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Grenzen klug überschreiten - Der DAAD verbindet Wissenschaft und Außenpolitik

von MARGRET WINTERMANTEL

Flüchtlingsdrama, Wirtschaftskrise und geopolitische Verwerfungen fordern auch den akademischen Austausch. Wie der DAAD Globalisierung gestaltet.

Grenzen klug überschreiten - Der DAAD verbindet Wissenschaft und Außenpolitik© Gortincoiel - photocase.deDer DAAD steht für internationalen Austausch und Zusammenarbeit - auch in Krisenzeiten
Wenn offizielle diplomatische Kanäle zu versiegen drohen, wenn sich Regierungen aus politischen Gründen nicht mehr viel zu sagen haben, kommt dem wissenschaftlichen Austausch als einer Form der Diplomatie ganz besondere Verantwortung zu. Er ist ein Band, an dem sich der Dialog zwischen Nationen festhalten kann. Auch dort, wo man es nicht unbedingt erwartet, ermöglicht er die Kommunikation zwischen Zivilgesellschaften. Selbst mit einem Land wie Nordkorea, wo der Austausch mit kleinen Schritten beginnt.

So hat der DAAD vergangenes Jahr für eine kleine Gruppe nordkoreanischer Germanistikstudenten und ihren Dozenten eine Studienreise nach Deutschland organisiert. Es war das erste Mal, dass eine Gruppe junger Studierender ihr Heimatland verlassen durfte, und es war ein langer Weg, bis dies möglich war.

Der DAAD engagiert sich in Nordkorea seit mehr als einem Jahrzehnt. Schon in der jungen Bundesrepublik hat der akademische Austausch äußerst positive Wirkungen gezeigt. 1952 wurde die DAAD-Außenstelle in London wiedereröffnet, noch bevor Deutschland und das Vereinigte Königreich offiziell diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten. 1960 hieß der DAAD die ersten Stipendiaten aus der UdSSR willkommen und vermittelte 1986 die ersten westdeutschen Lektoren an sowjetische Hochschulen. Bei der deutschen Wiedervereinigung öffnete der DAAD seine Programme für die Hochschulen der DDR, erweiterte seine Auswahlkommissionen durch ostdeutsche Professoren und übernahm die akademischen Austauschprogramme der DDR.

2013 haben wir zwei neue Informationszentren gegründet: in Kasan und in Tel Aviv. Im September 2014 wurde unser Informationszentrum in Teheran wiedereröffnet. Die Vermittlung unseres Wissens für den internationalen Austausch ist ein neues Handlungsfeld, das wir - neben Stipendien und internationalen Hochschulprojekten - in der DAAD-Strategie 2020 definiert haben. Den deutschen Hochschulen, unseren Geldgebern und Partnern im Ausland werden wir diese Expertise zukünftig noch verstärkt in Form von spezifischen Studien, Evaluationen, Analysen ausländischer Bildungssysteme und der Herausgabe internationaler Mobilitätsstatistiken zur Verfügung stellen. Häufig wenden sich deutsche Hochschulen direkt an unsere Außenstellen, wenn sie etwa wissen wollen, mit welcher Universität in einem Land sie am besten kooperieren können, oder Kontakte zu Professorinnen und Professoren in ihrem Fachbereich benötigen. Zur Kooperationsanbahnung organisieren wir für deutsche und ausländische Hochschulvertreter Delegationsreisen und Fact Finding Missions, um sie mit Partnern in Kontakt zu bringen. Seit 1925 besteht das Fundament des DAAD darin, mit seinen Mitteln die Werte der Wissenschaft in die Gesellschaft zu tragen und Persönlichkeiten zu fördern, die Verantwortung übernehmen und zur positiven Entwicklung beitragen. Erst durch persönliche Verbindungen entsteht eine fruchtbare Dynamik.

