Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Gläserner Student

VON JAN-MARTIN WIARDA

Was sich durch das neue Hochschulstatistikgesetz verändern soll.

Gläserner Student© Mister Vertilger - photocase.deStudenten hoffen, dass Datenerhebungen bestehende Probleme lösen können
Wissenschaftspolitiker sind vorsichtig geworden, wenn es darum geht, von einem großen Wurf zu sprechen. Doch als sie Ende November zusammensitzen, spüren sie: Das könnte einer sein. Vielleicht, weil er so langweilig daherkommt. Doch der Reihe nach.

Was Deutschland über seine Hochschulen, Professoren und Studenten wissen darf, steht im Hochschulstatistikgesetz. Schon bei dem Wortungetüm schalten die einen ab, und die anderen regen sich auf, über gläserne Studenten und staatliche Datensammelwut. Die Folge war, dass sich seit 25 Jahren kein Politiker mehr getraut hat, Hand an das Gesetz zu legen. Wie viele Doktoranden gibt es in Deutschland? Wird nicht erhoben. Wie viele Studenten brechen ihr Studium ab, in welchen Studiengängen und an welchen Hochschulen? Können wir nur schätzen. Die deutsche Ahnungslosigkeit in Sachen Hochschulen war in dem Ausmaß einzigartig in Europa. Bis jetzt. Denn langsam, fast unmerklich hat sich zwischen Bund und Ländern, zwischen Regierung und Opposition, zwischen Politik und Hochschulen ein Konsens herausgebildet: So kann das nicht bleiben. Wenn wir ernst machen wollen mit besseren Studienbedingungen, wenn wir gute Lehre belohnen wollen, wenn wir wirklich wissen wollen, wie die Übergänge von der Schule in die Hochschule und vom Bachelorstudium in den Master gelingen, dann brauchen wir ein neues Gesetz. Eine Novelle. Dass sie am 26. Februar nun auch den Bundesrat passieren wird, gilt als ausgemacht. Am 1. März soll das Gesetz in Kraft treten. Möglich wurde das Gesetz auch, weil die EU-Kommission die Mitgliedsstaaten Ende 2013 verpflichtet hat, zusätzliche Daten aus den nationalen Bildungssystemen zu liefern, die sie bislang nicht hat. Das war für die deutsche Politik ein Vorwand, endlich etwas zu machen, ohne dafür von der öffentlichen Meinung abgestraft zu werden. Zurück zur Sitzung Ende November. Damals hörte der Bildungsausschuss des Bundestags Experten zum Gesetzentwurf an. Die Hochschulrektorenkonferenz war da, das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, das Statistische Bundesamt und der Studierendenverband fzs. Die Überraschung: Die Studenten gingen nicht auf Konfrontationskurs. »Das ist schon irgendwie gut, dass künftig mehr Daten gesammelt werden, um Probleme, die offensichtlich da sind, greifbarer zu machen«, sagt fzs-Vorstandsmitglied Marie Dücker später. Was allerdings auf keinen Fall passieren dürfe: dass von den Informationen auf einzelne Studenten und ihre Bildungswege geschlossen werden könne.

Pia Brugger vom Statistischen Bundesamt versichert, genau dagegen habe man ein aufwendiges Pseudonymisierungsverfahren eingebaut. Auch sonst wurde allerhand Aufwand betrieben, um die Datenschutzbeauftragten in Bund und Ländern an Bord zu holen. So war ursprünglich geplant, den Migrationshintergrund und die soziale Herkunft der Studenten zu erheben. Beide Merkmale sind in der Endversion des Gesetzes nicht mehr enthalten. »Das ist schon problematisch«, sagt der Hochschulforscher Ulrich Heublein, »besonders dass der Migrationshintergrund fehlt, wird uns die Interpretation der Daten erschweren.« Die Politik macht derweil kein Hehl daraus, dass sie die neu gewonnenen Daten nutzen will, um die Hochschulen »besser steuern« zu können, wie das neudeutsch heißt. Nordrhein-Westfalen will einen Teil der Gelder aus dem Hochschulpakt abhängig von den Studienabbrecherquoten an die Hochschulen vergeben. Und die Hochschulen? Finden das sogar gut. »Diese Steuerung gibt es doch schon längst. Und wenn, dann lieber mit verlässlichen Daten. Das ist auch Teil unseres Geschäfts, damit umzugehen«, sagt Peter-André Alt, Präsident der Freien Universität in Berlin. Was die Unis nicht so witzig finden: Der Gesetzentwurf beziffert die jährlichen Mehrausgaben für alle staatlichen Hochschulen auf 139.100 Euro, pro Student gerade einmal fünf Cent. Die Softwareumstellung soll nur mit einmalig vier Millionen Euro zu Buche schlagen. Diese Summe sei »völlig unzureichend«, warnt Alt. Bleibt zu hoffen, dass der Politik der große Wurf noch ein paar Euro mehr wert ist.

Aus DIE ZEIT :: 18.02.2016

Ausgewählte Stellenangebote