Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Gib mir Sicherheit!


Von Ingo Holzkamm, Joachim Müller und Volker Walpuski

Sich am Arbeitsplatz sicher zu fühlen hat neben annehmbaren Arbeitsbedingungen wie der Ergonomie am Arbeitsplatz, dem Brandschutz oder dem Kontakt mit Maschinen auch zunehmend mit dem subjektiven Sicherheitsgefühl (z.B. schlecht beleuchtete Flure) oder mit der Bedrohung durch andere (Amoklauf) zu tun. Was müssen Hochschule und ihre Angehörigen tun, um die entsprechende Sicherheit zu gewährleisten?

Gib mir Sicherheit!©.marqs - Photocase.comViele Hochschulen geben ihren Mitarbeitern Handlungsempfehlungen bei Bedrohungen
Auf dem Weg zu meinem Büro bin ich jeden Tag daran vorbeigegangen. Vorbei an Fluchtplänen, Feuermeldern, Löschdecken, Erste-Hilfe-Kästen, Notrufnummern ... kürzlich hat es gebrannt. Das war keine Übung. Zum Glück hatte ich einen Kollegen, der wusste, wie man sich in dieser Situation verhalten muss ... jetzt weiß ich es auch! Ich weiß nun genau, wo alles steht, weiß, wie ich mich verhalten kann und kenne die Fluchtwege aus dem Gebäude."

Diese Schilderung ist kein Einzelfall. Häufig veranlasst erst die persönliche Konfrontation mit einer Gefahr die Betroffenen, sich intensiv und aktiv mit den Sicherheitsmaßnahmen für die Gebäude, in denen sie täglich arbeiten, auseinanderzusetzen. Leider kann es dafür in einem Notfall zu spät sein! Sicherheit ist ein Begriff, der Hochschulen nicht unbekannt ist. In der Vergangenheit war er Synonym für sichere Arbeitsplätze, also Arbeitssicherheit. Rechtliche Vorgaben (z.B. das Arbeitsschutzgesetz und die Unfallverhütungsvorschriften) haben einen Rahmen geschaffen, um Beschäftigte und Studierende vor Unfällen oder Berufskrankheiten zu schützen und ihnen für den eingetretenen Notfall, wie etwa einem Feuer oder bei einem Unfall, Handlungskonzepte anzubieten. Heute sind in den Hochschulen für diese Sicherheit Ressourcen vorhanden und Abläufe sowie Verantwortlichkeiten fixiert. Aber wie das eingangs beschriebene Beispiel zeigt, reichen diese formalen Sicherheitsmaßnahmen nicht aus, wenn sich nicht auch jeder Einzelne damit auseinandergesetzt und sie verinnerlicht hat.

Sicherheit - Mehr als nur Arbeitssicherheit

Der Begriff der Sicherheit hat über die Arbeitssicherheit hinaus in den letzten Jahren eine weitere Dimension erhalten. Hierbei stehen nicht die beobachtbaren Arbeitsbedingungen wie die Ergonomie am Arbeitsplatz, der Brandschutz oder der Kontakt mit Maschinen und Chemikalien im Mittelpunkt. Stattdessen bilden das subjektive Sicherheitsgefühl jedes Einzelnen (z.B. schlecht beleuchtete Flure, Parkhäuser und Gänge in betriebsarmen Zeiten) oder potentielle Bedrohungen durch andere Menschen (z.B. Amoklauf, Stalking, Raubüberfall) den Fokus. Für Hochschulen bedeutet dieser Perspektivwechsel eine neue Herausforderung, denn handlungsleitende Rechtsvorschriften existieren hierfür bisher kaum.

Beispiel: Handlungsempfehlung der TU Darmstadt bei Bedrohungen

Was ist zu tun, wenn eine bewaffnete Person im Gebäude ist oder wenn Schüsse zu hören sind?
  • Sich in einem Raum einschließen, weg von Fenstern und Türen.
  • Nicht die Aufmerksamkeit des Täters auf sich ziehen, Handy leise stellen.
  • Falls möglich: Sofort das Gebäude fluchtartig verlassen. Achtung: Nur fliehen, wenn relativ sicher ist, dass man dem Täter nicht begegnet. Vorsicht: Durch den Widerhall des Schalls kommen Schüsse manchmal aus einer anderen Richtung, als es zunächst scheint. Achten Sie darauf, nicht zum Gefahrenherd zu laufen.
  • Wenn Sie in Sicherheit sind, sofort die Polizei alarmieren (110).
  • Personen in den entsprechenden Gebäuden warnen, sich einschließen und warten, bis Entwarnung kommt, ohne sich selbst zu gefährden.
  • Sofort die TU-Notrufnummer informieren.
Amokläufe, wie zuletzt in Winnenden, rütteln kurzzeitig auf. Als Antwort darauf werden zwar Maßnahmen diskutiert, dann häufig aber wegen des hohen Aufwands oder fraglicher Wirksamkeit doch nicht umgesetzt. Bundespräsident Horst Köhler brachte es in seiner Weihnachtsansprache 2009 auf den Punkt: "Der Amoklauf von Winnenden hat uns gezeigt, dass es keine Garantie gibt für unsere Sicherheit und Unversehrtheit, und er hat Fragen aufgeworfen, die jeden von uns verstören. 15 Kinder starben von der Hand eines Kindes, das ebenso sein Leben verlor. Wir fragen: Wie konnte das geschehen? Und in uns nagt das Gefühl, dass wir etwas Wichtiges übersehen haben müssen bei der Art, wie wir zusammenleben."

