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Gesucht: Physiklehrer

VON KATJA BOSSE

Die Absolventen naturwissenschaftlicher Studienfächer gehen lieber in die Wirtschaft als in den Schuldienst. Doch Svenja Grundey ist aus Leidenschaft Pädagogin geworden.

Gesucht: Physiklehrer© Roodini - Photocase.comDie meisten Physiker zieht es in die Wirtschaft, nicht in die Schulen
Dass sie zu Unterrichtsbeginn ihre Stifte zücken sollen, ist für die Schüler des Göttinger Max-Planck-Gymnasiums natürlich nichts Ungewöhnliches. Dass sie mit diesen speziellen Stiften radioaktive Strahlen durch eine Papierwand jagen sollen, dagegen schon. Und während der Geiger-Müller-Zähler dahinter ausschlägt, wird den sonst so coolen Neuntklässlern dann doch etwas mulmig zumute.

Svenja Grundey erprobt mit ihren Schülern die Unterschiede von Alpha-, Beta- und Gammastrahlung. Es ist Zufall, dass das Thema Radioaktivität ausgerechnet jetzt auf dem Stundenplan steht, kurz nach dem Unglück von Fukushima. Der Atomunfall trägt seinen Teil dazu bei, dass Svenja Grundey ihre Schüler interessiert und motiviert wie selten erlebt. Zwar versucht die 29-Jährige grundsätzlich, Alltagsbezüge herzustellen, wenn sie ein Thema behandelt, das sich für viele Schüler abstrakt anhört. Aber die leidenschaftlichen Diskussionen, die derzeit in ihrem Physikraum geführt werden, hätte es selbst dann nicht gegeben, wenn sie noch so viel Infomaterial über Tschernobyl ausgeteilt hätte. Jetzt sind die Schüler dankbar, dass die Lehrerin ihnen noch mal genau erklären kann, wie ein Atomkraftwerk funktioniert, welche Sicherheitssysteme es gibt und was da in Japan genau passiert.

Die Stelle am Max-Planck-Gymnasium ist Svenja Grundeys erste nach dem Referendariat, und dass sie nächstes Jahr Klassenlehrerin wird, ist schon so gut wie sicher. Mit ihrer Fächerkombination Mathematik und Physik ist sie mehr als begehrt - Physik gilt als Mangelfach, für das sich deutschlandweit nicht genug Lehrer finden lassen. »Derzeit müssen schon rund 30 000 Quereinsteiger MINT-Fächer unterrichten, weil die passenden Pädagogen fehlen«, sagt Heinz-Peter Meidinger, der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes. An den Gymnasien machen die Lückenfüller einen Anteil von etwa zehn Prozent aus, an Berufsschulen sogar bis zu 30 Prozent. MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Dafür, dass sich für diese Bereiche so schwer Lehrer finden lassen, während andere Lehramtsanwärter mit ihren Fächerkombinationen Schwierigkeiten haben, Stellen zu bekommen, sieht Meidinger mehrere Gründe. Zum einen handle es sich um sehr harte Studienfächer, bei denen die Abbrecherquote deutlich höher liege als beispielsweise in den Geisteswissenschaften.

»Zum anderen macht die Wirtschaft den Schulen große Konkurrenz, wenn es um Stellen für MINT-Absolventen geht.« So könne man beispielsweise als Mathematiker bei einer Versicherung, als Chemiker in der Pharmabranche oder als Physiker in forschungsstarken Firmen locker mit dem Dreifachen des Referendarsgehalts einsteigen - von den Karrierechancen und künftigen Verdienstmöglichkeiten mal ganz abgesehen. Da der Staat bei der Besoldung verschiedener Fachlehrer keine Unterschiede machen darf und auch das Beamtenrecht zu starr ist, als dass man mit Privilegien locken könnte, wird nun schon über Stipendien nachgedacht, die Stiftungen als Anreiz für MINT-Lehrer aufsetzen könnten. Nicht immer wirken die Schüler selbst als Motivationsfaktor wie im Physikunterricht von Svenja Grundey. Wenn sie nach eineinhalb Stunden den Klassenraum wechselt und ihren Grundkurs Mathe mit Stochastik beglückt, wendet sich das Blatt. Binomialkoeffizienten sind einigen Elftklässlern mit Leistungskurs Englisch oder Erdkunde nämlich nicht nur egal, sondern gelegentlich sogar ausgesprochen zuwider. Und Svenja Grundey erfährt wieder, was es bedeutet, einer Arbeit nachzugehen, die nur selten sichtbar gewürdigt wird.

"Das Aha-Erlebnis eines schwächeren Schülers lässt mich innerlich jubeln"

Trotzdem bezeichnet sie sich selbst als Lehrerin aus Leidenschaft. Sie sei mit »einer gesunden Portion Realismus« in den Beruf gestartet, habe aber bisher auch noch nichts erlebt, was an ihrer Entscheidung für die Schule gerüttelt hätte. »Das Aha-Erlebnis eines schwächeren Schülers lässt mich selbst auch innerlich jubeln«, sagt die junge Pädagogin. Sie liebt es, mit den Schülern gemeinsam Experimente zu arrangieren und zu beobachten, um ihnen anschaulich zu vermitteln, wie Naturwissenschaftler arbeiten. Sie bemüht sich, ihre eigene Begeisterung für die logische Denkart in der Mathematik durch spielerische Ansätze und freies Üben auf die Jugendlichen zu übertragen. Statt auf Formeln herumzureiten und eine Angstatmosphäre zu verbreiten, versucht sie, das System dahinter deutlich zu machen - und wird von ihren Schülern für ihre motivierende Art in Fächern geschätzt, deren komplexe Inhalte einen sonst gern mal zum Verzweifeln brächten.

Aber es gebe immer noch genug, das nervt, sagt Grundey: mit Schülern über Noten zu diskutieren, zum Beispiel. Oder die Frage: »Wofür brauch ich das denn?«, die im Unterricht immer wieder gestellt wird. Auch, dass viele Schüler selbst das große Einmaleins und einen einfachen Dreisatz mit dem Taschenrechner erledigten. Und dass Teamarbeit unter Lehrern immer noch wenig verbreitet ist. »Meinetwegen könnten wir viel mehr Material austauschen, über den Unterricht reden, Ideen entwickeln«, sagt Svenja Grundey. »Aber irgendwie kämpft doch jeder hauptsächlich für sich allein.« Immerhin wurde die junge Kollegin schon jetzt gebeten, die Fachgruppe Mathematik an der Schule zu leiten und deren Konferenzen zu organisieren - auch, weil sie so ein integrativer Mensch ist.

Dass man ihr diese Verantwortung nach so kurzer Zeit überträgt, ehrt sie. Genauso wie die Tatsache, dass sich der Schulleiter trotz einer Teilzeitlösung für sie entschieden hat. An zwei Tagen pro Woche widmet sich Grundey nämlich ihrer Doktorarbeit statt ihren Schulaufgaben. Nicht weil sie eine universitäre Karriere anstreben würde, sondern weil ihr das wissenschaftliche Arbeiten großen Spaß macht, sie ihren Horizont erweitern und noch mal einen anderen Blick auf das System Schule bekommen wollte. Svenja Grundey ist das, was sich nicht nur Philologenverbands-Chef Meidinger wünscht, sondern was auch viele Firmen an deutschen Schulen vermissen: eine Frau, die Begeisterung für die Naturwissenschaften mitbringt und sie auch bei den Schülern weckt. Damit sich von denen wiederum später mehr für Studiengänge wie Physik oder Informatik einschreiben, den Mangel an MINT-Lehrern ausgleichen - und den an Fachkräften. Gerade bei den Frauen sehen Unternehmensverbände noch mehr Potenzial, Lehrerinnen könnten da eine Vorbildfunktion übernehmen. Doch weibliche Lehrkräfte stellen in Deutschland zwar eine Zweidrittelmehrheit, in den MINT-Fächern sind sie aber stark unterrepräsentiert.

Auch Svenja Grundey bedauert, dass sie an ihrer Schule nur zwei Kolleginnen hat, die Physik unterrichten. »Gerade für Mädchen versuche ich als normale, junge und engagierte Lehrerin eine geeignete Identifikationsfigur zu sein«, sagt sie. »Viele stellen sich unter Physikern ja leider immer noch zerstreute Freaks vor und ziehen den Beruf deshalb gar nicht für sich in Betracht.« Um den weiblichen Nachwuchs stärker für MINT-Fächer zu begeistern, ist es laut Ulrike Petersen vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme in Sankt Augustin auch wichtig, »die Lehrinhalte besser zu verpacken. Alltagsnahe Bezüge zu finden, anwendungsorientierter zu arbeiten und das Selbstvertrauen in die technischen Fähigkeiten der Mädchen zu stärken.«

Petersen leitet deshalb das Schulprojekt »Roberta. Mädchen erobern Roboter« und engagiert sich zudem im Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen. Unter dem Motto »Komm, mach MINT« werden dort unter anderem speziell konzipierte Unterrichtseinheiten zum Download zur Verfügung gestellt, Mentoringprogramme und Berufsberatungen für Mädchen angeboten und Fortbildungen veranstaltet, die Lehrer auf die Genderproblematik in den Naturwissenschaften aufmerksam machen sollen. Svenja Grundey weckt bei ihren Sechstklässlern mit einem Stationenlernen Begeisterung für die rationalen Zahlen. In den Ecken des Klassenraums hat sie Tische mit Würfelspielen und Spielgeldstapeln aufgebaut, die die Schüler mit ihren Lerntagebüchern abklappern, in die sie eifrig Ergebnisse notieren. »Der Geräuschpegel kann in solchen Stunden schon mal ansteigen«, sagt Grundey. »Aber Einschlafatmosphäre herrscht hier jedenfalls nicht.«

Aus DIE ZEIT :: 27.04.2011

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