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Gesellschaftlich unterbewertet: die Übersetzung deutscher wissenschaftlicher Texte ins Englische


Von Dirk Siepmann

Übersetzungen in eine fremde Sprache sind grundsätzlich eine diffizile und anspruchsvolle Angelegenheit. Was muss ein Übersetzer eines deutschen wissenschaftlichen Beitrags ins Englische an sprachlichen und kulturellen Fähigkeiten, aber auch an disziplinären Vorkenntnissen mitbringen? Der Autor beschreibt, wo die besonderen Herausforderungen liegen und welche Fallstricke auf den Übersetzer warten.

Gesellschaftlich unterbewertet: die Übersetzung deutscher wissenschaftlicher Texte ins Englische© Dimitar Gorgev - iStockphoto.com"Das Übersetzen von Wissenschaftstexten vom Deutschen ins Englische stellt eine sprachliche und intellektuelle Höchstleistung dar"
Am 20. Juli 1827 schrieb Goethe an Carlyle: "Was man auch immer von der Unzulänglichkeit des Übersetzens sagen mag, so ist und bleibt es doch eins der wichtigsten und würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltwesen." Dieses Goethe-Zitat gilt heute mehr denn je: die Möglichkeiten internationaler Kommunikation und das Bedürfnis danach verzeichnen ein rasantes Wachstum, und mit ihnen steigt die Nachfrage nach Übersetzungen in einem bisher nie dagewesenem Maße. Diese Entwicklung betrifft auch die Wissenschaft und hier insbesondere die Übersetzung von Wissenschaftstexten in die dominierende Wissenschaftssprache Englisch.

Zur Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit der Übersetzung ist seit der Antike viel Lesenswertes gesagt worden, vom non ut interpres sed ut orator Ciceros über die universalistische Sprachauffassung der Grammatik von Port Royal (Grammaire générale et raisonnée) bis hin zur Weltbildthese Humboldts, nach der das Denken sprachabhängig und die getreue Übertragung insbesondere literarischer Texte in eine andere Sprache schlechterdings unmöglich sei.

Insbesondere unter dem Einfluss der linguistischen Semantik und Pragmatik und der Kulturwissenschaften hat sich auch in der modernen Übersetzungswissenschaft die Erkenntnis durchgesetzt, dass die interne Struktur der Wortfelder verschiedener Sprachen und die Verschiedenheit des kulturellen Umfeldes, in dem Texte entstehen, zu Äquivalenzproblemen bei der Übersetzung führen können. Da Bedeutung weder unmittelbar beobachtbar noch intersubjektiv verifizierbar ist, sondern im Bewusstsein des Textrezipienten entsteht, gilt dementsprechend auch für Übersetzungen von Wissenschaftstexten, dass eine vollständige Äquivalenz von Ausgangs- und Zieltext im Sinne einer Identitätsbeziehung meist unmöglich ist; dies wäre lediglich der Fall bei Auflistungen von normativ festgelegten Fachtermini (Atom-atom) oder z.B. Ortsnamen (Köln-Cologne). Sobald komplexere Texte ins Spiel kommen, sind niemals alle Aspekte des Ausgangstextes (z.B. Lexis, Syntax, Informationsgliederung, Informationsdichte, Annahmen über das Vorwissen des Lesers usw.) in der Zielsprache in genau gleicher Art oder Gewichtung wiederzugeben; der Auftraggeber der Übersetzung oder der Übersetzer selbst müssen eine Hierarchisierung verschiedener Aspekte vornehmen, die von der Funktion des Zieltextes in der Zielkultur abhängt.

Dreiteilung Wort-, Satz-/Absatz- und Textebene

Obwohl die sprachlichen Inventare (z.B. Nominalisierung, Passiv) der deutschen und englischen Wissenschaftssprache( n) grundsätzlich identisch sind, ergeben sich also kulturell und disziplinär bedingte Unterschiede in der Realisierung derselben, mit denen der Übersetzer wissenschaftlicher Texte vertraut sein sollte. Ein Überblick über diese vielschichtigen Kontraste lässt sich am leichtesten vermitteln, indem man eine (künstliche) Dreiteilung von Wort-, Satz-/Absatz- und Textebene vornimmt.

Wortebene

Begeben wir uns zunächst auf die Wortebene. Ein jedem Fremdsprachenlerner bekanntes Phänomen, das auch den Fachwortschatz kennzeichnet, sind die sogenannten "falschen Freunde". So ist es für den ungeübten Übersetzer im technischen Bereich sehr verlockend, control mit Kontrolle oder Generator mit generator gleichzusetzen. Control entspricht jedoch, wenn es sich nicht auf ein Gerät bezieht (also einen "Regler" oder ein "Steuerungsgerät"), den deutschen Substantiven Regelung, Steuerung oder Bedienung. Bei der Herstellung von Äquivalenz auf der Wortebene sind neben dem eigentlichen Wortinhalt auch die Frequenz, die zeitliche Gültigkeit und die institutionelle Einbettung eines Begriffs zu berücksichtigen.


Ein weiteres lexikalisches Problem stellen unterschiedliche Konventionen bei der Nominalisierung dar, die zwar millionenfach in der Terminologiearbeit belegt sind, deren Anwendung auf Neuschöpfungen aber bisher kaum vorhersagbar ist. Jeder kompetente Übersetzer hat daher eine Vielzahl möglicher Transferprozeduren verinnerlicht, die er auf ihre Tauglichkeit im jeweiligen Kontext überprüfen kann.

Es bedarf schon eines ausgeprägten sprachlichen Sensoriums, um zu erkennen, dass einerseits ein Syntagma wie für hohe Sinkgeschwindigkeiten ausgelegtes Fahrwerk im Englischen als Kompositum wiedergegeben werden kann (high sink rate landing gear), andererseits aber ein recht simples deutsches Kompositum wie Lesepensum der Umschreibung bedarf (sein Lesepensum - the amount of reading he has to do, the amount of reading material he has to work through). Der erfahrene Übersetzer wird gerade in diesem Bereich dem Wörterbuch ein gesundes Misstrauen entgegenbringen. Wörterbücher bilden häufig stark kontextgebundene Lösungen ab, die nicht universell einsetzbar sind. So lässt sich Beurteilungskriterium zwar mit judgement criterion wiedergeben; in einem Kontext wie "drei Beurteilungskriterien für diese Methode" ist im Englischen aber eine Gerundialkonstruktion vorzuziehen: three criteria for judging this method.

Satzebene

Mit solchen Gerundialkonstruktionen sind wir bei der fließend zu verstehenden Grenze zur Satzebene angelangt. Der erfahrene Übersetzer wird Gerundialkonstruktionen häufig auch im Anschluss an Verben verwenden und damit schwerfällige Reihungen von Nominalgruppen vermeiden (z.B. focus on developing new methods for examining ... statt focus on the development of new methods for the examination of ...). Ähnliches gilt für die Übertragung bestimmter Präpositionalgefüge, die in technischen Texten gehäuft vorkommen; so erfordert die korrekte Übertragung der Präposition "bei" die Beherrschung eines Repertoires von mehr als 20 Standardlösungen (z.B. bei zu niedriger Anschlussspannung - when the supply voltage is too low). Die Kunst besteht hier also darin, sich von der "Tyrannei der Wortarten" (Tancock) zu lösen.

Textebene

Auf der nächsthöheren Ebene stellt sich die Frage der Verknüpfung von Einzelsätzen zu Satzfolgen. Bei der allzu linearen Übertragung von Informationen in die Zielsprache Englisch läuft der Übersetzer Gefahr, gegen englische Vertextungskonventionen zu verstoßen.

Wer hat nicht die Erfahrung gemacht, dass englische Texte häufig leichter zu verstehen sind als deutsche? Ein Grund dafür ist die sehr stringente Verknüpfung von bekannter ("thematischer") und neuer ("rhematischer") Information in englischen Satzfolgen, die durch das starre englische Subjekt-Verb(-Objekt)-Schema gefördert wird. Während in stilistisch gelungenen deutschen Texten die Erstposition im Satz häufig nicht durch ein Subjekt besetzt wird und mitunter auch rhematische Informationen enthält, zu deren Verständnis der Leser Weltwissen benötigt, bieten englische Texte im Normalfall eher bereits bekannte, subjektivische Themata am Satzanfang, die allein aufgrund innertextlicher Zusammenhänge erschließbar sind (siehe dazu das blau gesetzte Beispiel): Selbst in Fällen, wo eine Nachahmung der grundlegenden Gedankenentwicklung und Satzabfolge in der Zielsprache Englisch möglich ist, wird der versierte Übersetzer daher mitunter erhebliche "Umbauten" in der Satzstruktur vornehmen müssen; dabei muss er bedenken, dass das Satzsubjekt in englischen Wissenschaftstexten vielfältige Rollen übernehmen kann (z.B. zeitlicher Umstand: 1989 witnessed ...).

Die ausgeprägtere Rekurrenz auf das Weltwissen des Lesers im Deutschen findet sich in ähnlicher Form auf der Ebene des Gesamt- oder Teiltextes (z.B. Einleitung, Methode, Ergebnisse, Diskussion, Schluss) wieder und führt zu ganz unterschiedlichen Konstellationen je nach Übersetzungsrichtung, wobei sich die uns hier primär beschäftigende deutsch-englische Übersetzung als wesentlich diffiziler als deren Umkehrung erweist. So wird in deutschen Einleitungen von wissenschaftlichen Artikeln z.B. regelmäßig ein Wissen über deren implizit begründende Struktur vorausgesetzt. Sinnzusammenhänge zwischen Einleitungssegmenten werden weniger als im Englischen durch innersprachliche Mittel wie Verbindungswörter (auch, denn, deshalb, trotzdem, ...), synonymische oder antonymische Beziehungen und dergleichen gekennzeichnet, sondern lassen sich nur durch Kenntnisse des Lesers über die übliche Realisierungsform der Teiltextsorte "Einleitung" herstellen. Übersetzer, die Englisch als Muttersprache haben, müssen also mit der deutschen Wissenschaftskultur vertraut sein; sie müssen wie der deutsche wissenschaftliche Leser Bescheid wissen über die implizit begründenden Verbindungen zwischen scheinbar unverbunden nebeneinander stehenden Sätzen oder Teiltextsegmenten.


Die soeben skizzierte hermeneutische Einleitungsstruktur, die in deutschsprachigen Artikeln zahlreicher Disziplinen zu finden ist, führt bei originalgetreuer Übertragung in das Englische zu einem völlig unverständlichen, im wahrsten Sinne des Wortes "zusammenhanglosen" Text. Anglophone Wissenschaftler erwarten eine stärker adressatenorientierte Einführung in die Materie, in der zunächst der wissenschaftliche Gegenstandsbereich umrissen wird und dann eine lineare Hinführung zum Thema erfolgt, der durch sogenannte advance organizers ("there are three common procedures") der Weg bereitet wird. Auf sprachlicher Ebene wird dabei ein umfangreicherer Einsatz von phorischen oder deiktischen Mitteln (this procedure) sowie ggf. von Relationen der Identität, der Opposition, der Spezifikation bzw. Inklusion erforderlich sein.

Gesellschaftlich unterbewertet: die Übersetzung deutscher wissenschaftlicher Texte ins Englische

Spezielle Strategie vonnöten

Die Bearbeitung eines deutschen Fachartikels in Hinblick auf die Publikation in einer englischsprachigen Fachzeitschrift verlangt also - neben einem hohen Grad an sprachlicher Versiertheit und linguistisch-übersetzungswissenschaftlicher Vorbildung - umfangreiche Kenntnisse des Wissenschaftsbereichs, dem der Artikel entstammt. Nur unter diesen Voraussetzungen kann es dem Übersetzer überhaupt gelingen, implizite deutsche Argumentationsstrukturen explizit zu machen und Wissensdefizite im englischen Sprachraum hinsichtlich bestimmter dort nicht vertretener Forschungsrichtungen oder -ansätze auszugleichen. Dabei gilt es grundsätzlich eine Strategie zu verfolgen, welche die deutsche Inhaltsorientierung durch eine englische Adressatenorientierung ersetzt, mit der dort üblichen, zuweilen fast populärwissenschaftlich wirkenden Progression vom Allgemeinen zum Besonderen, vom Konsensuellen zum Strittigen, vom Common Sense zum Kontraintuitiven. Der so entstehende Zieltext wird, wie einleitend bereits bemerkt, niemals unter allen Aspekten dem Ausgangstext äquivalent sein, aber er wird Anspruch auf funktionale Adäquatheit erheben können.

Wie deutlich geworden sein sollte, stellt das Übersetzen von Wissenschaftstexten vom Deutschen ins Englische also eine sprachliche und intellektuelle Höchstleistung dar, die gesellschaftlich unterbewertet wird. Aus finanziellen Gründen erteilt man häufig Übersetzungsaufträge an deutsche Anglistikstudenten oder an englischsprachige Doktoranden, die über relativ gute Deutschkenntnisse verfügen. Diese Vorgehensweise rentiert sich jedoch nur in Ausnahmefällen, weil Übersetzungen, die von deutschen Studenten oder ausländischen Doktoranden angefertigt werden, im Normalfall sehr zu wünschen übrig lassen.


Über den Autor
Dirk Siepmann ist Professor für Anglistik/Fachdidaktik an der Universität Osnabrück. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind universitäres Fremdsprachenlernen (insbesondere Übersetzungslehre), Schreibdidaktik, (Lerner-)Lexikographie und Lexikologie, Lehrmaterialentwicklung und Kompetenzdiagnostik.


Aus Forschung und Lehre :: August 2010

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