondern die Vorlesung sollte sinnvoll eingebettet sein: Wie funktioniert das gesamte Erdölsystem? Welche sozialen, ökologischen und ökonomischen Aspekte sind bei der Gewinnung zu beachten? Die Globalisierung ist schon lange im Fach angekommen: »Wir müssen das vernetzte Denken unter den Studenten fördern«, sagt Kaltschmitt. Dazu gehört für ihn, dass seine Studenten auch über den Tellerrand der rein ingenieurwissenschaftlichen Fächer blicken, Fremdsprachen sprechen und bereit sind, sich auf andere Kulturen einzulassen.

Auch Jochen Rudolph von ProcessNet, einem Zusammenschluss zwischen der Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie ( De chema) und dem Verein Deutscher Ingenieure, predigt den Blick über den Tellerrand: »Verfahrenstechniker wer den heute vielfältig eingesetzt. Früher gingen sie hauptsächlich in die Chemie branche, heute findet man sie in der Kosmetikindustrie, bei Lebensmittelherstellern oder im Bereich Medizintechnik.« Die nachhaltige Erschließung von Ener giequel len, die Optimierung der stofflichen Nutzung von nach wach senden Rohstoffen oder auch die Ernährung der stetig wachsenden Weltbevöl kerung seien Themen, um die sich Verfahrenstechniker kümmerten.

Bei allen Diskussionen um Internationalität und Interdisziplinarität bleibt die Frage: Wohin entwickelt sich die Lehre der Verfahrenstechnik? Wird sie eher breit angelegt, damit die Absolventen in verschiedenen Branchen arbeiten können, oder konzentriert man sich darauf, Spezialisten für die immer komplexer werdenden Prozesse auszubilden? »Im Prinzip brauchen wir beides«, sagt Geweke, die Spezialisten und die breit ausgebildeten Allrounder. Wie sollen wir in dieser Situation die Bachelor- und besonders die Masterstudiengänge ausrichten?, fragen sich die Vertreter des Faches. Wie speziell darf ein Bachelor sein? Und: Wie breit und interdisziplinär ein Master? »Die verschiedenen Meinungen spalten die Fakultäten«, sagt Wiskamp. Auch Geweke warnt davor, schon den Bachelor fachlich zu eng aufzustellen: »Wir dürfen die Grundlagen der Verfahrenstechnik nicht vernachlässigen.« Abgesehen von den internen Auseinandersetzungen, hat das Fach weniger Startschwierigkeiten bei der Umstellung auf das duale System als andere Fächer. »Das Studium war schon immer sehr stark strukturiert, das macht für uns und auch für die Studenten die Umstellung leichter«, sagt Rudolph.

Geweke und seine Fakultät beweisen, dass es auch an großen Fachhochschulen eine gute Betreuung der Studenten geben kann: Die HAW Hamburg schneidet beim CHE Hochschulranking in den Bereichen Studiensituation insgesamt, Betreuung durch Lehrende, Laborausstattung und Reputation in Studium und Lehre sehr gut ab. Wiskamp ist nicht zufrieden mit dem Abschneiden seiner Fakultät in Darmstadt. Bei der Studiensituation, der Betreuung der Studenten durch die Lehrenden und der Vergabe der Forschungsgelder erhält sie eine schlechte Bewertung. Wiskamp glaubt die Gründe zu kennen: »Wir haben große Probleme mit der Bausubstanz der Gebäude, zudem sind zwei Professoren längerfristig erkrankt.« Wirklich überrascht habe ihn das Ergebnis deshalb nicht. Immerhin: »Einigermaßen gut« sei die Bewertung der anderen Professoren gewesen.

Nicht nur die großen Fakultäten wie die in Hamburg, Mannheim oder Münster schneiden beim Ranking gut ab. Auch kleine Fachhochschulen wie die Hochschule in Merseburg haben Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen: Wenn man Professorin Heike Mrech fragt, muss sie nicht lange überlegen, um diesen Erfolg zu begründen: Der Campus ist neu saniert, und die Anbindung an die lokale Industrie ist hervorragend. Für Mrech gibt es aber auch noch einen anderen Grund zur Freude: Verfahrenstechnik ist bei Frauen besonders beliebt. Fast ein Drittel der Studierenden ist weiblich.



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