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Geteilter Kontinent

Von ANDREAS SENTKER

Die Wissenschaft in Ost- und Westeuropa ist noch lange nicht zusammengewachsen.

Geteilter Kontinent© Frank Ramspott - iStockphoto.comIst Exzellenz das falsche Mittel, um neben der Belohnung von Bestleistungen auch eine europäische Identität zu stiften?
Es war der vermutlich größte Erfolg der europäischen Wissenschaft. Nach Jahren der Abhängigkeit von in Brüssel geplanten Förderprogrammen haben Forscher 2007 eine Institution gegründet, die Geld nur nach Qualität verteilt, das European Research Council (ERC). Eine Milliarde Euro kann der Rat jährlich vergeben - ohne Rücksicht auf den Nutzwert der Projekte, auf nationale Interessen oder politische Strategien. Einzig gute Ideen zählen. Gerade Ende Juni wurde in München die tausendste ERC-Förderung an die deutsche Immunologin und Kinderärztin Erika von Mutius vergeben.

Doch der Erfolg hat auch seine bitteren Seiten. Die Arbeit des Rats, das wurde in dieser Woche auf dem Euroscience Open Forum in Turin deutlich, lässt die Forschungslandschaft Europa in zwei Teile zerfallen. 96 Prozent der Fördermittel sind bisher in die fünfzehn alten EU-Staaten geflossen, nur 4 Prozent in die zwölf Länder, die mit der EU-Osterweiterung hinzugekommen sind. Fehlen den Osteuropäern die Ideen? Ist Exzellenz das falsche Kriterium für eine Forschungspolitik, die nicht nur Bestleistungen belohnen, sondern idealerweise auch europäische Identität stiften soll?

Weder noch, glaubt Frank Gannon, der Generaldirektor der irischen Science Foundation. In den osteuropäischen Staaten fehle es nicht an klugen Köpfen, sondern vielmehr an der nötigen Infrastruktur. Gannon selbst kennt diesen Zustand aus eigener Erfahrung: Als Molekularbiologe hatte er zunächst in seinem Heimatland geforscht, war dann aber schnell an das weltweit herausragende European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg gewechselt.

Braindrain, die Abwanderung von Talenten, ist eines der großen Probleme Osteuropas. »Das können wir nicht einfach geschehen lassen«, warnt Gannon. »Europa kann es sich nicht leisten, nicht exzellent zu sein. Aber ebenso wenig können wir es uns leisten, unsere Geschlossenheit zu gefährden.« Gannon forderte in Turin neben Brüsseler Geld für konkrete Forschungsprojekte eine europäische Förderung von Infrastrukturen in Osteuropa. Unterstützt wurde er dabei von Ernst-Ludwig Winnacker, dem ehemaligen Generalsekretär des ERC: »Es gibt eine scherzhafte Beschreibung der amerikanischen Wissenschaftslandschaft - zwei Küsten, verbunden durch United Airlines. Tatsächlich haben Bundesstaaten wie Wyoming nicht zwingend den Ehrgeiz, zu den wissenschaftlichen Zentren in Kalifornien oder Massachusetts aufzuschließen. Krakau, Warschau oder Budapest hingegen wollen zum alten Glanz zurück.«

Der Aufschwung wäre nicht allein im nationalen Interesse. »Kleine Mitgliedsstaaten haben oft große Schwierigkeiten, an europäischen Kooperationen teilzunehmen, wenn das nationale Fundament fehlt«, sagte Margret Wintermantel, die Präsidentin der deutschen Hochschulrektorenkonferenz. Dabei braucht Europa jeden klugen Kopf. »80 Prozent aller Forscher arbeiten außerhalb Europas. 75 Prozent der Forschungsmittel werden außerhalb Europas investiert, 69 Prozent der Patente werden nicht hier, sondern anderswo angemeldet«, sagt Gannon. Als forschendes Kollektiv scheine der Kontinent immer noch erfolgreich zu sein, doch bei näherem Hinsehen schwinde allmählich die Qualität der wissenschaftlichen Leistung.

Aus DIE ZEIT :: 08.07.2010

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