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Glück allein reicht uns nicht

Aufgezeichnet von ANNA-LENA SCHOLZ

Sie sind jung, sie wollen forschen, aber bisher fehlte ihnen die Perspektive. Hilft den Wissenschaftlern nun die geplante Abschaffung der Kurzzeitverträge? Drei Protokolle.

Glück allein reicht uns nicht© PhotoMBN - photocase.deDrei Kommentare zur Anpassung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes

Schafft den Mittelbau ab!

Fabian Goppelsröder, Philosoph
Die Hochschulreformen der letzten Jahre sollten das System flexibler machen. Aber das alte Prinzip der Lehrstuhluniversität wurde nicht angetastet. Anstatt dem Nachwuchs früh die Eigenständigkeit zu geben, die gute Wissenschaft benötigt, bleibt er auch nach der Promotion in einer Art feudaler Abhängigkeit vom Professor. Mit der großen Zahl an nachdrängenden Leuten schafft das eine Atmosphäre der Angst. Wer nicht passt, kann jederzeit ersetzt werden - eine ganze intellektuelle Reservearmee steht bereit. Die Folgen sind fatal, denn eigentlich ist die Wissenschaft auf Kreativität und Eigensinn angewiesen.

Die Novellierung des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ändert daran wenig. Wir brauchen keine halbherzige Modifikation bestehender Strukturen. Statt im Mittelbau längere Vertragslaufzeiten zuzulassen, sollte man ihn abschaffen - und die frei gewordenen Mittel ausschließlich in Juniorprofessuren mit Tenure-Track und W2-Professuren stecken. Ich wünschte mir, dass Politik und Universitäten einen Wandel einleiteten, der auch jüngeren Wissenschaftlern und der Qualität ihrer Forschung gerecht wird.

Fabian GoppelsroederFabian Goppelsröder, 37, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Freien Universität Berlin
Ich selbst bin nach meiner Promotion in den USA nach Deutschland zurückgekehrt. Ich hatte Glück, konnte in Potsdam und Berlin in einem inspirierenden Umfeld arbeiten, zunächst mit einem dreijährigen Stipendium. Das klingt zwar schön, tatsächlich ist man damit aber nicht sozialversichert und besitzt anschließend nicht einmal Anspruch auf Arbeitslosengeld. Seit Herbst 2014 habe ich eine halben Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Für eine Familie reicht das kaum aus. Deshalb gehen wir im September für zwei Jahre zurück in die USA. Ob sich danach in Deutschland bessere Perspektiven auftun? Eine kleine Gesetzesnovelle wird dafür jedenfalls nicht ausreichen. Wenn die Unis international konkurrenzfähig sein wollen, sind weniger Hierarchie und mehr Offenheit für kreative Forschungsprojekte unumgänglich.

Löst die Lehrstühle auf!

Isabelle Deflers, Historikerin
Der Weg zur Professur ist ein Pokerspiel: Man braucht Selbstvertrauen und etwas Leichtsinnigkeit. Ich hatte Glück und fand immer ein Stipendium oder eine Stelle. Aber als mir einmal die Arbeitslosigkeit drohte, habe ich innerlich mit der akademischen Karriere abgeschlossen und bin zurück in meine Heimatstadt Paris gegangen, um dort meine juristische Ausbildung zu beenden. Sie ist mein Rettungsboot. Theoretisch kann ich morgen als Anwältin arbeiten.

Isabelle Deflers Isabelle Deflers, 42, Akademische Rätin für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Freiburg
Meine Stelle als Akademische Rätin geht zweimal drei Jahre. Ein absoluter Luxus. Die zwölf Jahre, die man maximal in befristeten Verträgen verbringen darf, sind - je nach Interpretation der Regelung! - bei mir schon lange vorbei. Die Unis legen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz nach Gutdünken aus und behelfen sich etwa mit Verbeamtungen auf Zeit, um die Regeln zu umgehen.

Die Novellierung des Gesetzes hilft hoffentlich gegen die Kurzzeitverträge. Aber die Probleme sind größer. Das System ist durch die Exzellenzinitiative total überlaufen. An den Unis herrscht eine absurde Situation: Man will die Qualität der Forschung durch den Konkurrenzdruck und immer kürzere Verträge steigern. Wir brauchen das Gegenteil: dauerhafte Mittelbaustellen, auch Teilzeitstellen, und zwar unbefristet, zugunsten einer kontinuierlichen Betreuung der Studierenden. Und die große Hürde Habilitation ist zwar formal abgeschafft, in Wahrheit hat man ohne sie aber keine Chance auf eine Professur.

Die Bewerbungsprozesse werden häufig durch männliche Seilschaften regiert. Bei so vielen Unwägbarkeiten muss man sich über wenige Frauen in der Wissenschaft nicht wundern. Ich wünsche mir eine ernsthafte Gleichbehandlung in den Berufungsverfahren sowie eine grundlegende strukturelle Reform der Universitäten. Dazu gehört in erster Linie eine komplette Auflösung der Lehrstühle, um die zurzeit herrschenden Abhängigkeitsverhältnisse zwischen Lehrstuhlinhabern und Mitarbeitern abzuschaffen.

Maike Busch Maike Busch, 35, Biologin und Laborleiterin am Uni-Klinikum Essen

Stopft die Schlupflöcher!

Maike Busch, Biologin
Meine Arbeit als Biologin macht mir Spaß. Aber hätte ich zu Beginn des Studiums gewusst, welche Arbeitsbedingungen auf mich zukommen, wäre ich nicht in die Forschung gegangen. Seit Beginn meiner Promotion reiht sich bei mir Kurzzeitvertrag an Kurzzeitvertrag. Manche liefen nur zwei Monate.

Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz sollte verhindern, dass Stellen dauerhaft blockiert sind. Eigentlich, um dem Nachwuchs eine Chance zu geben. Aber das funktioniert nicht. Ich kenne viele Doktoranden, die ihre Dissertationen mit Arbeitslosengeld fertig schreiben. Mir blieb das erspart, aber ich hätte genauso gehandelt. Man bricht die Dissertation kurz vor Schluss nicht einfach ab, nur weil die Stelle ausläuft. Ich bezweifle, dass die Novellierung hier Abhilfe schafft. Schon jetzt gibt es projektgebundene Verträge, nur werden sie eben viel zu knapp kalkuliert. Laut Vertrag soll man dann in zwei Jahren promovieren, obwohl man es in weniger als drei Jahren kaum schaffen kann. Es müssten feste Laufzeiten im Gesetz stehen, sonst finden die Unis wieder Schlupflöcher und nutzen juristische Feinheiten.

So ist es auch mit der angeblichen Familienförderung. Eigentlich darf man zwölf Jahre befristet angestellt sein. Doch obwohl ich nach der Geburt meines ersten Kindes auch Teilzeit gearbeitet habe, also halbtags, verlängert sich diese Frist für mich nicht. Ich will es auf eine Professur schaffen, auch mit inzwischen zwei Kindern. Der Druck ist hoch, in den nächsten drei, vier Jahren mit meiner Habilitation fertig zu werden. Denn ab dieser Qualifikationsstufe kann man außerhalb der Universität kaum noch Fuß fassen. Doch die Politik muss endlich anerkennen, dass auch die, die nicht Professor werden, wichtige wissenschaftliche Arbeit leisten. Wir brauchen endlich wieder einen ordentlichen Mittelbau mit Dauerstellen in Forschung und Lehre.

Aus DIE ZEIT :: 23.07.2015

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