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Gründlich schiefgelaufen

VON JAN-MARTIN WIARDA

Das zentrale System für die Vergabe von Studienplätzen hat versagt - ausgerechnet im Jahr des größten Studentenansturms.

Gründlich schiefgelaufen© leicagirl - Photocase.com
Der politische Schaden ist gewaltig. 15 Millionen Euro hatte die Bundesregierung spendiert, um das Einschreibechaos an den deutschen Hochschulen zu beenden: Während einerseits Tausende von Studieninteressierten jährlich vergeblich auf einen Studienplatz warteten, blieben andererseits regelmäßig Tausende von Studienplätzen unbesetzt. Eine innovative Onlineplattform sollte das ändern, seit Anfang 2010 tüftelten die Experten an der Software (siehe hier»). Gebetsmühlenartig wiederholten Wissenschaftsminister und Hochschulrektoren, deren zum Wintersemester geplante Einführung dürfe gerade im Jahr der Rekordstudienanfängerzahlen, nicht scheitern - und darum werde sie nicht scheitern.

Sie ist gescheitert. Seit vergangener Woche ist klar, dass die neue Plattform mit mindestens einem Jahr Verspätung an den Start gehen wird; einige Fachleute halten selbst das für unrealistisch. Jetzt fragen viele: Wie konnte das passieren? Und vor allem: Wer trägt die Verantwortung? Unter den Beteiligten hat längst ein Schwarzer-Peter-Spiel eingesetzt. Keiner will allein schuld sein an der Misere, die den schon jetzt arg verunsicherten Abiturjahrgang 2011 in noch größere Zukunftsängste stürzt. Um die Geschichte der größten anzunehmenden Verwaltungspleite der jüngeren Hochschulgeschichte zu verstehen, muss man zunächst das Beziehungsgeflecht der unterschiedlichen Verantwortlichkeiten durchschauen. So kompliziert wie es ist, drängt sich der Eindruck auf, es sei nicht nur ein wesentlicher Grund für das Scheitern, sondern biete auch gleich jede Menge gute Ausreden für die Beteiligten.

Wer trägt die Schuld am Scheitern der Internetplattform?

Der Reihe nach. Der Bund hat zwar das Geld gegeben, der Auftrag für die Software wurde jedoch von der Stiftung für Hochschulzulassung erteilt und überwacht, der Nachfolgeorganisation der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS), die einst sämtliche N.-c.-Studienplätze zentral verteilt hatte. Den Stiftungsrat, das oberste Aufsichtsgremium, teilten Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und die Wissenschaftsministerien der Länder streng paritätisch unter sich auf. Nachdem das Fraunhofer-Institut für Rechnerarchitektur und Softwaretechnik in einem »Lastenheft« die nötigen Funktionen der Software beschrieben hatte, vergab der Rat den Auftrag zur Ausführung an die Telekom-Tochter T-Systems. Sie sollte die eigentliche Software entwickeln. Allerdings: Die zentrale Onlineplattform braucht natürlich den Datenabgleich mit der EDV jeder einzelnen beteiligten Hochschule. Damit die dort vorhandene Zulassungssoftware mit der Plattform kommunizieren kann, wurde die HIS GmbH mit ins Boot geholt. Das Hochschul-Informations-System in Hannover, das von Bund und Ländern getragen wird, gilt als eines der angesehensten Institute für Hochschulforschung; über seine IT-Sparte beliefert es jedoch auch rund 250 Hochschulen mit Campusmanagementsoftware.

So weit - stark vereinfacht - das Beziehungsgeflecht der beteiligten Institutionen. Doch wer ist nun schuld? Die erste Antwort mag angesichts des Toll-Collect-Desasters vor einigen Jahren überraschen: T-Systems ist es nicht. Zwar funktioniert die erstellte Software noch nicht fehlerfrei, doch nach Meinung aller Experten wog keiner der festgestellten Fehler bislang so schwer, dass er nicht zu beheben gewesen wäre. Dafür spricht auch, dass die T-Systems-Software, die sich gegenwärtig im Probebetrieb befindet, bei der Minderheit derjenigen Hochschulen ziemlich rund zu laufen scheint, die für ihre Verwaltungssoftware nicht auf HIS-Produkte zurückgreifen. Das Problem, das technische zumindest, verortet der Stiftungsrat daher bei den Hannoveranern. »Die Stiftung wird ihre Hausaufgaben machen. Voraussetzung für einen erfolgreichen Start wird aber sein, dass die HIS GmbH das auch tut«, sagt der Stiftungsratsvorsitzende Micha Teuscher, der zugleich Rektor der Hochschule Neubrandenburg ist. Sind die Schuldigen also schon gefunden? Oder ist es eher so, dass hier ein allen übrigen Beteiligten genehmer Sündenbock bestimmt wurde? HIS-Chef Martin Leitner lehnt jede Stellungnahme ab - so auch zu dem von den Hochschulen und Landesregierungen erhobenen Vorwurf, das HIS, das als Einziger alle Tücken seiner Hochschulsoftware kennen konnte, habe nicht früh genug vor den Problemen gewarnt, die sich bei deren Anbindung an das neue System der Web-Plattform ergaben.

