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Globuli-Akademie

VON BERND KRAMER

Über die Gründung privater Hochschulen erlangen Pseudowissenschaften höhere Weihen.

Globuli-Akademie© Kathrin39 - Fotolia.comPrivate Hochschulen bieten häufig wissenschaftlich nicht fundierte Inhalte - wie den Studiengang Homöopathie - an
In diesen Tagen ist die Freude in Traunstein groß. Die 18.000-Einwohner-Stadt in Oberbayern bekommt bald eine eigene Hochschule. Bloß was für eine? Im Ort soll die erste europäische Hochschule für Homöopathie eröffnen, getragen von der European Union of Homoeopathy, einem Lobbyverband der Alternativmedizin aus Freiburg. Die ersten Studenten werden im kommenden Jahr erwartet. Eines Tages sollen sie als Homöopathen mit Bachelor- und Mastergrad abschließen. Über das genaue Konzept hüllen sich die Hochschulgründer noch in Schweigen. Die Lokalpolitik ist dafür umso begeisterter: Einstimmig begrüßte der Kreisausschuss das Vorhaben. Landrat Hermann Steinmaßl sieht in der Homöopathie-Hochschule gar einen »wichtigen Baustein für die Bildung und die medizinische Versorgung im Landkreis«. Kritik? Fehlanzeige.

Es wirkt wie ein Schildbürgerstreich: Was die Wissenschaft als wirkungsloses Therapieverfahren ad acta gelegt hat, blüht in der bayerischen Provinz wieder auf. Unzählige Studien zeigen, dass homöopathische Mittel nicht besser helfen als ein Placebo. Mit privatem Geld lässt sich um ein spekulatives Verfahren herum aber offenbar ohne großen Widerstand eine Hochschule bauen. Wie kann das sein?

Der Traunsteiner Fall zeigt eine Entwicklung, die sich auch andernorts abzeichnet. Die Zahl der privaten Hochschulen ist in den vergangenen Jahren förmlich explodiert und hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. 2000 boten erst 47 Privathochschulen ihre Dienste auf dem deutschen Markt an. Jetzt sind es schon 108. Die privaten machen damit inzwischen rund ein Viertel aller Hochschulen aus. Der Wissenschaftsrat, das wichtigste Beratungsgremium der Politik in Fragen von Forschung und Lehre, sieht die Entwicklung positiv: Die privaten Anbieter böten oft Beispiele für die »erfolgreiche Akademisierung bisher nicht akademischer Berufe«, vor allem im Bildungs- und Gesundheitsbereich, wo sie erste Studiengänge für angehende Erzieher oder Krankenpfleger schaffen und damit oft zu Vorreitern werden. Einer Studie zufolge, die der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Unternehmensberatung McKinsey 2010 vorlegten, locken die Privathochschulen mit der Aufwertung früherer Ausbildungsberufe gerade die Bevölkerungsschichten in die Hörsäle, die bislang nicht studierten. Doch diese Akademisierung hat Schattenseiten: Private Hochschulen lehren auffällig oft wissenschaftlich fragwürdige Inhalte - ohne dass sie bislang allzu viel zu befürchten hätten.

Eine inhaltliche Prüfung des Angebots findet nicht statt

Die Berliner Steinbeis-Hochschule bietet beispielsweise Studiengänge in Komplementärmedizin an, ebenso wie die Fresenius-Hochschule in Idstein und die Berliner Hochschule für Gesundheit und Sport. An der anthroposophischen Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn kann man sogar einen Bachelor in Eurythmie machen. »Was sich im staatlichen System nicht unterbringen lässt, schmuggelt man in privat organisierte Hochschulen hinein«, kritisiert Martin Mahner von der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Nach den wilden Gründerjahren haben sich die Kultusminister im Jahr 2004 darauf verständigt, dass neue Privathochschulen vom Wissenschaftsrat begutachtet werden sollen, ehe sie eine staatliche Anerkennung erhalten. Diese sogenannte institutionelle Akkreditierung privater Hochschulen solle »möglichst vor Betriebsaufnahme, aber spätestens vor der endgültigen Anerkennung durch die Länder« geschehen, so die Empfehlung der Kultusministerkonferenz. Im Akkreditierungsverfahren prüfen Experten des Wissenschaftsrates das Konzept, die Finanzen, das Personal, Betreuungsrelationen und Lehrpläne; sie besuchen die Hochschulen und begutachten Raumausstattung und die Bestände der Bibliotheken. Der Wissenschaftsrat bezeichnet die institutionelle Akkreditierung als »Verfahren der Qualitätssicherung, das klären soll, ob eine Hochschuleinrichtung in der Lage ist, Leistungen in Lehre und Forschung zu erbringen, die anerkannten wissenschaftlichen Maßstäben entsprechen«.

Geprüft wird in der Tat ziemlich viel - bloß bemängeln Kritiker, dass im Akkreditierungsverfahren lediglich formale Aspekte im Vordergrund stünden. »Eine inhaltliche Prüfung im eigentlichen Sinne findet kaum statt«, sagt Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbandes. »Die Akkreditierung ist weitgehend eine formale Kontrolle. Man kann sich natürlich fragen, was der Sinn des Ganzen ist. Da wird ein Siegel vergeben, das eigentlich nichts aussagt.« Auch die Hochschulforscherin Margret Bülow-Schramm von der Uni Hamburg bemängelt, im Akkreditierungsprozess sei die »Fachlichkeit generell unterbelichtet«.

Bislang hat der Wissenschaftsrat erst einen Teil der Privathochschulen geprüft. 58 Einrichtungen hat er sein Okay gegeben, lediglich acht Hochschulen bekamen die Akkreditierung nicht. Einer der wenigen Fälle, in denen der Wissenschaftsrat aus inhaltlichen Zweifeln einem Angebot die Akkreditierung verweigerte, ist die anthroposophische Freie Hochschule Mannheim, die Bachelor- und Mastergrade in Waldorfpädagogik vergeben wollte. Das Urteil des Wissenschaftsrates fiel hart aus: Das Institut erreiche auf »einer grundsätzlichen Ebene nicht die für eine Hochschule erforderliche Wissenschaftlichkeit«, schrieben die Gutachter in ihrer Entscheidung aus dem Januar 2011. »Dies betrifft die Vielfalt methodischer Ansätze und den Anspruch, den in den Erziehungswissenschaften üblichen Standards gerecht zu werden. Ohne eine solche Klärung besteht jedoch die Gefahr, eine spezifische, weltanschaulich geprägte Pädagogik im Sinne einer außerwissenschaftlichen Erziehungslehre zur Grundlage einer Hochschuleinrichtung zu machen.« Im Klartext: Waldorfpädagogik ohne ein Minimum an erziehungswissenschaftlicher Grundbildung ist akademischer Weihen nicht würdig. Die Freie Hochschule Mannheim nennt sich seither »Akademie für Waldorfpädagogik« - was akademisch klingt, es aber nicht ist. Im Gegensatz zu »Hochschule« ist die Bezeichnung »Akademie« nicht geschützt. Den Bachelorstudiengang gibt es nach wie vor: Mit einem Trick wird das Votum umschifft. Ihre Dozenten hat die ehemalige Freie Hochschule Mannheim an die ebenfalls anthroposophische Alanus-Hochschule in Nordrhein-Westfalen angedockt; sie geben per Franchisevertrag Unterricht für die Mannheimer Studenten und bereiten sie auf die Prüfungen der Alanus-Hochschule vor. Da die Alanus-Hochschule in Nordrhein-Westfalen anerkannt ist, ist dieses Vorgehen in Baden-Württemberg rechtens. Ähnlich wird sich wohl auch die Traunsteiner Hochschule für Homöopathie durch den bildungsföderalen Wirrwarr schlagen. Ein Weiterbildungsinstitut für Heilpraktiker dürfte sich nämlich nicht ohne Weiteres als Hochschule bezeichnen.

Eine Hochschule nimmt die nächste Huckepack

Gerade in Bayern sind die formalen Hürden für eine Gründung hoch: Das Land verlangt unter anderem, dass für die Lehre überwiegend hauptberufliche Fachkräfte eingesetzt werden, die Zugangsvoraussetzungen müssen die gleichen sein wie an einer öffentlichen Hochschule, und es müssen mehrere Studiengänge angeboten werden. Es sei denn, eine Hochschule, die sich andernorts etablieren konnte, nimmt die neue Einrichtung huckepack: Ein solcher Partner soll in Traunstein die homöopathiefreundliche Steinbeis-Hochschule aus Berlin werden. Ist eine Hochschule bereits in einem anderen Bundesland anerkannt, kann sie auch in Bayern Lehrangebote machen - ohne dass noch einmal neu geprüft werden muss, ob ihre Vorlesungen und Seminare tatsächlich wissenschaftlichen Ansprüchen genügen.

Auf diese Weise bietet beispielsweise schon jetzt die Berliner Hochschule für Gesundheit und Sport in Ismaning den Studiengang Komplementärmedizin an. »Wenn eine Hochschule bereits in einem anderen Bundesland oder EU-Staat anerkannt ist und hier einen Standort aufmacht, können wir das nicht einfach untersagen«, erklärt eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums. »Selbst wenn es uns nicht gefällt.«

Aus DIE ZEIT :: 20.09.2012

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