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Gesucht: Neulandbetreter - Die klassische Hochschule steht vor einem tiefgreifenden Wandel

von MARTIN BUTZLAFF und UWE SCHNEIDEIND

Zur Moderne gehört eine zunehmende Arbeitsteilung und Differenzierung in Wirtschaft und Gesellschaft. Auch die Hochschulen sind davon betroffen. Es geht um Fokussierung und Spezialisierung. Was bedeutet dies für das klassische Modell von Hochschule und Universität?

Gesucht: Neulandbetreter - Die klassische Hochschule steht vor einem tiefgreifenden Wandel© Fitzer - iStockphoto.comGesteigerte Erwartungen an Hochschulen und die Forschung und Lehre prägen die Wissenschaft
Inmitten des gegenwärtigen Ansturms auf unsere Hochschulen hat der Wissenschaftsrat seine Perspektiven zur Zukunft des deutschen Wissenschaftssystems vorgelegt. So wichtig und richtig mehrere der aufgezeigten Perspektiven sind - die verbesserte Betreuung von Studierenden, eine zunehmende Internationalisierung, neue Entwicklungschancen für wissenschaftliches Personal - so sehr lohnt ein kritischer Blick auf eine der Hauptforderungen: den Ausbau der institutionellen Differenzierung. Diese Ausdifferenzierung und "Vergrößerung der Artenvielfalt" hat in den vergangenen Jahren rasch zugenommen. Betrachtet man allein die Zahl der aktuell rund 150 Hochschulen in nicht-staatlicher Trägerschaft als Maßstab für zunehmende Differenzierung, dann ist Deutschland auf dem Weg zu einer erfreulich produktiven Heterogenität und einer bunten Hochschullandschaft.

Differenzierung: ja - Verengung: nein

Gleichzeitig gilt es, darauf zu achten, dass bei aller Ausdifferenzierung der Blick aufs "große Ganze" nicht verloren geht. Wenn Hochschulen in ihrem Bemühen um Profilbildung und im Wettbewerb um Forschungsdrittmittel Differenzierung immer stärker als "Fokussierung" und "Spezialisierung" verstehen, dann wird parallel zu der zunehmenden Arbeitsteilung und Differenzierung in Wirtschaft und Gesellschaft auch an den Hochschulen und Universitäten immer mehr "fokussiertes Spezialwissen" produziert werden. Mit der unbeabsichtigten Nebenwirkung, dass für die Lösung der großen, fachübergreifenden bzw. "undisziplinierten" Problemstellungen nicht das akademische Lösungspotenzial abgerufen werden kann, was dort eigentlich vorhanden wäre - und in das viel Geld investiert wird.

Umzingelt von Erwartungen

Der Erwartungsdruck auf unsere Hochschulen steigt allenthalben: bei den Politikern, bei den Studierenden, in der Wirtschaft und - ganz allgemein - in der Gesellschaft: Politiker, die unter dem Diktat einer Schuldenbremse immer mehr Steuergeld in Hochschulen investieren sollen, erwarten mehr als nur ausreichende berufliche Qualifikation. Völlig verständlich fordern sie Beiträge zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit unserer Volkswirtschaft: Nicht nur in der Lehre mit raschem und zielgerichtetem Reagieren auf den Arbeitsmarkt, sondern auch in der Forschung in Form von Innovationen und Patenten.

Studierende, die nach einem achtjährigen Turbo-Abitur erneut kleinteilige Bologna-Wissenshäppchen am Fließband verarbeiten sollen, erwarten vielfach nicht nur ein effizientes Studium in kurzer Zeit. Sie suchen in dieser wichtigen Lebensphase an Hochschule und Universität oft auch gesellschaftliche Orientierung und eine produktive intellektuelle Mitarbeit an den großen Aufgaben unserer Zeit. Der Arbeitsmarkt in Wirtschaft und Wissenschaft, in Politik und Verwaltung fragt zunehmend nach Hochschulabsolventen, die sich bei allem unabdingbaren Fachwissen eine Perspektivenweite erarbeitet haben, aus der Verantwortung und Führungsfähigkeit erwachsen kann: Die Kombination aus "Generalistentum" und Spezialisierungskompetenz ist dünn gesät und steht hoch im Kurs.

