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Gentechnik: Fangt noch mal von vorne an

VON ULRICH BAHNSEN UND ANDREAS SENTKER

Die Gentechnik der Zukunft kann viele mögliche Risiken ausschließen. Damit bekommt die Debatte eine ganz neue Dimension.

Gentechnik: Fangt noch mal von vorne an© alho007 - Fotolia.comGenome-Engineering ermöglicht punktgenaue Veränderungen im Genom
Eine Revolution überrollt gerade weite Bereiche der Lebenswissenschaften. Sie wird die Medizin verändern, die Landwirtschaft umkrempeln, unsere Ernährung bestimmen. Am erstaunlichsten an ihr ist, dass sie sich so lautlos vollzieht. Aber ihre Protagonisten wollen genau das: unauffällig arbeiten. Vorangetrieben wird der Umbruch durch neue biotechnische Werkzeuge. Sie erlauben den Forschern erstmals präzise Eingriffe in den Code des Lebens. »Genome-Engineering« löst die im Vergleich plumpe bisherige Gentechnik bei Pflanzen, Tieren und Menschen ab. Wurde früher fremdes Erbmaterial nach dem Zufallsprinzip ins Genom bugsiert, können Biotechniker nun punktgenaue Veränderungen vornehmen.

Die Erbinformation wird dabei so präzise bearbeitet, als wäre sie ein Text in einem Schreibprogramm - Buchstabe für Buchstabe. Defekte Gene lassen sich spurlos korrigieren, neue Erbanlagen präzise einfügen. Pflanzensorten und Tierrassen mit erwünschten Eigenschaften entstehen. Die neuen Werkzeuge haben kryptische Namen, wie etwa Crispr. Doch man sollte sich die Kürzel merken. Die neue Biotechnik dringt bereits in zentrale Bereiche unseres täglichen Lebens vor. Sie dürfte Therapien gegen bisher nicht heilbare Erkrankungen den Weg bereiten. Sie wird die Tier- und die Pflanzenzucht verändern. Schon ist erkennbar: Unsere Ernährung wird in Zukunft ein neues Fundament erhalten.

Vor allem in der Pflanzenzüchtung sollen die Verfahren der sogenannten Cis-Genetik (die lateinische Vorsilbe cis steht für diesseits, hier diesseits der Artengrenze) zum Durchbruch verhelfen. Dabei werden anders als bislang keine artfremden Erbinformationen - etwa für Bakterientoxine oder Antibiotikaresistenzen - mehr in Soja oder Kartoffeln verschoben. Erwünschte Eigenschaften gewinnen die Züchter nun durch den gezielten Austausch von Genvarianten: Die Robustheit von Wildäpfeln gegen Schädlinge etwa lässt sich problemlos in gezüchtete Sorten übertragen. Zudem kann Cis-Genetik die Züchtung neuer Pflanzen drastisch beschleunigen und die Risiken bisheriger Verfahren obsolet machen.

Schöpfungen der Biotechnik hätten genauso gut in der Natur entstehen können

Darin liegt die Brisanz der neuen Biotechniken: Ihre Schöpfungen hätten ebenso gut in der Natur entstehen können - durch natürliche Mutation oder konventionelle Kreuzung. Ihre Erzeugnisse unterscheiden sich deshalb nur in ihrer Herkunft von denen der freien Natur, nicht in ihrer Biologie. Die Grundlagenforschung hat sich die neue Gentechnik längst dienstbar gemacht: Cis-Genetik mithilfe der modernen Verfahren des Genome-Engineerings hat die Labore erobert. Die Medizin versucht, durch die Einfügung natürlicher HIV-Resistenzen künftig Aids-Patienten zu helfen. Forschende Unternehmen warten darauf, dass die Politik die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen absteckt. Genome-Engineering trifft dabei in all seinen Anwendungsgebieten mitten hinein in eine politisch, ökonomisch und ethisch kontroverse Auseinandersetzung.

Die neue Gentechnik greift in den Züchtungsprozess ein, aber sie hinterlässt im fertigen Produkt keinerlei Spuren mehr. Für gentechkritische Verbraucherschützer ist das ein Albtraum. Die festgefahrene Debatte um die grüne Gentechnik steht auf einmal unter neuen Vorzeichen, nationale und EU-Regularien für Genmais und Co. sind auf die neue Züchtungstechnik nicht mehr anwendbar.

