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Gesucht: Führungsfrauen

VON MARLENE HALSER

Juanita Jordan macht mit Kind Karriere. Genau das will sie als Personalleiterin bei Bosch auch anderen Frauen ermöglichen.

Gesucht: Führungsfrauen© TimToppik - Photocase.com"Statt Frauen nur aus einem Gleichheits- und Gerechtigkeitsanspruch heraus integrieren zu wollen, geht es den Unternehmen heute mehr auch um die Wirtschaftlichkeit von gemischten Teams"
Wenn Juanita Jordan von ihrer Arbeit spricht, wird schnell klar, warum sie erfolgreich ist. »Ich möchte etwas bewirken, etwas gestalten«, sagt die Diplomingenieurin mit Nachdruck, »ich will Dinge vorantreiben, die mir wichtig sind.« Seit 2007 ist die 38- Jährige Personalleiterin bei Bosch Engineering in Abstatt bei Heilbronn, einem Tochterunternehmen des Bosch-Konzerns, das technische Systeme und Softwarelösungen für Fahrzeuge entwickelt. Rund 3000 Mitarbeiter sind in Abstatt beschäftigt. 15 davon sind Jordan in der Personalabteilung direkt unterstellt. Um an diese Position zu gelangen, hat sich die Ingenieurin in beachtlichem Tempo in einem Industriezweig nach oben gearbeitet, in dem Frauen nach wie vor die Ausnahme sind. Nun sucht sie als Personalleiterin selbst nach gut ausgebildeten jungen Frauen aus dem technischen Bereich, die Karriere machen wollen.

Wie andere große Unternehmen hat auch Bosch erkannt, dass es sich lohnt, Frauen in ihren Karriereambitionen zu unterstützen. »Die gesellschaftliche Diskussion, die um das Thema 'Frauen und Karriere' entbrannt ist, kommt in den Unternehmen an«, sagt Jordan. Ihre Erfahrungen decken sich mit den Ergebnissen der Studie Frauen in Karriere. Seit 2009 analysieren Sozialwissenschaftler aus München und Erlangen im Auftrag des Bundesfamilienministeriums und mit Unterstützung der Europäischen Union die Karrierebedingungen für Frauen in modernen Unternehmen. Auch sie kommen zu dem Schluss: Die gesellschaftliche Diskussion über das Für und Wider einer Frauenquote und über die seit Jahrzehnten gleichbleibend geringen Zahlen von Frauen in deutschen Führungsetagen hat die Debatte nachhaltig verändert. Nicht mehr nur die staatlichen Institutionen stehen in der Pflicht, sondern die Wirtschaftsunternehmen selbst sind ins Blickfeld geraten. Manager und Vorstände müssten sich seither immer wieder fragen lassen, warum so wenige Frauen an der Spitze ihrer Unternehmen mitwirkten. Besonders große Konzerne bekämen den gesellschaftlichen Druck zu spüren und wollten in der Öffentlichkeit nicht länger als anachronistisch und frauenfeindlich dastehen. Die Studie spricht gar von einem »historischen Möglichkeitsraum«, der sich mit dem Paradigmenwechsel für Frauen in modernen Unternehmen aufgetan habe.

Juanita Jordan hat sich auch ohne diese Erkenntnis behauptet. Dass sie im Studium des Chemieingenieurwesens an der TU Karlsruhe als Frau zu einer Minderheit gehörte, hat sie nie gestört. Danach gefragt, hält sie kurz inne, und in ihren klaren, blauen Augen liegt für einen Moment ein Ausdruck des Erstaunens. »Ich hatte eine gute Studiengruppe«, sagt sie nach einer Weile. Die Zeit sei schön gewesen. »Über Geschlechterfragen habe ich mir damals keine Gedanken gemacht.« Nach dem Studium stieg sie als Projektingenieurin bei Wacker Chemie im niederbayerischen Burghausen ein. Auch dort war sie unter 150 Ingenieuren die einzige Frau. Probleme bereitete ihr das nicht. »Im Gegenteil«, sagt sie. »Ich wurde als Frau stärker wahrgenommen, weil ich in der Abteilung etwas Neues war.«

Inzwischen haben viele Unternehmen erkannt, dass das Neue vor allem auch ökonomische Vorteile bringt. »Statt Frauen nur aus einem Gleichheits- und Gerechtigkeitsanspruch heraus integrieren zu wollen, geht es den Unternehmen heute mehr auch um die Wirtschaftlichkeit von gemischten Teams«, berichtet Jordan aus der täglichen Praxis. »Diversity Management« lautet das neue Schlagwort, mit dem auch die Personalleiterin in internen Schulungen für Führungskräfte immer wieder für mehr Frauen wirbt. Gemeint ist damit, dass ethnisch heterogene und gemischtgeschlechtliche Führungsteams und Projektgruppen rentablere, weil innovativere Ergebnisse erzielen als Entscheidungsgremien, die ausschließlich aus Männern mit demselben Erfahrungshintergrund bestehen. Weil Frauen plötzlich für eine bessere Rendite stehen, ist das Thema zur Chefsache geworden. Frauen sind heute kein Problem mehr, sondern eine Ressource. »Ich wollte mit Kind unbedingt auf dem gleichen Level arbeiten wie vorher« Dazu kommt der Fachkräftemangel: Weil bald nicht mehr ausreichend männliche Führungskräfte zu bekommen sein werden, so die Logik, müssen sich Unternehmen auch für weibliche Führungskräfte öffnen, wenn sie langfristig erfolgreich bleiben wollen. Gut ausgebildete Frauen zu verlieren, können sich die Unternehmen angesichts des prognostizierten demografischen Wandels nicht mehr leisten. Die Einarbeitung eines Mitarbeiters sei eine Investition des Unternehmens, die sich auch langfristig rechnen solle, sagt Jordan. »Deshalb müssen wir uns überlegen, wie wir es schaffen, dass die Frauen bei Bosch Beruf und Familie miteinander vereinbaren können.«

