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Goalgetter und Dr. Klicken

VON KHUÊ PHAM

Wie die Internetplattform Vroniplag Doktorarbeiten von Politikern durchleuchtet. Begegnung mit zwei Plagiatsjägern.

Goalgetter und Dr. Klicken© kallejipp - Photocase.com
Als Karl-Theodor zu Guttenberg noch Minister und Doktor war und die Plagiatsvorwürfe gegen ihn noch mit dem Wort »abstrus« abstritt, da brachte er zwei Männer gegen sich auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwei Männer, die sich persönlich nie getroffen haben und sich doch zur gemeinsamen Mission gegen Guttenberg zusammentaten. Ihre wahren Namen geben sie nicht preis, sie nennen sich Goalgetter und Dr. Martin Klicken, und sie begegneten sich diesen Februar im Internet. Sie waren empört über Guttenbergs Leugnen. Zusammen mit anderen Empörten begannen sie, dessen Dissertation zu durchforsten, sie überprüften jede Fußnote, sie dokumentierten ihre Ergebnisse auf der Internetplattform GuttenPlag, und je beharrlicher Guttenberg an seinem Ministerposten festhielt, desto mehr suchten sie, bis sie am Ende 1218 plagiierte Stellen nachweisen konnten und Guttenberg zurücktrat. Kampf gewonnen, Mission erfüllt, die meisten GuttenPlag-Aktivisten sagten: Wir hören auf. Goalgetter und Dr. Klicken sagten: Wir machen weiter.

Es ist, gelinde gesagt, mühsam, sie zu Gesicht zu bekommen. Ein Tag im Juli, Goalgetter hat sich unter strengen Auflagen zu einem Treffen bereit erklärt: Keine Echtnamen, keine Ortsangaben, keine Angaben dazu, ob er in einer politischen Partei ist. Er sei »Onlineunternehmer« - das müsse als Berufsangabe genügen. Doch sein Pseudonym verrät einiges. Goalgetter, Torjäger. Ein Mann, Mitte 40, gebräunte Haut, in seinem rechten Augenwinkel ist eine kleine Narbe. Er hat noch immer die Körperspannung des Leistungssportlers, der er mal war. Er will gewinnen, möglichst schnell und oft. »Es ist wie eine Sucht«, sagt er, »wenn man das Gefühl hat, etwas Gutes für die Gesellschaft zu tun.« Vor dieser Sucht hatte er Zeit, um sechsmal die Woche Golf zu spielen. Jetzt sucht er nachts nach Fehlern in irgendwelchen Doktorarbeiten. Er selbst hat nie promoviert. Das würde zu lange dauern, wäre zu mühselig.

Zum Fall Althusmann

In der vergangenen Woche deckte die ZEIT auf, dass die Doktorarbeit des niedersächsischen Kultusministers Bernd Althusmann (CDU) erhebliche wissenschaftliche Mängel aufweist, einige Experten sprechen offen von einem Plagiat. Die zuständige Universität Potsdam überprüft nun die Vorwürfe. Im Fall Althusmann ist die ZEIT einem gut begründeten Anfangsverdacht nachgegangen. Exakt in dem Zeitraum, in dem seine Dissertation, ein 270-Seiten-Werk mit 660 Fußnoten, enstand, besetzte Althusmann den Posten des parlamentarischen Geschäftsführers der CDU-Landtagsfraktion. Die Doktorarbeit von Althusmann wies eine auf den ersten Blick auffällige Häufung an indirekten Zitaten sowie einen insgesamt hohen Zitatanteil (über 50 Prozent) auf. Nach Hinweisen aus dem akademischen Umfeld hatte die ZEIT ein Gutachten bei zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern in Auftrag gegeben. Sie wollen anonym bleiben, um mögliche berufliche Nachteile auszuschließen. Die ZEIT hat Bernd Althusmann die Ergebnisse der Studie vor ihrer Veröffentlichung vorgelegt, damit er dazu Stellung nehmen konnte.
Er war es, der nach dem Fall Guttenberg weitermachen wollte. Zunächst mit nicht viel mehr als einem anonymen Hinweis auf einen weiteren Plagiatsfall in der Dissertation einer gewissen Veronica Saß. Keine Politikerin, nicht mal eine wirklich Prominente. Aber in Bayern ist sie bekannt. Saß ist die Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Im März gründete Goalgetter eine neue Internetplattform, die die einen den »digitalen Pranger« nennen und die anderen »wissenschaftliche Aufklärung von unten«. VroniPlag. Nicht nur die Arbeit von Saß, sondern auch die zahlreicher Politiker wurden unter die Lupe genommen. Inzwischen wurden sowohl der Stoiber-Tochter als auch der FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin und dem SPD-Politiker Uwe Brinkmann von den jeweiligen Universitäten die Doktortitel aberkannt.