Die Hochschulen waren skeptisch und fühlen sich nun bestätigt

War das HIS, dessen Forschung als beispielhaft gilt, vielleicht doch etwas zu überzeugt von der eigenen Kompetenz? Bis vergangene Woche zumindest hatte der Stiftungsrat keinen Einblick in die HIS-Software, und der Stiftungsrat ließ das HIS gewähren, im Gegensatz zu T-Systems übrigens, die ständig Detailinformationen preisgeben mussten. Josef Lange, Staatssekretär im Niedersächsischen Wissenschaftsministerium und stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates, sagt: »Als ich vor wenigen Wochen zum ersten Mal hörte, dass die Anbindung an die jeweils vorhandene Software der Hochschulen bedeutet, dass für viele Hochschulen die Schnittstelle individuell angepasst werden muss, dachte ich: Wenn das mal gut geht.« Doch Lange dachte auch wie viele im Stiftungsrat: Wenn einer Probleme vorhersehen kann, dann das HIS mit dem Informatiker Leitner an der Spitze.

Man kann sogar mutmaßen, dass die Auftragsvergabe an ein hochschulfremdes Unternehmen wie T-Systems nur denkbar wurde, weil die Experten des HIS als Berater mit von der Partie waren. Lange räumt ein: »Als Ländervertreter im Stiftungsrat müssen wir uns den Vorwurf machen, nicht genug nachgefragt zu haben.« Womöglich verhielt sich das HIS insofern exakt, wie es von ihm erwartet wurde: Nur keine Bedenken äußern, wo ein Misserfolg schon politisch undenkbar war. So stellt sich auch die Frage nach einem Aufsichtsversagen. In der Stiftung für Hochschulzulassung jedenfalls ist trotz des neuen Namens ziemlich viel alte, träge ZVS übrig: Der Beamtenapparat ist derselbe, der Behördenchef ebenfalls. Offenbar darum hatte der entnervte Stiftungsrat, der ja eigentlich nur Aufsicht führt, die Detailsteuerung mehr und mehr an sich gezogen. Jetzt gerät er selbst unter Druck. So fällt es schwer, den Satz des ehrenamtlichen Stiftungsratsvorsitzenden Teuscher, auch die Stiftung werde ihre Hausaufgaben machen, nicht als harsche Ansage an die Exbehörde zu verstehen. Und was ist mit den Hochschulen? Vor einigen Monaten noch sah es so aus, als seien sie die Bremser, weil einige Rektoren zwischenzeitlich ihre Teilnahme an der Plattform infrage gestellt und dafür von ihrer Dachorganisation, der HRK, Prügel bezogen hatten. Im Nachhinein fühlen sie sich bestätigt.

Was Josef Lange nicht so ganz verstehen kann: »Wären die Hochschulen entschiedener für das neue System eingetreten, wären die HIS-Leute als Softwarelieferanten unter einen größeren Erfolgsdruck geraten.« HRK-Präsidentin Margret Wintermantel hält dagegen: »Wie hätte das denn gehen sollen? Die Software ist erst vor ein paar Wochen für erste Tests in den Hochschulen eingetroffen.« Und tatsächlich: Vor allem dank der vielen Rektoren, die sich nach Beginn der Testläufe entgeistert der Einführung verweigerten, ist der Beschluss der Stiftung, sie ganz auszusetzen, so rasch zustande gekommen. Bleibt die Rolle der Geldgeberin, Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU). Bislang hatte sie sich verabredungsgemäß zurückgehalten, die Auftragsabwicklung den Hochschulen und Ländern überlassen. Mittlerweile hält sie das offenbar für einen Fehler, sie will jetzt die Zügel in die Hand nehmen. Zu spät, kritisiert die Opposition. Fest steht: Auf HIS GmbH und Stiftung kommen unangenehme Zeiten zu.

Aus DIE ZEIT :: 20.04.2011

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