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Gesundheit ist gefragt

VON KATJA BOSSE

Beste Aussichten für die Medizintechnikbranche. Wissenswertes für Ein- und Aufsteiger.

Gesundheit ist gefragt© Nicolas Loran - iStockphoto.comDie Medizintechnik in Deutschland investiert rund neun Prozent ihrer Umsätze in Forschung und Entwicklung
Medizintechnik boomt - zum einen, weil die Weltbevölkerung wächst, die Lebenserwartung steigt und somit auch die Häufigkeit altersbedingter und oftmals chronischer Erkrankungen; zum anderen, weil immer mehr Menschen bereit sind, viel Geld aus eigener Tasche für moderne Behandlungsmethoden zu bezahlen. Einer Forsa-Umfrage von 2010 zufolge wird der Einzug der Technik in keinem anderen Lebensbereich stärker begrüßt als in der Medizin. So glauben etwa drei Viertel der Deutschen, dass ihre Chancen auf ein längeres Leben entscheidend von der Innovationskraft der Medizintechnik abhängen. Eine Einführung für Interessierte:

Wie finde ich den Einstieg?

Es werden vor allem Ingenieure gebraucht, die sich auf Fachrichtungen wie Medizin-, Elektrooder Verfahrenstechnik, Maschinenbau, Wirtschaft oder Mechatronik spezialisiert haben. Aber auch Physiker und Informatiker, Chemiker und Mediziner, Biologen, Pharmazeuten und Betriebswirte sind gefragt, da fast überall in interdisziplinären Teams zusammengearbeitet wird. Neben einem soliden Wissensfundament braucht es laut Olaf Dössel vom Karlsruher Institut für Technologie deshalb neben sehr guten Englischkenntnissen vor allem Teamfähigkeit, da immer über eigene Disziplinen hinaus gedacht und kommuniziert werden muss.

Wo kann man sich direkt in Medizintechnik ausbilden lassen?

Viele Hochschulen haben auf den Fachkräftemangel und das rasante Wachstum der Branche reagiert und in den vergangenen Jahren neue Bachelor- und Masterstudiengänge etabliert: Während die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg schon seit den siebziger Jahren ein Studium in Medizintechnik anbietet, sind mittlerweile zum Beispiel auch die Fachhochschulen in Lübeck, Gießen, Braunschweig, Jena, Gelsenkirchen und Aachen für ihre Studiengänge im Fach Medizintechnik bekannt. Es gibt inzwischen auch Studiengänge mit einem noch konkreteren Fokus: So kann man sich an der FH Koblenz etwa auf Sportmedizinische Technik spezialisieren, an der HAW Hamburg auf Biomedical Engineering. Gemein ist allen Studiengängen eine stark mathematische Ausrichtung; außerdem stehen naturwissenschaftliche Fächer wie Human- und Mikrobiologie auf dem Stundenplan. Viele Unternehmen fordern darüber hinaus, dass betriebswirtschaftliche Kenntnisse und Vermarktungsstrategien zukünftig eine größere Rolle während des Studiums spielen. Ausgebildete Techniker aus dem Metall- oder Elektrobereich können sich an einer Technikeroder Fachhochschule auch binnen zwei Jahren zum »Staatlich geprüften Techniker / Fachrichtung Medizintechnik« weiterbilden.

Was für Einsatzgebiete gibt es?

Die Beschäftigungsbereiche und Karrierechancen sind vielfältig: Gearbeitet wird nicht nur im Labor oder an Universitäten; Medizintechniker installieren, warten und reparieren beispielsweise auch technische Geräte in Krankenhäusern und Dialysezentren und dienen als Ansprechpartner für Ärzte, Patienten, Pflege- und Verwaltungspersonal. In der medizinischen Industrie verfassen sie Gutachten, prüfen Vorschriften und kümmern sich um die Zulassung neuer Produkte. Die Gehaltsentwicklung hängt stark vom jeweiligen Einsatzgebiet, der Ausbildung und dem Arbeitgeber ab. Ein Produktmanager verdient in den ersten beiden Berufsjahren im Schnitt 45 000 Euro, ebenso Controller und Außendienstmitarbeiter der Medizintechnikbranche. Wer in der Forschung arbeiten möchte, erhöht Erfolgschancen und Verdienst in jedem Fall durch eine vorangegangene Promotion.

Wer bietet die besten Jobs?

Abgesehen von wenigen Big Playern wie Siemens Healthcare, Fresenius und Roche Diagnostics ist die deutsche Medizintechnikindustrie stark mittelständisch geprägt. 95 Prozent der knapp 1250 Betriebe beschäftigen weniger als 250 Mitarbeiter - insgesamt arbeiten dort rund 98.900 Menschen. Hinzu kommen etwa 10.000 Kleinunternehmen mit insgesamt weiteren 75.000 Beschäftigten. Viele von ihnen sind in speziellen Segmenten Weltmarktführer, andere sogenannte Hidden Champions, also wenig bekannte, aber nicht zu unterschätzende Erfolgsbetriebe. In den Jahren 2000 bis 2008 ist die Beschäftigtenzahl deutscher MedTech-Firmen um zwölf Prozent gestiegen. Und auch die Verunsicherung durch die Wirtschafts- und Finanzkrise ist einer wachsenden Zuversicht gewichen: Eine Umfrage des Bundesverbandes Medizintechnologie (BVMed) vom Herbst 2010 ergab, dass die Unternehmen weiterhin Arbeitsplätze schaffen und es fast überall offene Stellen gibt. Akademiker würden insbesondere im Vertrieb, in Marketing und Kommunikation, im Key Account Management und in der Forschung und Entwicklung gesucht. 82 Prozent bestätigten im Rahmen einer aktuellen Spectaris-Befragung sogar die Aussage, dass der Fachkräftemangel schon jetzt ein Problem für die Medizintechnikbranche darstelle.

Wie international ist die Branche?

Die Medizintechnik ist in Deutschland mit einem Gesamtumsatz von 17,8 Milliarden Euro zu zwei Dritteln auf den Export ausgerichtet. Daher spielt die Situation auf dem Weltmarkt eine entscheidende Rolle bei Wachstum und Geschäftsentwicklung. Auch für die Mitarbeiter ist globales Denken wichtig, sie sollten sich auf internationale Kooperationen, interkulturelle Teams und längere Auslandseinsätze einstellen. Nach den Ergebnissen der Studie »MedTech 2020« vom Verband der Elektrotechnik (VDE) sehen internationale Experten deutliche Zugewinne für Asien - vor allem bei Prothetik und Implantaten. Im Feld Telemedizin und eHealth soll Europa dagegen die USA als Technologieführer ablösen. Bei regenerativer Medizin und chirurgischen Instrumenten für minimalinvasive Eingriffe und Endoskopie werden die USA wohl an Bedeutung verlieren, wird Europa seine Stellung behaupten und Asien erneut deutlich aufholen. Als Innovationshürde für Deutschland sehen Fachleute die langwierigen Zulassungsverfahren und politischen Hemmnisse, zum Beispiel durch sinkende Kostenerstattungen im Krankheitsfall.

Welche Rolle spielen Innovationen?

Die Medizintechnik in Deutschland investiert laut VDE rund neun Prozent ihrer Umsätze in Forschung und Entwicklung; fast 15 Prozent der Mitarbeiter sind in diesem Bereich beschäftigt. Darüber hinaus führt die Branche mit 16 400 Patenten auch die Liste aller angemeldeten Erfindungen an. Als einer der forschungsintensivsten Wirtschaftszweige ist die Medizintechnik aber auch stärker denn je auf eine rasche Umsetzung neuer Technologien angewiesen. Rund die Hälfte des Umsatzes wird mit Produkten erwirtschaftet, die in ihrem technologischen Stand nicht älter als zwei Jahre sind. Große Fortschritte werden dem Branchenverband Spectaris zufolge derzeit in der Informationsund Kommunikationstechnologie erzielt - zum Beispiel bei der Erstellung elektronischer Patientenakten. Intensiv wird auch an neuen bildgebenden Systemen zur Frühdiagnostik geforscht, an der Robotik bei chirurgischen Eingriffen und an der Vernetzung medizintechnischer Geräte mit der ITInfrastruktur von Krankenhäusern. Ein Innovationsfeld stellt darüber hinaus die In-vitro-Diagnostik zur Überwachung therapeutischer Maßnahmen dar. Besonders interdisziplinär wird an Prothesen und Implantaten geforscht: Hier besteht inzwischen ein enger Kontakt zu anderen Fächern, insbesondere den Material- und Biowissenschaften.

Wie sind die langfristigen Aussichten?

Bis zum Jahr 2020 soll die Nachfrage nach Medizintechnik in den Industrienationen um drei bis vier Prozent pro Jahr zunehmen; für Schwellenländer wird jährlich sogar ein Wachstum von 9 bis 16 Prozent prognostiziert.

Aus DIE ZEIT :: 24.11.2011

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