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Große Geister fallen nicht vom Himmel

VON ANDREAS SENTKER

Sieben Zutaten sind nötig, um Weltveränderer zu werden.

Große Geister fallen nicht vom Himmel© hougaard malan - iStockphoto.comWas ist das, ein Genie?
Nur selten merkt die Menschheit sofort, wie sehr ein einzelner Mensch sie geprägt hat. So wie beim Tod von Steve Jobs. Da trauerten sie von Tübingen bis Toronto, und wenn es gilt, den Toten zu würdigen, ist schnell die Erklärung zur Hand: Er war ein Genie. Aber was ist das, ein Genie?

Der Streit tobt seit Jahrhunderten. Ist es Natur oder Kultur, göttlicher Funke oder menschliche Größe? Platon und Goethe glaubten an angeborene Gottesgaben, Seneca und Nietzsche an - manchmal tragische - menschliche Größe. Wenn wir bei Genie zuallererst an Galilei oder da Vinci, an Newton, Einstein oder Marie Curie denken, dann mag das zeigen, wie die Bewunderung die Zeiten überdauert. Klüger macht uns der Genie-Kult um die längst Verstorbenen indes nicht. Für die heutige Wissenschaft, für Hirnforscher und Psychologen, Historiker und Soziologen ist das geborene Genie nur noch romantische Verklärung. Ihre Studien zeigen: Menschen, die wir als genial betrachten, haben manches mitgebracht, als sie zur Welt kamen. Intelligenz etwa, oder Temperament. Vieles andere mussten sie sich erkämpfen. Die Analyse gibt Aufschluss darüber, welche Faktoren Menschen zu Genies werden ließen. Bildung, Kreativität, Inspiration, Intuition, Unabhängigkeit, Beharrlichkeit und Glück sind sieben wesentliche Zutaten für jene, die sich anschicken, die Welt zu verändern - und sie sind allesamt eher irdischer Natur.

Bildung: Der Erfinder Thomas Alva Edison ist das siebte Kind von Samuel Ogden Edison. Der Vater lebt von häufig wechselnden Jobs, Thomas besucht nur wenige Monate lang eine Schule. Aber er wächst - von der Mutter unterrichtet - in einem intellektuell inspirierenden Elternhaus auf. Auch der Jahrhunderttüftler Robert Bosch stammt aus einer großen Familie. Er wird als elftes von zwölf Kindern eines Gastwirts geboren. Sein Vater legt großen Wert auf die Ausbildung der Kinder. So kommt es, dass einer der einflussreichsten Techniker Deutschlands die Realschule und eine Lehre absolviert, jedoch kein Studium. Offenbar kommt es auf kluge Neugierde an, nicht auf akademische Titel.

Kreativität: Schon Platon diagnostizierte eine Art »göttliche Verrücktheit«, auch Seneca ahnte: Es gibt kein Genie ohne eine Beimischung von Wahnsinn. Heute bestätigen Wissenschaftler, dass die Gehirne kreativer Menschen anders ticken als die anderer, offener, assoziativer. Manche zahlen für ihre Begabung das, was der amerikanische Psychiater Arnold M. Ludwig den »Preis der Größe« nennt. So finden sich Psychosen und Neurosen bei Künstlern und Schriftstellern weitaus häufiger als in der Durchschnittsbevölkerung. Der große Mathematiker John Nash wird beispielsweise schizophren. Sein Kollege Richard Borcherds, ausgezeichnet mit der Fields-Medaille und damit so etwas wie ein Mathematiknobelpreisträger, leidet am Aspergersyndrom. Im Gehirn von Genies herrscht nachweislich mehr Chaos als anderswo, oft ist es produktiv, manchmal zerstörerisch.

Inspiration: Die wenigsten großen Erfindungen kommen aus dem Nichts. Sie bauen auf den Ideen anderer auf, so als würden sie »auf den Schultern von Giganten stehen« (wie Bernhard von Chartres es im 12. Jahrhundert schrieb und später der berühmte Isaac Newton sagte). Oft sind es kleine Schritte, die sich dann aber als entscheidend herausstellen: Alfred Krupp entwickelt einen nahtlosen Radreifen für Eisenbahnen. Werner von Siemens treibt mit seinen Telegrafen die Kommunikationstechnik voran. Schon vor Krupp gab es Radreifen und vor Siemens den Telegrafen. Aber sie hatten mit dem richtigen Vorwissen jene Ideen, die der Technik zum Erfolg im Alltag verhalfen.