Und wir alle - "die Gesellschaft"? Wir realisieren mit wachsender Ernüchterung, dass die großen gesellschaftlichen Herausforderungen - Klimawandel, Krise Europas, Reform des Finanzsystems, demographische Umbrüche etc. - von der Politik in der Kurzatmigkeit westlich geprägter Demokratie allenfalls kurzfristig entschärft werden, gleichzeitig jedoch weit von einer langfristigen Lösung entfernt sind. Auch hier ist die berechtigte Erwartung: Wo, wenn nicht im weitgehend interessenfreien und selbstverwalteten Raum unserer Hochschulen und Universitäten, kann der produktive Wettstreit um die besten Ideen zur Zukunft unserer Gesellschaft in enger Vernetzung mit Institutionen aus Wirtschaft, Politik, aus regionalem und kommunalem Umfeld geführt werden?

Spezialwissen und Weitblick: kein Widerspruch

Große gesellschaftliche Aufgaben erfordern spezielles Fachwissen und generalistischen Weitblick. Und Hochschulen, die in diesem Sinne neue Lehr- und Lernwege beschreiten. Schon heute gibt es nahezu alles verfügbare Wissen in allen relevanten Sprachen zu jeder Zeit an allen Orten der Welt. Auf Knopfdruck. Und die Halbwertzeit des jeweils "gültigen" Wissensfundus sinkt - und wird weiter sinken. Mit dem Bedeutungsrückgang des Faktors "aktuelles Wissen" rückt die individuelle Lern- und Reflexionsfähigkeit ins Zentrum der hochschulpädagogischen Aufgabe. Die Fähigkeit, eigene Standpunkte, Kenntnisse, Stärken und Schwächen realistisch einschätzen zu können - im Sinne von persönlicher und reflektierter Urteilskraft - gewinnt für die erfolgreiche professionelle Arbeit an Bedeutung.

Vom Bildungsanbieter zum Gestalter der Zivilgesellschaft

Neben den bereits beschriebenen Leistungsansprüchen an Forschung und Lehre in einem zunehmend wettbewerblichen Umfeld steigen parallel auch die Erwartungen an die Hochschule, sich über Forschung und Lehre hinaus als zivilgesellschaftlicher Akteur zu engagieren. Diese Aufgabe einer gesellschaftlichen Mitgestaltung hat mehrere Ebenen. Zunächst eine ganz individuelle bzw. persönliche: Werden die Studierenden einer Hochschule, werden die Professoren, werden Rektor, Kanzler und Hochschulräte in einer Stadt, im Umfeld der Universität wahrgenommen? Und auf der institutionellen Ebene: Beteiligt sich die Hochschule an der Lösung disziplinübergreifender Probleme, vor denen wir als Gesellschaft insgesamt stehen - ob zum Thema Energie, zur Generationengerechtigkeit oder zur Umweltproblematik?

Eine gesellschaftlich engagierte Hochschule mobilisiert für diese Fragestellungen nicht nur die Wissensbestände ihrer unterschiedlichen Disziplinen, sondern bezieht betroffene Akteure und ihr Wissen mit ein. Für die Hochschulen heißt das auch, jenseits von Fach- und Expertenwissen den Weitblick anzulegen, zu fördern und zu üben, der notwendig ist, um die individuelle ebenso wie die gesellschaftliche Dimension wichtiger Fragestellungen erfassen zu können. Hier sind Hochschulen/Universitäten ganz besonders gefordert - mit ihrer intellektuellen Kraft und ihrem beständigen Zustrom an neuen Studierenden und damit neuen Ideen und neuem Sauerstoff; und vor allem mit ihrer Fähigkeit zum "respektlosen", grenzüberschreitenden Diskurs. Mit anderen Worten: Für die besonderen, oftmals generationsübergreifenden Aufgaben, die wir in vielen Regionen noch zu lösen haben werden, sind Hochschulen ein idealer "Wirk-Ort" für einen engagierten, neugierigen, innovativen, mutigen und sozial verantwortlichen Diskurs über die besten Ideen für eine gemeinsame Zukunft.