Aufgrund der Recherchen von VroniPlag hat nun die Universität Bonn angekündigt, die Dissertation der Politikwissenschaftlerin Margarita Mathiopoulos neu zu untersuchen. Für Goalgetter ist jeder dieser Fälle ein Erfolg, inzwischen genießt er die Neugier der Medien, gibt häufig und gern Interviews, um sein Ziel zu verbreiten: Jedem auf seiner Plattform Überführten soll der Doktortitel aberkannt werden, jeder betroffene Politiker soll seine Ämter niederlegen. Artikel zum Thema "Plagiate in Doktorarbeiten" Zwei Tage später in einer anderen Stadt. Nach mehreren Anfragen per E-Mail hat Dr. Klicken sich zu einem Treffen bereit erklärt. Er ist noch vorsichtiger als Goalgetter, wünscht zunächst, dass nach dem Verfassen des Artikels sämtliche Tonaufnahmen gelöscht werden, wovon er schließlich abrückt. Er hat lockige Haare , wirkt wie ein Student, ist Mitte 30, ein promovierter Ingenieur, der um seine Karriere fürchtet, sollte seine Identität bekannt werden. An seinem Doktortitel hängt er so sehr, dass er ihn nach seiner Promotion auf das Pseudonym übertrug. Vor dem Treffen hat er eine E-Mail weitergeleitet, die ihm ein Fremder geschrieben hat: »Erfolgreich können Sie ja nicht sein, sonst hätten Sie etwas anderes zu tun. Ach so, feige sind Sie auch, oder haben Sie keinen Namen.« Er hat dem Mann von seinem Traum, Hochschullehrer zu werden, geschrieben und von den Werten der Wissenschaft, die es zu verteidigen gelte. Er bekam keine Antwort. Wo es Goalgetter um die Überführung von Betrügern geht, geht es Dr. Klicken ums Prinzip einer ehrlichen Wissenschaft.

Sie haben eine Weile täglich miteinander telefoniert, vor allem in der Gründerzeit, als VroniPlag vier Mitglieder hatte, sie selbst eingerechnet. Sie arbeiteten meist nachts, oft bis vier Uhr morgens. Sie trafen sich im Chat, besprachen den aktuellen Stand einer verdächtigen Dissertation, welche Seiten, welche Quellen. Klicken suchte, Goalgetter fragmentierte. Suchen heißt, auffällige Wörter oder Wortkombinationen aus dem Text zu filtern und bei Google Books oder einem der Quellentexte nach ihnen zu fahnden. Ist die Fundstelle mit der Textstelle identisch, aber nicht als Zitat kenntlich gemacht, handelt es sich um ein Plagiat. Fragmentieren heißt, ein Formular mit dem verdächtigen Textbaustein aus der Dissertation und der nicht korrekt zitierten Quelle anzulegen. So kann jeder auf VroniPlag sehen, auf welchen Seiten plagiiert wurde. Ein Barcode illustriert die Plagiatsquote, bei Veronica Saß lag sie bei 54 Prozent der Seiten.

Klicken sagt, mit der Plagiatsprüfung sei es so wie mit der Kriminalitätsbekämpfung. Es gebe da verschiedene Kategorien: Komplettplagiate sind Textstellen, die ohne Zitierung übernommen wurden. »Das ist so, als würden Sie eine Handtasche im Geschäft klauen. Diebstahl.« Verschleierungen sind unformulierte Textstellen, die nicht als Paraphrase gekennzeichnet wurden: »Sie fahren ein fremdes Auto und vertauschen das Nummernschild. Diebstahl mit vorsätzlicher Täuschungsabsucht.« Bauernopfer sind Textstellen, die nur zum Teil als Zitate gekennzeichnet werden. »Sie kaufen ein Kleid, haben darin aber noch ein zweites Kleid versteckt, für das Sie nicht bezahlen. Auch eine Form von Diebstahl.«

