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Pendeln um die Goldene Mitte - Glück aus psychologischer Perspektive

Interview mit Julius Kuhl

Wie gelingt es dem Einzelnen, "sein Glück zu finden"? Gibt es eine zeitlose Vorstellung vom Glück? Wie eng hängt die Vorstellung vom Glück mit der Sinnfrage des eigenen Tuns zusammen? Fragen an einen Persönlichkeitsforscher.*

Pendeln um die Goldene Mitte - Glück aus psychologischer Perspektive© Carola Vahldiek - Fotolia.comGlück basiert auf den Schlüsselkompetenzen Selbstmotivierung und Selbstberuhigung
Forschung & Lehre: Auf welche Weise erforschen Sie das Glück eines Menschen? Lässt es sich messen?

Julius Kuhl: Das Glück wird in der Psychologie auf sehr unterschiedliche Weise untersucht, meist aber eher fragmentiert, d.h. eigentlich immer bestenfalls ein Aspekt dessen, was im Alltag und in der Jahrtausende alten Denktradition unter Glück verstanden wurde. Abgesehen von einzelnen Quellen des Glücks wie Bedürfnisse (z.B. nach guten Beziehungen, Leistung, Selbstbestimmung) und Überzeugungen (z.B. der eigenen Selbstwirksamkeit), beschäftigen wir uns heute zunehmend mit der über lange Zeit vernachlässigten Frage, wie man es denn anstellen kann, seine Bedürfnisse zu befriedigen und die eigenen Ziele, Überzeugungen und Wertvorstellungen zu verwirklichen. Diese Frage betrifft den großen Bereich der Selbstkompetenzen.

Wir haben in unserer Osnabrücker Forschung zahlreiche Methoden entwickelt, um bis zu 100 verschiedene Selbstkompetenzen zu messen, die es Menschen ermöglichen, ihre Vorsätze umzusetzen, erreichbare Ziele zu setzen, Ziele nach Möglichkeit mit den eigenen Bedürfnissen abzustimmen (Selbstkongruenz), aus Fehlern zu lernen, statt (oft wider besseres Wissen) immer wieder dieselben Fehler zu machen und an leidvollen Erfahrungen zu wachsen, statt sie chronisch verdrängen oder beschönigen zu müssen (Selbstentwicklung).

Diese Entwicklungsorientierte Osnabrücker Systemdiagnostik (EOS: www.impart.de) beruht auf einer neuen Persönlichkeitstheorie (PSI-Theorie), die viele Forschungsergebnisse aus der Persönlichkeits-, Entwicklungs- und Neuropsychologie integriert. Da wir solche Selbstkompetenzen heute messen können, können wir Menschen sehr individuell beraten, welche Selbstkompetenzen sie entwickeln können, um mehr zu ihrem "Glück" zu finden.

F&L: Wie hat sich die Idee vom Glück gewandelt? Gibt es eine "zeitlose" Vorstellung vom Glück?

Julius Kuhl: Die Vorstellungen vom Glück sind natürlich immer schon abhängig vom jeweiligen Menschenbild gewesen. Trotzdem lassen sich einige Gemeinsamkeiten finden. Bereits bei den antiken griechischen Philosophen (Platon, Aristoteles) gab es Versuche, im "Lebensglück" mehr als die Summe einzelner Glücksfaktoren zu sehen.