Intuition: Viele erfolgreiche Neuerer berufen sich auf ihr Bauchgefühl. Selbst der strenge Wissenschaftsphilosoph Karl Popper vermutete hinter großen Entdeckungen eine Art »schöpferische Intuition«, ein »irrationales Moment«. Was Psychologen und Hirnforscher heute aufdecken, bestätigt seinen Verdacht: Der Mensch weiß viel mehr, als er denkt. Die Informationen sind in seinem Gehirn gespeichert, aber dem Bewusstsein nicht zugänglich. Wer sie freilegen kann, vermag scheinbar Wunderbares zu vollbringen. »Genie ist nicht das Unerreichbare, das Göttliche«, sagt die Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Julia Kristeva, »es ist vielmehr die Fähigkeit, sich selbst zu überschreiten.«

Unabhängigkeit: Es klingt nicht unbedingt charmant. Als »dominant, arrogant, feindselig und von sich selbst überzeugt« charakterisiert der amerikanische Psychologe Gregory Feist den typischen Querdenker. »Sie wussten schon als Kinder, dass Lehrer sich irren können«, staunt die Psychologin Carlan Nemeth, die drei Jahre lang Nobelpreisträger für Physik und Chemie beobachtete und interviewte. Poetischer hat der Dramatiker George Bernard Shaw die Voraussetzung für einen wirklich freien Geist auf den Punkt gebracht: »Am Beginn jeder großen Wahrheit steht immer eine Gotteslästerung.« Und den Mut muss man erst einmal haben.

Beharrlichkeit: Das Geheimnis hinter dem Können vieler Wunderkinder und dem Wissen so manches Experten? Die Botschaft wird heranwachsenden Möchtegern- Genies nicht gefallen: üben, üben, üben. Der Autor Malcolm Gladwell hat für sein Buch Überflieger Biografien großer Unternehmer und Erfinder auf die Geheimnisse ihres Erfolgs abgeklopft. Eine seiner Schlussfolgerungen war die »10 000-Stunden-Regel«. Denn so lange müsse man etwas lernen, proben, tun, um zum Experten zu werden. »Genie ist nur ein Prozent Inspiration, 99 Prozent Transpiration«, wird Erfinder Edison zitiert - ein wenig Eingebung, viel Schweiß.

Glück: Zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, das ist nicht nur für Genies eine entscheidende biografische Zutat - gilt für sie aber besonders. »Die historische Situation muss den Perspektivwechsel zulassen«, sagt der Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn. »Hätte Einstein seine Relativitätstheorie 50 Jahre früher aufgestellt, er wäre im Irrenhaus gelandet.« Renn unterscheidet deshalb zwischen den viel zu Frühen, den Visionären und den Ruhmreichen. Nur wer in die dritte Kategorie fällt, für dessen Querdenken ist die Welt auch reif. Eric Schmidt (Google), Bill Gates (Microsoft) und Steve Jobs (Apple) kamen alle im Jahr 1955 auf die Welt. Sie waren genau im richtigen Alter, als im Januar 1975 mit dem Altair 8800 der erste bezahlbare Microcomputer auf den Markt kam. 397 Dollar kostete der Bausatz. Die drei waren, wie Malcolm Gladwell schreibt, »alt genug, um Teil der bevorstehenden Revolution zu werden, aber nicht zu alt, um sie zu verpassen«.

So können die Recherchen der Biografen, die Erkenntnisse der Hirnforscher und die Daten der Soziologen Stück für Stück erklären, wie jemand zum Genie werden konnte. Für Vorhersagen, gar für eine geplante Produktion von Genies haben sie sich jedoch bislang als untauglich erwiesen. Schon gar nicht können sie die Faszination des Genialen profanisieren.

Denn Wissen und Fleiß, Eigensinn und Fantasie, sie reichen nicht aus, um die sozialen Innovationen eines Robert Bosch zu erklären (»Lieber Geld verlieren als Vertrauen«) oder die weltweite Trauer um Steve Jobs. Ihr Charisma erschöpft sich nicht darin, besser als andere gewesen zu sein. Mag sich das Puzzle ihres Lebens auch rekonstruieren lassen, so bleibt dennoch eine letzte, rätselhafte Lücke. Wir lieben an Genies, dass sie menschlich und übermenschlich zugleich erscheinen. Diese Zuneigung ist Teil ihres Erfolgs. Und wenn sie schon nicht göttlich inspiriert sind, so wenigstens zum Trost ein kleiner Gott-Ersatz. Wie wurde Steve Jobs genannt? Der iGod!

Aus DIE ZEIT :: 13.10.2011

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