Ob und wie die EU die Züchtungen der Cis-Genetik (also etwa die Übertragung von Apfelgenen auf Äpfel) regulieren kann und sollte, ist in Brüssel Gegenstand intensiver Fehden. Die Akteure haben sich längst aufgestellt. So versucht die Umwelt- und Antigentechniklobby zu intervenieren: Weil Anne Glover, derzeit Chief Scientific Adviser des Kommissionspräsidenten, in den Augen von Greenpeace und sieben weiteren NGOs zu gentechnikfreundlich agierte, verlangten diese in einem offenen Brief an Jean-Claude Juncker, den Posten einfach abzuschaffen.

Die Befürworter hingegen sorgen sich wegen des zerstörerischen Potenzials einer neuen Panikdebatte - und arbeiten hinter den Kulissen daran, die Politik vom Nutzen der neuen Techniken und von ihrer Naturnähe zu überzeugen. Obwohl die neue Gentechnik keines der befürchteten biologischen Risiken mehr birgt - die Pflanzen tragen weder Fremd- noch Resistenzgene in sich -, wollen die Genkritiker sie als GMO (genetically modified organism) reguliert sehen und ihren Anbau verhindern. Die strittige Frage lautet: Zählt Herkunft oder Ergebnis? Ist eine Sorte eine Genpflanze, nur weil sie aus einem Labor stammt? Muss sie folglich so reguliert werden - auch wenn sie mit denselben Eigenschaften von einem konventionellen Züchtungsbetrieb stammen könnte? Reichen dann nicht die Zulassungsregeln für konventionelle Saaten?

Wie sähe die neue Gentechnik bei unseren Nutztieren aus? Wenn nämlich künstlich wenige Genbausteine einer Rinderrasse ausgetauscht werden, was alltäglich in der freien Natur passiert: Liefert das Rind dann in den Augen der Verbraucher Frankenfood? Auch die Rolle der Kritiker wirft Fragen auf. Was genau treibt ihren Widerstand gegen die neue Gentechnik an? Geht es ihnen noch um die Sache oder nur noch ums Prinzip?

Weil in der Medizin um diese Fragen nicht so grundsätzlich gestritten wird wie in der Pflanzenzüchtung, hat in Therapie und Forschung der Umbruch bereits begonnen. Die Zeiten, in denen die Gentherapie durch Zwischenfälle, schwere Nebenwirkungen und sogar durch Tote von sich reden machte, sind wohl vorbei. Bislang mussten Gentherapeuten heilsame Gene blind in die Zellen ihrer Patienten schleusen: ohne Kontrolle darüber zu haben, ob, wo und wie häufig sich die Erbinformation dort einnistete. Als Folge dieser Schrotschuss-Therapien erkrankten etliche Kinder an Blutkrebs. Jetzt wollen Mediziner genetische Defekte ihrer Patienten durch Genome-Engineering beseitigen - sie heilen das Gen gleichsam, statt es zu ersetzen. Heilung ohne Risiko - das ist die große Hoffnung.

Genome-Engineering zur Heilung von genetischen Defekten

In Griffweite der Technik sind aber nicht nur die Körperzellen. Auch der Embryo könnte von genetischen Defekten befreit werden, um schwere Erkrankungen schon vor der Geburt zu heilen. Gerade erst demonstrierten Forscher die erstaunlichen Möglichkeiten des Genome-Engineerings, indem sie Mäuseembryonen mit erblicher Muskelschwäche therapierten. Denkbar wird jetzt sogar eine Fortpflanzungsmedizin, in der die Präimplantationsdiagnostik nicht mehr angewandt wird, um kranke Embryonen auszusortieren, sondern um sie zu kurieren.

Ein Durchbruch wie dieser birgt immer Segen und Gefahr zugleich. Klar ist: Wir können nun defekte Gene präzise reparieren. Wir können gesündere Pflanzen züchten. Wir können aber auch neue Lebensformen schaffen. Wir tragen jetzt eine große Verantwortung.

Aus DIE ZEIT :: 23.10.2014