Das auf Aristoteles zurückgehende Prinzip der "Goldenen Mitte" (z.B. ist die dem Glück zuträglichere Mitte zwischen Habgier und Verschwendung die Tugend der Freigebigkeit) lässt sich heute auch mit den Ergebnissen der experimentellen Persönlichkeitspsychologie verbinden, die nahe legen, dass Einseitigkeiten der Psyche durch frühkindlich oder später erworbene (z.T. auch genetisch vorgeprägte) Fixierungen auf bestimmte Affekte (Lustlosigkeit, Freude, Angst oder Gelassenheit) zustande kommen, die es Menschen ihrerseits erschweren, immer die Selbstkompetenzen einzusetzen, die für die jeweilige Aufgabe oder den aktuellen Kontext am besten passen.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich durchaus eine Vorstellung von Glück, die die dauerhafte Chance birgt, verschiedene Menschenbilder zu integrieren: Wer emotionale Fixierungen überwinden und seine Gefühle so regulieren kann, dass er immer die jeweils nützlichsten Selbstkompetenzen einsetzen kann (z.B. Planen, Vorsätze fassen, ganz genau auf Details oder Fehler achten oder sich einen Überblick verschaffen, selbstkongruente Ziele bilden, im Hier und Jetzt sein, den Augenblick genießen, Vorsätze umsetzen), kann die Dämpfung der Freude aushalten, wenn Schwierigkeiten zu meistern sind, kann positive Gefühle generieren, wenn beherztes Handeln ansteht, kann negative Gefühle zulassen, wenn es gilt, aus Fehlern oder leidvollen Erfahrungen zu lernen statt sie zu verdrängen und kann sich auch wieder beruhigen, damit solche Erfahrungen ins große Erfahrungsnetzwerk des Selbst integriert werden können.

F&L: Wie eng hängt die Vorstellung vom Glück mit der Sinnfrage des eigenen Tuns zusammen? Konkret: Wie glücklich kann der Einzelne im Zeitalter der Spezialisierung überhaupt sein?

Julius Kuhl: Die Spezialisierung hat zwar viele Vorteile (z.B. den enormen technischen Fortschritt), ist in der Tat aber oft auch ein Hindernis zu einem umfassenden Glücklichsein. Persönlichkeitspsychologisch betrachtet liegt das daran, dass die Spezialisierung psychische Systeme aktiviert (meist stärker durch die linke Hemisphäre des Gehirns unterstützt), die einen engen Aufmerksamkeitsfokus mit zweckrationalem, nüchternem (d.h. emotionsneutralem) analytischen Denken verbindet.

Dadurch wird das psychische System ausgebremst, das uns die innere Weite vermittelt, also einen Überblick über Bedürfnisse und Gefühle (eigene wie die anderer Menschen), Werte, Handlungsmöglichkeiten. Sinn erfordert genau diese mehr fühl- als denk- oder aussprechbare innere Weite, weil Sinn nicht etwas Lokales ist (ein noch so lustvolles Einzelerlebnis wie ein schönes Essen, ein tolles Musikstück reicht meist nicht, um dem eigenen Leben Sinn zu verleihen). Sinnerleben entsteht, wenn das eigene Erleben und Handeln mit einem mehr oder weniger ausgedehnten Netzwerk von Fähigkeiten, Bedürfnissen, Gefühlen, Werten (eigenen und fremden) verknüpft ist.

F&L: Was ist der größte Irrtum des Menschen, wenn er nach Glück strebt?

Julius Kuhl: Dass er Glück "machen" kann, jedenfalls dann, wenn man unter "machen" die Kontrollierbarkeit durch bewusstes Denken und Planen versteht. Die bewusste Kontrolle (durch das planende, denkende Ich) führt in der Regel in die eng fokussierte Verfolgung einzelner Ziele, verengt den Blick für einzelne Ergebnisse und erschwert, selbst im Erfolgsfall, die Fähigkeit, die persönliche (oder gar überpersönliche) Bedeutung eines Erfolgs umfassend zu erleben (d.h. mit dem erwähnten Sinn stiftenden ausgedehnten Erlebnisnetzwerk, das wir das "Selbst" nennen, zu verbinden).

F&L: Wir müssen also loslassen können?

Julius Kuhl: Das größte Hindernis auf dem Weg zum Glück liegt vielleicht wirklich darin, dass wir die bewusste Kontrolle paradoxerweise oft gerade dann "loslassen" müssen, wenn wir uns am dringendsten nach positiven Erfahrungen, Sinn und Glückserleben sehnen: Die unbewussten, sehr ausgedehnten emotionsdurchwirkten Erfahrungsnetzwerke des Selbst mit ihrer enormen Kreativität und Handlungsintelligenz funktionieren nicht auf Befehl. Sie erfordern zumindest eine gewisse Beiläufigkeit und ein Mindestmaß an Freiheit (z.B. verschiedene Deutungen, Denk- und Handlungsmöglichkeiten zuzulassen).