Klicken legt im Verlauf des Treffens seine Nervosität ab, hier redet jetzt einer, der eine Mission hat. Er fragt nach, ob man seine Thesen verstanden habe. Er betont, dass es hier um die Macht des Faktischen gehe: um die Dissertation, nicht die Person. Das Problem ist aber, dass nur wenige Menschen Zitierfehler so ernst nähmen wie er. Und dass sich die meisten für prominente Menschen und nicht für Doktorarbeiten interessieren. Veronica Saß war kein Guttenberg. Die Empörung, die Goalgetter und Klicken im Fall des Verteidigungsministers noch mit der Bevölkerung geteilt hatten, diese Empörung teilten sie nun vor allem mit sich selbst. Zwischen den beiden gab es erste Meinungsverschiedenheiten. Goalgetter erfand einfach neue Nutzer der Plattform, um eine größere Popularität vorzutäuschen, Klicken hielt das für unlauter. Dann kam der zweite Sonntag im April. Ein Wissenschaftler loggte sich bei VroniPlag im Chat ein, er habe da einen Verdacht, etwas stimme nicht mit der Dissertation von Frau Koch-Mehrin, er habe sie vor sich liegen. Goalgetter kannte den Tippgeber nicht, und er kannte auch nicht seinen echten Namen. Aber er wusste sofort, dass das genau das war, worauf er gewartet hatte: Silvana Koch-Mehrin, Abgeordnete im Europaparlament und aufsteigender Jungstar in der FDP. Die Medien würden sich drauf stürzen! Historische Währungsunion zwischen Wirtschaft und Politik lautet der Titel ihrer Arbeit.

Der anonyme Akademiker schickte Goalgetter Textbausteine aus der Dissertation, die von Koch-Mehrin stammen sollte, und dazu Textbausteine aus verschiedenen nicht zitierten Quellen. Goalgetter prüfte und verglich, obwohl ihm das Original selbst nicht vorlag. Wollte ihn hier jemand reinlegen? Andererseits schienen die Quellen überzeugend. Am selben Abend twitterte er die Nachricht vom neuen Plagiatsfall Silvana Koch-Mehrin in die Welt. Am nächsten Morgen informierte er die Universität Konstanz, an der Koch-Mehrin promoviert hatte. Ausgerechnet jene Internetplattform, die Verstöße gegen wissenschaftliche Standards anprangert, veröffentlicht einen Plagiatsfall, ohne die Quelle zu kennen? »Es war ein großes Risiko, aber es war mir persönlich wichtig, um VroniPlag dahin zu entwickeln, wo die Plattform jetzt steht«, sagt Goalgetter. »Wenn das vorzeitig getwittert wurde, dann war das nicht richtig«, sagt Klicken. Ein Fehler, der sich heute nicht mehr wiederholen könnte. Inzwischen gelten strenge Kriterien: Originalarbeiten müssen bei der Überprüfung vorliegen, ein Plagiatsvorwurf darf erst öffentlich erhoben werden, wenn auf mindestens zehn Prozent der Seiten Plagiate gefunden wurden.

»Die Qualitätsfetischisten haben übernommen, und VroniPlag ist erlahmt«, sagt Goalgetter, er klingt enttäuscht. Die Plattform ist jetzt nicht mehr nur sein Ding, es ist nun das Ding vieler. 20 Administratoren können Beiträge löschen und Nutzer sperren, und einige von ihnen haben schon Beiträge von Goalgetter gelöscht. Er ist unter den anderen Administratoren umstritten. Sie haben das Gefühl, er stelle sich zu sehr heraus. Die Konflikte erinnern an das Zerwürfnis zwischen Julien Assange, dem Mitbegründer und selbst ernannten Superstar von WikiLeaks, und seinen ehemaligen Mitstreitern. Ego und Publicity gegen Kollektivgeist und disziplinierte, aber unspektakuläre Wühlarbeit.

Goalgetter geht jetzt wieder öfter Golf spielen. Und er hat sich bereits ein neues »eigenes Ding« überlegt: Er will nun die kürzesten Dissertationen Deutschlands auf ihre Qualität überprüfen. Die anderen Mitglieder von VroniPlag würden es nicht gutheißen. Aber Goalgetter hält sich inzwischen für einen Experten in Sachen Dissertation: Er hat dieses Jahr schon 40 gelesen. Klicken hingegen hat sich schon mehrfach Urlaub genommen, um der Doppelbelastung durch Job und VroniPlag-Fälle gewachsen zu bleiben. Wahrscheinlich wäre es endlich an der Zeit, eine Grundsatzdiskussion über VroniPlag zu führen. Über die Motive der Einzelnen und die Ziele der Gruppe. Darüber, wie es weitergehen soll. Aber dafür müssten sich Goalgetter und Dr. Klicken zum ersten Mal leibhaftig treffen.

Aus DIE ZEIT :: 14.07.2011

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