Dabei wirkt sich der Aufenthalt in einer zunächst fremden Wissenschaftskultur und einem anderen sozialen Kontext nicht nur positiv auf die Entwicklung von Fachkompetenzen, sondern ebenso förderlich auf die Persönlichkeitsentwicklung aus. Das ist wissenschaftlich bestätigt: Studierende, die im Rahmen ihres Studiums eine Zeit im Ausland verbringen, werden durch diesen Aufenthalt im Vergleich zu ihren Kommilitonen offener für Erfahrungen und Ideen, sind toleranter und emotional gefestigter. Eigenschaften, die für ihren weiteren Lebensweg und die Übernahme von Verantwortung - sei es in der Wissenschaft, der Wirtschaft oder an anderen Stellen in der Gesellschaft - von entscheidender Bedeutung sind.

Die Kernaufgabe des DAAD hat sich seit fast einem Jahrhundert nicht verändert. Was sich erweitert hat, sind die Mittel und Werkzeuge, mit denen wir diese Aufgabe erfüllen. Gegründet wurde der DAAD als reine Stipendienorganisation. Heute spielen Instrumente der passgenauen und intelligenten Vernetzung eine zunehmend wichtige Rolle. Hier unterstützen wir die deutschen Universitäten und Hochschulen dabei, international erfolgversprechende Kooperationen aufzubauen. Das gemeinsame Arbeiten, Lernen und Forschen fördert dabei das gegenseitige Verständnis, und verbessert und beschleunigt den gemeinsamen Erkenntnisprozess. Das Spektrum der internationalen Hochschulkooperationen reicht von gemeinsamen Studiengängen, die dann zu einem doppelten Abschluss in Deutschland und im Ausland führen, bis hin zur Gründung einer deutschen Universität. Diese Ausgründungen orientieren sich an Hochschul- und Bildungsmodellen, die in Deutschland erfolgreich sind.

Zu den beiden Zielen, der internationalen Bildung und Qualifizierung des Individuums auf der einen Seite und dem außenpolitischen Interesse, einen relevanten Beitrag zur Völkerverständigung und zum Frieden zu leisten auf der anderen, ist in den vergangenen Jahrzehnten noch ein drittes wichtiges Ziel hinzugekommen: die Behauptung der Wissenschaft im internationalen Wettbewerb in einer Gesellschaft, die unter einem andauernden Innovationsdruck steht. Ursächlich hierfür ist die Globalisierung, die in allen Teilen des gesellschaftlichen Lebens zu einem Umdenken und zu enormen Wandlungsprozessen geführt hat. Die Universitäten und Hochschulen sind von diesem Prozess stärker betroffen und gefordert als viele andere Institutionen, denn sie verbinden Forschung, Bildung und Innovation. Damit sind sie Grundlage von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Wohlstand.

Die Förderprogramme und das weltweite Netzwerk des DAAD erfüllen hier eine wichtige Aufgabe: Sie ermöglichen, besonders vielversprechende Nachwuchskräfte zu finden und mit optimal zugeschnittenen Programmen für Forschungsaufenthalte in Deutschland zu gewinnen. So kann eine langfristige Bindung an das deutsche Wissenschaftssystem sichergestellt werden. Deutschen Studierenden sowie Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern wird auf der anderen Seite durch Stipendien ermöglicht, eine Zeit im Ausland zu studieren und zu forschen und Kontakte in andere Wissenschaftssysteme zu knüpfen.

Durch Programme wie die "Strategischen Partnerschaften und Thematischen Netzwerke" unterstützt der DAAD die Hochschulen in der Entwicklung und Umsetzung ihrer Strategien, mit denen sie auf dem internationalen Parkett noch zielsicherer und erfolgreicher arbeiten können. Für die weiteren Jahre ist es das entscheidende Erfolgskriterium für den DAAD, weiterhin die richtigen Wege zu erkennen, um talentierte Menschen zu fördern, Wissenschaftsstandorte zu stärken, Kooperation zu ermöglichen und effektiv auf Krisensituationen weltweit zu reagieren.


Über den Autor
Professor Margret Wintermantel ist Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Aus Forschung & Lehre :: Februar 2016

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