F&L: Ist Glück ein Zufallsprodukt oder kann man "darauf hinarbeiten"?

Julius Kuhl: Natürlich kann man (zufällig) auch mal Glück haben. Trotzdem können wir durchaus auch "darauf hinarbeiten". Das scheint zunächst der erwähnten "Nichtkontrollierbarkeit" zu widersprechen. Wir können aber sagen: Obwohl sich die Vermehrung der allgemeinen Zufriedenheit, des Wohlbefindens und des Lebensglücks aus den genannten Gründen nicht durch direkte Kontrolle allein optimieren lässt, können wir durchaus indirekt etwas tun.

Wir können die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass sich ein gesundes Selbst entwickelt, dass sich die davon abhängigen Selbstkompetenzen entwickeln und dass wir nach Möglichkeit auch unter Belastung und Stress den Selbstzugang nicht komplett verlieren. Die PSI-Theorie und die durch sie integrierten Forschungsergebnisse aus der experimentellen Psychologie und der Hirnforschung beschreiben die Entwicklungsbedingungen sehr genau: Selbstentwicklung hängt ganz besonders von zwei dialektischen Prozessen ab. Erstens den Wechsel zwischen Frustrationstoleranz, etwa beim Verfolgen schwieriger Ziele, und der Fähigkeit, die Motivation für das notwendige Verhalten aufzubringen (Selbstmotivierung).

Zweitens durch den Wechsel zwischen Schmerztoleranz (d.h. ab und zu in geeigneten Momenten leidvolle Erfahrungen zuzulassen statt sie zu verdrängen) und der Bewältigung der negativen Gefühle (Schmerz, Angst u.ä.), damit diese Erfahrungen in das ständig wachsende Erfahrungsnetzwerk des Selbst integriert werden können ("am Leid wachsen"). Die beiden Schlüsselkompetenzen für diese beiden dialektischen Prozesse sind also die Selbstmotivierung und die Selbstberuhigung. Und diese beiden kann man von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter lernen, und zwar am besten in guten Beziehungen, in denen man sich als Person verstanden und akzeptiert fühlt. In guten Beziehungen wird das Selbst aktiviert (wir sprechen ja auch im Alltag von "Selbstöffnung"), sodass z.B. die von der Bezugsperson erfahrene Ermutigung ins Selbst integriert werden kann. Dadurch kann man sich mehr und mehr selbst motivieren und die erfahrene Beruhigung wird zur Selbstberuhigungsfähigkeit.

F&L: Kann man auch durch Glück- und Motivationsseminare dem eigenen Glück näherkommen?

Julius Kuhl: Noch so erfolgreiche Motivationsmaßnahmen (wie in manchen Massenveranstaltungen) haben selten einen nachhaltigen Effekt, weil das Selbst in solchen Veranstaltungen nicht aktiviert ist, sodass auch die erlebten Motivationserfahrungen nicht ins Selbst integriert werden können. Selbstmotivierung und Selbstberuhigung ermöglichen den Wechsel zwischen den Gegensätzen (und damit das Pendeln um die "Goldene Mitte"): Schwierigkeiten angehen und immer wieder machbare ("leichte") Wege zu ihrer Bewältigung finden und leidvollen Erfahrungen nicht immer ausweichen, sondern ab und zu auch einmal (wenn möglich mit der Hilfe eines Menschen, von dem man sich verstanden fühlt) an "sich" heranlassen, um dem eigenen Selbst Wachstumsmöglichkeiten zu geben. So werden die Selbstkompetenzen immer weiter entwickelt, die die Voraussetzung dafür bilden, dass wir Glück nicht nur wollen, nicht nur für möglich und erreichbar halten, sondern auch tatsächlich in unserem Leben verwirklichen können.

*Die Beiträge des Schwerpunktes sind hervorgegangen aus dem Symposion des DHV "Was ist Glück?", das am 16. Oktober 2013 in Bonn stattgefunden hat.


Über den Interviewten
Dr. Julius Kuhl ist Professor für Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung an der Universität Osnabrück.

Aus Forschung & Lehre :: November 2013

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