Mehr Sicherheit ist machbar

Absolute Sicherheit gibt es nicht. Dennoch lässt sich der Grad an Sicherheit noch erheblich steigern. Wie dies möglich ist, zeigt der Kriminalpsychologe Dr. Jens Hoffmann vom Institut für Psychologie der TU Darmstadt, der für seine Hochschule ein Bedrohungsmanagement (siehe Info-Kasten) mitentwickelt hat. Damit lassen sich Warnsignale für schwere Gewaltakte besser identifizieren und problematische Entwicklungen früher erkennen, um präventiv tätig werden zu können. Die Forscher um Hoffmann hatten herausgefunden, dass die späteren Täter schon lange im Vorfeld ihrer Tat sehr deutliche Warnsignale gezeigt hatten. Hoffmann beklagt, dass niemand die vorhandenen Puzzlesteine zu einem Bild der Gefahr zusammengefügt hatte. Damit ist ein Bedrohungsmanagement für seelisches und körperliches Wohlbefinden aller Hochschulangehörigen für Hoffmann ein besonderes Qualitätsmerkmal.


Kooperation

Am Beispiel des Bedrohungsmanagements der TU Darmstadt wird deutlich, dass sich Sicherheit nur in Kooperation herstellen lässt. Dies fordert von jedem Einzelnen im gemeinsamen Miteinander viel Aufmerksamkeit. Auch wenn bei der Hochschulleitung bislang das Thema Bedrohung noch nicht im Fokus stand, ist das kein Grund zur Resignation. Vielmehr müssen die zentralen Fragen umso lauter gestellt und beantwortet werden:

- Welche Sicherheitsbedürfnisse bestehen bei Forschenden, Lehrenden und übrigen Mitarbeitern?
- Was muss die Hochschule organisatorisch aus Sicht ihrer Angehörigen für deren Sicherheit leisten?
- Was müssen und können Mitarbeiter in Forschung und Lehre selbst leisten und wissen?

Die Sicherheitsbedürfnisse der Mitarbeiter sind - zumindest für die allgemeinen Gefahrensituationen - schnell umrissen: Die körperliche Unversehrtheit durch sichere Arbeitsbedingungen, der Schutz vor Übergriffen sowie der Schutz individueller Forschungsergebnisse dürften Priorität haben. Die Anforderungen an die Leistungen der Hochschule hinsichtlich Sicherheit sind hingegen komplexer. Der Grad der Sicherheit wird durch drei Aspekte bestimmt: Durch die technische und bauliche Ausstattung, durch organisatorische Maßnahmen (Verhaltensregeln) sowie durch das tatsächliche Verhalten der Akteure allgemein - und besonders im Notfall.

Was muss ich als Leiter einer Veranstaltung beachten?

Als Leiter einer Veranstaltung (z.B. Vorlesung, Seminar, Praktikum) obliegt mir eine besondere Verantwortung für die Sicherheit der Teilnehmer. Ich muss mich deshalb über die Sicherheitsbelange und Sicherheitsmaßnahmen der Gebäude, in denen ich tätig bin, informieren. Wichtige Ansprechpartner dafür sind zunächst der Sicherheitsbeauftragte in meinem Bereich, darüber hinaus die zentrale Stelle für Arbeitssicherheit und der Betriebsärztliche Dienst meiner Hochschule.

Was kann ich tun?

Der dritte Aspekt - das Verhalten der Akteure - macht deutlich, dass jeder Hochschulangehörige seine Aufgaben verinnerlicht haben muss. Je mehr Handlungskompetenz jeder Einzelne hat, umso mehr steigt die Sicherheit und verbessert sich das subjektive Sicherheitsempfinden. Generell stellt dies jeden Angehörigen der Hochschule vor folgende Fragen:

- Wie verhalte ich mich im Brandfall? Kenne ich die Fluchtwege und Rettungsgeräte? Kann ich anderen helfen? Bin ich für andere, bspw. Studierende im Labor, verantwortlich?
- Wie leiste ich Erste Hilfe? Kenne ich die notwendigen Handgriffe? Weiß ich, wo sich der nächste Verbandskasten befindet? Kenne ich die Notrufnummer? Komplizierter wird es im Fall von unwahrscheinlichen und kaum plan- und erprobbaren Szenarien wie Amoklauf oder Raubüberfall. Doch auch hier lässt sich die Handlungskompetenz steigern und lassen sich die Handlungsmöglichkeiten - vielfach bereits im Vorfeld einer Bedrohung - erweitern.

Folgenden Fragen sollte sich der Einzelne stellen:

- Wie aufmerksam gehe ich mit meinen Mitmenschen um?
- Bemerke ich Veränderungen in meinem Umfeld?
- Was löst es beim Prüfling aus, wenn ich sie oder ihn durch eine Prüfung fallen lasse?
- Wie spreche ich Unbekannte im Institutsflur an?
- Wie kann ich das Chemikalienlager baulich besser gegen unbefugtes Eindringen sichern?
- Inwiefern kann ich den Zugang zu sensiblen Daten besser regulieren?
- Wie kann ich die Nutzungszeiten besser mit dem Schließdienst kommunizieren?

Für die Sicherheit an Hochschulen kann viel getan werden. Damit das gelingt, müssen alle Hochschulangehörigen aktiv eingebunden werden. Denn Sicherheit ist nicht nur eine alleinige Bringschuld der Organisation Hochschule für ihre Angehörigen. Vielmehr sollte jeder Einzelne aufmerksam sein und im Ernstfall selbst tätig werden können.


Über die Autoren
Ingo Holzkamm, Joachim Müller und Volker Walpuski sind wissenschaftliche Mitarbeiter der HIS Hochschul-Informations-System GmbH. Sie beraten im Themenfeld Hochschulinfrastruktur zu Fragen der Sicherheit, Gesundheitsförderung und Nachhaltigkeit an Hochschulen und Forschungseinrichtungen.


Aus Forschung und Lehre :: März 2010

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote