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Good old Germany: Forscher zieht es heim

Von Bärbel Broer

Der eine hat seine Koffer erst vor einigen Wochen ausgepackt, die andere packt in Kürze: Martin Grill, PhD und Claudia Janssen, PhD. Die beiden Wissenschaftler haben sich zur Rückkehr nach Deutschland entschlossen. Mehrere Jahre lang lebten sie im Ausland, haben dort geforscht, gelehrt und promoviert. Beide zieht es zurück - trotz guter Stellen und Zukunftschancen. Den Schwaben zu einem Unternehmen bei Stuttgart, die Friesin als Juniorprofessorin nach Berlin.

Good old Germany: Forscher zieht es heim© 3DStock - iStockphoto.comWas bewegt zwei Wissenschaftler nach mehrjähriger Karriere im Ausland zur Rückkehr nach Deutschland?
Wenn er auf Deutsch erzählen soll, ringt er um die richtigen Worte. "Ich denke immer noch auf Englisch", entschuldigt sich Martin Grill. Kein Wunder: Die vergangenen zehn Jahre lebte er im Ausland - zunächst sieben Jahre lang im englischen Lancaster, weitere drei Jahre im amerikanischen Silicon Valley. Gleich nach seinem Abschluss als Diplom-Ingenieur in Automatisierungstechnik und Mechatronik an der Fachhochschule (FH) Esslingen zog es ihn ins Ausland, an die University of Lancaster. Ziel: Promotion. "Das war eine große Umstellung für mich. An der FH gibt es ja kaum Forschung oder gar Veröffentlichungen", erinnert sich Grill. Aber er fuchst sich rein und spezialisiert sich auf besondere Software, Radioteleskope, Funksignale aus dem Kosmos. Vieles sei neu gewesen, aber so spannend, dass es ihn sieben Jahre dort hält. Ihn und seine deutsche Frau, die als Buchhalterin problemlos einen Job findet. 2007 kommt sein Sohn zur Welt und er absolviert seinen PhD am Department of Communications Systems. Eigentlich hätte es so weitergehen können, "wenn nicht der englische Staat die Forschungsgelder so drastisch gekürzt hätte", so Grill.

Alles easy - aber professionell

Seine Jobsuche dauert nicht lange. Ein amerikanisches Angebot ist wie auf ihn zugeschnitten. Das sieht SRI International, ein Forschungsunternehmen, das aus der Stanford University hervorgegangen ist, offenbar auch so. Für eine Woche reist die kleine Familie ins Silicon Valley, eine halbe Stunde von San Francisco entfernt. Zwei Tage Vorstellungsgespräche folgen. "Aber ganz anders als in Deutschland", sagt Grill. Die Gespräche sind locker, freundlich, nicht so steif, kein Anzugzwang. Alles easy, aber hochprofessionell. Grill lernt beide Abteilungen kennen, für die er arbeiten soll, spricht mit den künftigen Kollegen, abends geht man mit den Partnern essen. Der Schwabe startet 2008 als Postdoc, nach einem Jahr wird er Research Engineer. Es ist kein Mega-Gehaltssprung, aber SRI International ein guter Arbeitgeber und der Job ein Traum. "Genau das, was ich kann und mag", sagt Grill und erzählt von herausfordernden Forschungsaufträgen, abenteuerlichen Aufenthalten in Alaska und komplexen Systemen, die Solar- und Windkraft, Software und Satelliten verbinden. Privat ist es aber eher schwierig. Seine Frau erhält kein Arbeitsvisum und für die Kontakte zur Familie in Deutschland gibt es nur ein knappes Zeitfenster: "An der Westküste haben wir neun Stunden Zeitunterschied. Wenn wir anrufen konnten, war die Oma im Bett oder umgekehrt." Zudem ist das Leben im Silicon Valley nicht immer rosig. Es gibt eigentlich nur zwei Schichten: "Reiche mit oftmals sehr aufwändigem Lebensstil und Arme, die als moderne Sklavenarbeiter morgens zum Putzen, Gärtnern, Handwerken kommen und abends wieder verschwinden", sagt Grill.

"Happy wife - happy life"

Als ihre Tochter zur Welt kommt, fühlt sich die kleine Familie mit ihrem Two-Bed-Appartment für 1.900 Dollar im Monat inmitten ihres materialistisch anmutenden Umfelds nicht mehr wohl. Der Job ist zwar klasse, aber eben auch nicht alles. Mitte 2011 steht fest: Sie wollen heim. "Aber ich wusste ja wenig über den deutschen Arbeitsmarkt", sagt Grill. Hilfe bekommt er durch die German Scholars Organization (GSO). Projektmanager Daniel Wagner aus Berlin coacht ihn für Jobsuche, Bewerbungen, Gespräche. Seit März 2012 ist er zurück. Bei einem Automotive-Unternehmen arbeitet er als Embedded Software Architect, schreibt Software für Autosteuergeräte. So ganz hat sich der 36-Jährige noch nicht eingelebt. Er vermisst die Vielfalt seines alten Jobs. Denn noch muss er in zu vielen Bereichen arbeiten, die nicht sein Ding sind. Der Grund ist simpel: Es fehlen Fachkräfte und jeder muss alles machen. Privat ist er jetzt wieder da, wo er als Kind war. Eltern und Schwiegermutter wohnen um die Ecke. Seine Frau ist längst angekommen, bei Grill dauert es noch etwas. Aber er ist überzeugt: "Happy wife - happy life."

Good old Germany: Forscher zieht es heim Seit März 2011 ist der Wissenschaftler Martin Grill zurück in Deutschland

Neue Stelle mit Hilfe der GSO

Zurück nach Deutschland zieht es auch Claudia Janssen. Die 31-Jährige hat ebenfalls mit Hilfe der GSO eine Stelle gefunden. Ab 1. September 2012 wird sie Juniorprofessorin für Kommunikation und Medien an der Deutschen Universität für Weiterbildung in Berlin. Die gebürtige Friesin aus der Pils-Stadt Jever hat bereits eine beachtliche Karriere vorzuweisen: Nach ihrem Magister 2006 an der TU Braunschweig in den Fächern Soziologie, Medienwissenschaft und Neuere Geschichte erhält sie ein Fulbright Stipendium an der Brian Lamb School of Communication an der Purdue University. Sechs Jahre lang bleibt sie in West Lafayette im US-Staat Indiana. Nach dem Stipendium wird sie PhD-Studentin mit Schwerpunkt Public Affairs und Organisationsrhetorik. Janssen: "Ich untersuche unter anderem, wie Unternehmen über dunkle Kapitel aus ihrer Geschichte kommunizieren - beispielsweise VW mit seinen Zwangsarbeitern während der NS-Zeit." 2011 hat sie den PhD und eine lehrreiche Zeit hinter sich: "Das Promotionsprogramm an der Brian Lamb School ist eines der renommiertesten und anspruchsvollsten", sagt Janssen. Ihre Dissertation ist gerade abgeschlossen, da erhält sie einen Ruf als Assistant Professor an die Eastern Illinois University in Charleston. Eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern und 13.000 Studenten. Hier gibt sie zwei Kurse pro Semester, hat Zeit für ihre Forschung, genießt die flachen Hierarchien und den regen wissenschaftlichen Austausch. Regelmäßig pendelt sie zweieinhalb Stunden mit dem Auto nach West Lafayette. Dort lebt ihr amerikanischer Freund, Politikwissenschaftler an der Purdue University.

Good old Germany: Forscher zieht es heim© Melissa Moxley Claudia Janssen steht kurz vor der Rückkehr nach Deutschland

Tenure Track auch in Deutschland

Mit ihm gemeinsam geht sie in wenigen Wochen nach Berlin. Er hat ein Stipendium vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in der Tasche, sie den Vertrag als Juniorprofessorin. Warum zurück? "Ich stehe auf der Startrampe", erklärt sie ihre Überlegungen, "da fragt man sich: Wo möchte ich langfristig Wurzeln schlagen? In welchem System möchte ich alt werden? Wie kann ich näher bei der Familie sein?" Als ihr dann noch der GSO-Projektmanager Wagner rät, sich auch auf Juniorprofessuren in Deutschland zu bewerben, wird der Wunsch nach Rückkehr größer. Und dann geht es richtig schnell: Im April reist sie zum Hearing nach Berlin, eine Woche später erhält sie den Ruf, per Telefon wird weiter verhandelt und im Mai der Vertrag unterschrieben. Es ist eine Tenure-Track-Professur, zunächst auf drei Jahre befristet. Danach erfolgt eine Zwischenevaluation. Weitere drei Jahre später steht die abschließende Evaluation an - mit der Option auf eine unbefristete Professur. Janssen freut sich auf ihre neue Stelle, auf Berlin, auf ihre Heimat. Und Deutschland auf zwei Rückkehrer.


academics.de :: Juni 2012

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