Weil Meister nicht vom Himmel fallen

Dies gilt ganz besonders auch für die ökonomischen Herausforderungen vor denen wir stehen: Im Sinne der bereits skizzierten Spezialisierung hat die Finanz- und Wirtschaftskrise eine akademische Sackgasse für die Wirtschaftswissenschaften und die universitäre Ausbildung in diesem Fach offengelegt. Einem immer stärker fragmentierten Detailwissen, das zwar hohen wissenschaftlichen Standards genügt, aber an den Kernfragen der gesellschaftlichen Praxis vorbei zielt, steht im "realen (Wirtschafts-) Leben" eine beständig wachsende und nicht befriedigte Nachfrage nach "gebildeten Ökonomen" und "Gründergeistern" gegenüber.

Führen und Verantworten, unternehmerisches Denken und Handeln sind allein durch ein Theoriestudium nicht erlernbar. Wie in anderen Fächern auch - z.B. Lehrer-, Ärzte- oder Ingenieursausbildung - heißt die Konsequenz: enge Verzahnung von Theorie und Praxis, dialogisches Lernen, frühzeitiges Übertragen, Erproben von gelebter Verantwortung. Es bleibt eine zu reduzierende Schwäche im gesamten Hochschul-System: Dass vielfach an Hand von Fragen gelernt, geprüft und zertifiziert wird, die sich in der Praxis nicht stellen. Unabhängig vom jeweiligen Fachgebiet, Studiengang und Abschluss-Niveau gilt es - im Sinne einer "Theorie-Praxis-Theorie"- Lernspirale - stärker von realen Fällen, von realitätsnahen Fallstudien und vor allem von den Fragen der Studierenden auszugehen.

Von Rohstoffarmut zu Bildungsreichtum

Angesichts der relativen Rohstoffarmut in der Exportnation Deutschland ist das Thema Bildung unsere Lebensversicherung für den Wohlstand auch kommender Generationen: Bei allen Sparmaßnahmen auf Bundes- und Länderebene sind die Bildungsressorts daher bislang entweder gänzlich ausgenommen oder in nur geringem Umfang betroffen. Trotzdem stellt sich die Frage, ob wir im internationalen Wettbewerb und Vergleich genügend für die Hochschulbildung tun: Hier ist Deutschland mit den Aufwendungen pro Student und den wichtigen Betreuungsrelationen an den Universitäten allenfalls Mittelmaß.

Ein Grund mehr, mit der diskutierten Verfassungsänderung rasch dafür zu sorgen, dass der Bund zu einer finanziellen Stärkung von Hochschulen und Universitäten beitragen kann. Und obwohl Studiengebühren mit der letzten Landtagswahl in Bayern gegenwärtig in allen Bundesländern vom Tisch sind, ist die Frage, ob und in welcher Form Studierende in Deutschland zukünftig an der Finanzierung ihres Studiums beteiligt werden sollen, noch längst nicht abschließend entschieden. Sinnvoll konzipiert und umgesetzt können nachgelagerte Studiengebühren nicht nur zu mehr Finanz-Sicherheit, Hochschul-Eigenständigkeit und -Qualität beitragen, sondern auch: zu mehr sozialer Gerechtigkeit!

Auf der Suche nach Lösungswegen für die großen disziplinenübergreifenden Themen unserer Gesellschaft brauchen wir die Hochschulen und Universitäten dringender denn je: als Vordenker und Nachdenker, als Diskursforum, wissenschaftliches Lernlabor und "Neulandbetreter". Transdisziplinäre Vernetzungen zwischen Universitäten und Unternehmen, zwischen Hochschulen und Kommunen, zwischen Theorie und Praxis sollten wir deshalb nicht nur begrüßen, sondern auch fördern und fordern.

Gekürzte Fassung. Den Originalbeitrag finden Sie in voller Länge und mit Beispielen aus der Praxis unter www.uni-wh.de/neulandbetreter.


Über die Autoren
Martin Butzlaff ist Präsident der Universität Witten/ Herdecke.

Prof. Dr. Uwe Schneidewind ist Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sowie Aufsichtsratsvorsitzender der Universität Witten/Herdecke.


Aus Forschung & Lehre :: Januar 2014

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