Juanita Jordan nahm diese Herausforderung selbst in die Hand. Im August 2010 brachte die 38-Jährige ihren Sohn David zur Welt. Ganze sechs Monate blieb sie inklusive der sechs Wochen vor der Geburt zu Hause. Anschließend nahm ihr Mann vier Monate Elternzeit. »Das war in unserer Partnerschaft ganz selbstverständlich«, sagt sie dazu knapp. Seit letzter Woche wird ihr Sohn nun tagsüber in einer Kinderkrippe betreut. »Ich finde das Arbeitsleben sehr spannend, und mein Beruf füllt mich aus«, erklärt Jordan ihre Motivation. »Nach dem Kind nicht mehr arbeiten zu gehen, dieser Einschnitt wäre mir zu groß gewesen.« Also formulierte sie für sich selbst ein klares Ziel: »Ich wollte auf dem gleichen Level weiterarbeiten wie zuvor«, erinnert sie sich, »am liebsten natürlich auf meine alte Stelle zurückkehren.«

Um diesen Wunsch zu erfüllen, ergriff sie die Initiative, sprach sich mit ihren Kollegen ab und organisierte die Arbeit in der Abteilung so um, dass eine Mitarbeiterin sie für die kurze Zeitspanne vertreten konnte. Dann ging sie zu ihrem Bereichsleiter und präsentierte ihm den Plan. Der Vorgesetzte zog mit und unterstützte sie. Während der Babypause blieb sie mit der Abteilung in Kontakt, informierte sich einmal wöchentlich über die neuesten Entwicklungen. Seit sie wieder arbeitet, ist sie vier Tage die Woche im Unternehmen. Den fünften Tag arbeitet sie von zu Hause. »Wenn man etwas wirklich möchte, ist vieles möglich«, sagt Jordan nicht ganz ohne Stolz. »Viel mehr noch, als derzeit schon gemacht wird.« Damit andere Frauen das ebenso schaffen können, betreut Juanita Jordan neben ihrer regulären Tätigkeit derzeit den Ausbau einer städtischen Kindertagesstätte, direkt neben dem Firmengelände in Abstatt. Um auch künftig für die bestausgebildeten Absolventen attraktiv zu bleiben, sind vor allem große Unternehmen mittlerweile bereit, einiges für ihre zukünftigen Arbeitnehmerinnen zu bieten. Bosch Engineering finanziert den Ausbau der Kita mit drei Millionen Euro mit. 80 Betreuungsplätze werden dann für die Kinder der Bosch-Mitarbeiter reserviert sein. Die Eröffnung ist für Oktober geplant. »Das ist ein Projekt, auf das wir stolz sein können«, sagt Jordan. »Ich gehe davon aus, dass wir mit der Kita neue Mitarbeiterinnen anwerben werden.«

Die Wünsche der Unternehmen nach qualifizierten Frauen mit Führungserfahrung können Headhunter und Personalberater derzeit allerdings bei Weitem nicht erfüllen. Schon im mittleren Management fehlt der weibliche Nachwuchs. Immer noch gibt es zu viele strukturell bedingte Karrierehemmnisse, die Frauen davon abhalten, die gläserne Decke zu durchbrechen. Auch seien Frauen nach wie vor oft zu zaghaft, wenn es darum gehe, eine Beförderung oder eine neue Aufgabe einzufordern. Auch Juanita Jordan zögerte zunächst, als ihr der Abteilungsleiter ausdrücklich zum Wechsel in die Personalqualifizierung riet. Vier Jahre war sie da bereits bei Bosch - sollte sie den technischen Bereich, für den sie so brannte, verlassen? Schließlich siegte ihre Lust auf neue Herausforderungen: »Irgendwann dachte ich einfach: Was soll's? Das probierst du jetzt einfach aus.« Bereut hat sie diesen Schritt nie. 2005 wird sie zur Gruppenleiterin der Personalabteilung befördert. Als Bosch während der Wirtschaftskrise 2007 weniger Personal rekrutiert, fühlt sie sich unterfordert.

Doch statt stillzuhalten, sucht sie das Gespräch mit dem Vorgesetzten, bittet um mehr Verantwortung und eine Aufgabe mit mehr Gestaltungsspielraum. Sie hat Erfolg. Für neun Monate wird sie als Personalleiterin in das Boschwerk im ungarischen Hatvan mit mehr als 3000 Mitarbeitern entsandt. Jordan hat nicht nur Glück gehabt. Es waren ihr Engagement und die ausgeprägte Begeisterung für ihren Beruf, die man sofort spürt, wenn sie davon berichtet, aber auch ihr Mut zu neuen Aufgaben und ihre Ungeduld, die sie dahin gebracht haben, wo sie heute ist. Davon, dass es derzeit noch nicht viele Vorbilder gebe, dürfe man sich nicht abschrecken lassen, sagt sie. Sie selbst ist gerade auf dem Weg, ein solches Vorbild zu werden.

Aus DIE ZEIT :: 19.05.2011

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