Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Google und Goethe

VON CARMEN PFÖRTNER

Germanisten öffnen sich anderen Disziplinen - das Centrum für Hochschulentwicklung hat das Fach neu bewertet.

Google und Goethe© rendermax - Fotolia.comComputerlinguistik, Rechtslinguistik, Kognitive Linguistik und die Literarische Anthropologie zählen zu den neuen Disziplinen der Germanistik
Wenn Julian Hitschler im Internet nach einer Person sucht, gibt er, wie Millionen andere Menschen auch, den Namen in eine Suchmaschine ein - und ärgert sich dann, dass er Tausende von Treffern bekommt, mit denen er nichts anfangen kann. »Mit der Zunahme an Informationen wird es immer schwieriger, die relevanten zu finden«, sagt der 22-jährige Student. Besser wäre es, wenn Google den Sinn einer Suche verstehen würde, »wenn die Suchmaschine den inhaltlichen Unterschied zwischen wohnen, arbeiten oder geboren sein erkennen könnte«. Und genau das versucht er zu programmieren.

Hitschler studiert im vierten Semester an der Uni Heidelberg das Fach Computerlinguistik - eine Kombination aus Sprachwissenschaft und Informatik. Eine noch junge Disziplin, die aber mittlerweile viele moderne Entwicklungen angestoßen hat: die Spracherkennung bei Mobiltelefonen etwa, die Optimierung von Suchmaschinen oder auch die automatisierte Übersetzung von Texten.

Für Julian Hitschler ist es die perfekte Kombination: »Ich war nach der Schule eher interessiert an einer Geisteswissenschaft, weniger an Technik. Aber dann habe ich mir mit einem Kumpel das Programmieren beigebracht. Und das hat mir sofort gefallen.« Jetzt kann er beides verbinden: die Technik und die Sprache. Eine Websuche lässt sich schwer ohne das Wissen über Semantik, Syntax oder Morphologie verbessern. Hitschler sagt, ihn reize die Anwendung des Wissens in der Praxis.

Bis vor wenigen Jahren noch hätte kaum jemand die Germanistik im Zusammenhang mit Praxisbezug erwähnt. Abgesehen von denjenigen, die das Fach studieren, um Lehrer zu werden, ergab sich für die andere Hälfte der Studenten aus der Lektüre mittelhochdeutscher Liebeslyrik nicht zwangsläufig eine berufliche Perspektive. Doch wie kaum eine andere Geisteswissenschaft hat sich die Germanistik für andere Disziplinen geöffnet. In den vergangenen Jahren haben sich überall dort, wo sich Themen überschneiden, neue Studiengänge entwickelt, an denen die Germanistik beteiligt ist. Die Computerlinguistik zählt dazu, die Rechtslinguistik, die Kognitive Linguistik oder die Literarische Anthropologie.

Google und Goethe
In der Computerphilologie etwa lernt man, Texte digital zu erfassen und im Internet zu publizieren. In der Kognitiven Linguistik werden Sprachstörungen von Kindern untersucht. »Die Gesellschaft fördert auf Dauer jene Disziplinen, die ihr bei der Lösung von Problemen helfen. Die anderen werden irgendwann als überflüssig wahrgenommen«, sagt Michael Becker-Mrotzek, Professor am Institut für Sprache und Literatur an der Universität Köln.

Noch ist die Germanistik allerdings eines der beliebtesten Studienfächer in Deutschland. Nur die Studiengänge Betriebswirtschaftslehre, Jura und Medizin ziehen mehr Studenten an. Im Wintersemester 2011/12 waren insgesamt 81.322 Studenten in der Germanistik eingeschrieben, fast 80 Prozent von ihnen sind Frauen. Sie beschäftigen sich schon lange nicht mehr nur mit Werthers Leiden. Die Computerlinguistik ist ein Beispiel für die zunehmende Spezialisierung und interdisziplinäre Ausrichtung. »Mit einer engen Ausbildung im germanistischen Kernbereich sind auch die Berufsmöglichkeiten eng«, sagt Michael Becker-Mrotzek. Ein Anwendungsbezug auf reale gesellschaftliche Probleme schaffe dagegen für Studierende ein konkretes berufliches Ziel vor Augen und motiviere sie. »In der Wirtschaft gibt es erheblichen Bedarf an spezialisierten Berufsfeldern«, sagt er.

Nicht alle Germanisten befürworten die Öffnung ihrer Disziplin: Traditionalisten befürchten, dass die Kernkompetenzen und das Grundwissen der Germanistik vernachlässigt werden. Sie warnen vor einer Beliebigkeit der Studieninhalte und einer Selbstgefährdung des Faches. »Ohne solides Wissen kann man auch keine gesellschaftlichen Probleme lösen«, sagt Patrick Voßkamp, Sprecher der Gesellschaft für Angewandte Linguistik. Becker-Mrotzek hält dagegen, dass Studierende interdisziplinäre Zusatzbereiche belegen können, ohne dabei den Kernbereich der Germanistik aufgeben zu müssen.

Ob Julian Hitschler nach dem Bachelorabschluss in die Wirtschaft geht, weiß er noch nicht. »Vielleicht bleibe ich auch in der Wissenschaft. Das Fach ist so jung, es gibt andauernd neue Ideen und Entwicklungen. Da wird noch viel Spannendes passieren.«

Aus DIE ZEIT :: 23.05.2013

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote