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Gesucht: Impfstoff gegen die Weiße Pest

VON FRITZ HABEKUSS

Die Tuberkulose ist weltweit auf dem Vormarsch. Das nächste Jahrzehnt wird zeigen, ob die Menschheit sich gegen die Seuche wehren kann.

Gesucht: Impfstoff gegen die Weiße Pest© AlexRaths - iStockphoto.comTuberkulose galt als bezwungen, nun fehlen aufgrund ausgesetzter Forschung die Medikamente
Vor 60 Jahren strotzten Ärzte und Wissenschaftler vor Gewissheit und Selbstvertrauen: Bald sei die Seuche ausgerottet, bald würden blutspuckende und siechende Kranke der Vergangenheit angehören. Zum ersten Mal hatten sie wirksame Medikamente, mit denen sie kämpfen konnten, zum ersten Mal hielten sie ein scharfes Schwert in den Händen. Endlich konnten sie den übermächtigen Gegner Tuberkulose (TB) zurückdrängen.

TB-Epidemien rafften im 18. Jahrhundert in großen Städten vor allem die Armen hin. Zahllose Bauern und Landarbeiter zogen damals mit ihren Familien vom Land in die Städte, getrieben von Armut, Hunger und der Aussicht auf Arbeit. Meist fanden sie sich in Mietskasernen wieder, zusammengepfercht mit anderen Menschen, auf engstem Raum lebend. Eine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln gab es nicht, genauso wenig wie ein funktionierendes Abwassersystem. Während die Menschen litten, gedieh die Tuberkulose prächtig. Erst als sich die Arbeitsbedingungen und die Ernährung, die medizinische Versorgung und die Hygiene verbessert hatten, zog sich die Tuberkulose zurück. Später kamen neuartige Medikamente hinzu. Nur noch wenige starben an der Weißen Pest, wie sie damals genannt wurde. Die Welt wog sich in Sicherheit, im Westen hörte man auf zu forschen. Ein fataler Fehler. Denn in den Jahren der Untätigkeit ist die TB gefährlicher geworden als je zuvor.

Ein Drittel der Weltbevölkerung soll heute infiziert sein, die Krankheit tötet jedes Jahr etwa 1,4 Millionen Menschen. Mehr als 50 Jahre hatte das Mycobakterium nun Zeit, sich an die Medikamente zu gewöhnen, mit denen es bekämpft wurde. In diesen Jahrzehnten hat es Strategien entwickelt, den Waffen der Medizin zu trotzen. So sind neue Formen der TB entstanden: Gegen die multiresistente Tuberkulose (kurz: MDR-TB von englisch: multi drug resistant) kann die erste pharmazeutische Verteidigungslinie nichts mehr ausrichten. Die Behandlung einer solchen TB kostet mehr als 10.000 Dollar und kann leicht 200 Mal so teuer werden wie eine normale Therapie.

Häufig brechen Erkrankte ihre Behandlung ab, wenn sie sich besser fühlen. Der Erreger ist dann noch nicht aus dem Körper verschwunden, sondern lediglich geschwächt. Bakterien entwickeln schnell Resistenzen und geben diese Eigenschaft weiter, die sie immun gegen Medikamente macht. Parallel zur MDR hat sich eine Form von Tuberkulose entwickelt, gegen die auch die zweite Verteidigungslinie weitgehend wirkungslos bleibt: XDR, die komplett resistente Tuberkulose. Beide Formen sind bislang nur selten. Bei 96 Prozent aller Patienten lässt sich die TB gut mit den Standardmedikamenten behandeln, bei etwa 3 Prozent diagnostizieren Ärzte die MDR-, bei 0,3 Prozent die XDR-TB.

Bei der Therapie werden immer mehrere Medikamente miteinander kombiniert, die über Monate hinweg eingenommen werden müssen, sonst kommt die Krankheit zurück. In Indien, wo die Tuberkulose besonders grassiert, gibt es Pilotprojekte, in denen eine ambulante Therapie ausprobiert wird: Die Kranken wohnen zu Hause, müssen aber täglich ihre Medikamente in der Klinik einnehmen. Verpassen sie einen Termin, machen sich Sozialarbeiter auf den Weg zu ihnen. Solche Strategien sind mühsam und aufwendig - doch bislang der einzige Weg, damit die Patienten ihre Medikamente auch wirklich einnehmen. Nur so kann verhindert werden, dass sich die gefährlichen MDR- und XDR-Formen ausbreiten.

Nachdem sich die Situation in Europa und Nordamerika entspannt hatte, verschwand die Krankheit aus dem Blickfeld. Pharmafirmen interessierten sich nicht für die TB, mit ihr war kein Geld zu verdienen. Nur zögerlich kamen die Bemühungen wieder in Gang, nicht zuletzt durch Anstrengungen von Nichtregierungsorganisationen, allen voran die Bill & Melinda Gates Foundation. Mehr als 40 Jahre lang mussten Ärzte die Patienten mit immer demselben Arsenal an Medikamenten behandeln - bis 2012 Sirturo auf den Markt kam. Es arbeitet anders als bisherige Wirkstoffe, indem es ein Enzym hemmt, das die TB-Bakterien brauchen, damit sie sich im Körper vermehren können. Um die Tuberkulose zu besiegen, reicht es allerdings nicht aus, nur die akuten Fälle zu behandeln.

In neun von zehn Fällen bricht die Krankheit nicht aus, ist aber trotzdem ansteckend. Das Immunsystem kann den Erreger zwar in Schach halten, trotzdem bleibt er aktiv und schläft im Körper des Befallenen. Erst wenn dessen Abwehrsystem geschwächt ist, etwa durch Aids, durchbricht das Bakterium die Verteidigung des Körpers. Vor allem in Afrika sind solche Fälle ein Problem. In Europa gilt London als die TB-Hauptstadt. Hier hat sich in den Jahren 1999 bis 2009 die Zahl der bekannten Fälle um 50 Prozent von 2.309 auf 3.450 erhöht. Als höchste Risikogruppe gelten Flüchtlinge und Migranten aus Gefahrenregionen, manche fordern daher eine Eingangsuntersuchung für diese Menschen.

Im Kampf gegen die Tuberkulose ist nun das entscheidende Jahrzehnt angebrochen. Wird sie bis 2050 ausgerottet sein, wie es die WHO sich als Ziel gesetzt hat? Oder überrollt uns die Krankheit mit neuen Strategien? Ob es Forschern gelingt, eine Impfung zu entwickeln, ist eine der Schlüsselfragen. Bislang haben Ärzte nur das Bazillus-Calmette-Guérin-Vakzin zur Verfügung, das vor Jahrzehnten entwickelt wurde. Zwar gehört es zu den am weitesten verbreiteten Impfstoffen der Welt, doch hilft es nur gegen eine aggressive Form der TB, die auch das Gehirn befällt. Experten schätzen, dass frühestens 2024 mit einem neuen Impfstoff gerechnet werden kann. Dann wird sich zeigen, wer die besseren Waffen im Rüstungswettlauf entwickelt hat. Das Mycobakterium. Oder die Menschheit.

Aus DIE ZEIT :: 30.01.2014