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Gute Frage, nächste Frage

VON LISA SRIKIOW

Studenten werden immer häufiger gebeten, Studium und Professoren zu bewerten - eine gute Gelegenheit, Forderungen zu stellen.

Gute Frage, nächste Frage© kallejipp - Photocase.comWie zufrieden sind deutsche Studenten?
Als die streikenden Studenten vergangenen Herbst das Potsdamer Audimax besetzten, zog Uni-Präsidentin Sabine Kunst zwei Konsequenzen. Erstens: Sie ließ zum Ärger der Protestierer ein Zelt aufstellen, in das die Vorlesungen verlagert wurden. Zweitens: Sie gab eine Umfrage unter ihren Studenten in Auftrag, die es in ihrer Breite und in ihrem Anspruch so an einer einzelnen deutschen Hochschule noch nicht gegeben hat. »Wir wollten auch die Studenten zu Wort kommen lassen, die sich nicht an den Streiks beteiligt hatten - nicht nur die 100, die das Audimax besetzt hielten«, sagt Philipp Pohlenz, der im Frühjahr mit der Durchführung der Befragung betraut wurde - in Zusammenarbeit mit dem angesehenen Hannoveraner Forschungsinstitut Hochschul-Informations-System (HIS).

Auch anderswo interessieren sich die Hochschulen dafür, wie zufrieden ihre Studenten eigentlich sind. Noch kommen dabei meist die traditionellen Fragebögen zum Einsatz, die im Anschluss von den Fachschaften ausgewertet werden. Professionellere Methoden sind jedoch zunehmend gefragt: Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) bewerten die Studenten per Ampelprinzip jede einzelne Lehrveranstaltung. Grün steht für eine gute Resonanz. Bei gelber oder roter Bewertung halten die Studenten nicht allzu viel von der Veranstaltung. Aus den Antworten wird anschließend ein neuartiger Lehrqualitätsindex ermittelt - der LQI. Mit diesem Wert sollen die Daten auch über längere Zeiträume vergleichbar bleiben.

In Potsdam schrieben die Hochschulmitarbeiter ihre 20 000 Studenten per E-Mail an und baten sie, bei der Umfrage mitzumachen. Ein Link pro Student führte zum Onlinefragebogen, damit keine Mehrfachbeteiligungen möglich waren. Ein Drittel aller Studenten klickte sich bis zum Ende durch, sodass ein beträchtlicher Datensatz zustande kam. All das bedeutet einiges an Arbeit für die Mitarbeiter. Was aber versprechen sich die Universitäten von den Bewertungen ihrer Studenten? Man habe in Potsdam nach den Studentenprotesten die Diskussion versachlichen wollen, sagt Philipp Pohlenz. »Damals waren die Fronten zu verhärtet, um direkt ins Gespräch zu kommen.« Am KIT ist Michael Craanen für Qualitätssicherung zuständig und davon überzeugt, dass das LQI-Konzept direkte Veränderungen bewirkt. »Ich war oft unzufrieden, dass Umfragen häufig keine Konsequenzen hatten. Es brauchte ein systematisches Konzept.«
Aber wie lässt sich die Qualität einer Hochschule, ihrer Lehre überhaupt beurteilen? Ist das alles am Ende nur eine PR-Kampagne der Universitäten, um zu demonstrieren, wie sehr sie sich um die Lehre und die Studenten bemühen? Ziel der Umfragen sei es nicht, etwas über die Lehrqualität zu erfahren, sagen Pohlenz und Craanen. »Wir wollen die Studienverläufe untersuchen und schauen, wie die Studenten die Uni erleben. Was ist deren Bildungshintergrund, wie entwickelt sich deren Bildungskarriere, wovon hängt Bildungserfolg ab«, sagt Philipp Pohlenz. Es sei immer wichtiger, den eigenen Studenten zu kennen. Michael Craanen sagt: »Die Fakultäten müssen sich mit der Unzufriedenheit der Studenten auseinandersetzen. Es werden nicht nur die Lehrenden beurteilt, wir untersuchen auch die Lernbedürfnisse der Studenten.«

Die Studie der Universität Potsdam hat in ganz Brandenburg Wellen geschlagen. Das Wissenschaftsministerium habe daraufhin allen Hochschulen im Land vorgeschlagen, ihre Studenten zu befragen, sagt Pohlenz. Das Projekt läuft gerade, danach sollen die Ergebnisse im brandenburgischen Vergleich ausgewertet werden. Auch Michael Craanen bekommt viel Aufmerksamkeit. »In Heidelberg und Gießen gibt es schon erste Arbeitsgruppen, und auch 15 weitere Universitäten interessieren sich für dieses Konzept«, sagt Craanen. Dass die Hochschulen ihre Studenten neuerdings so zuvorkommend nach ihrer Meinung fragen, hat weniger mit Menschenfreundlichkeit als mit dem härter werdenden Konkurrenzkampf um die nächste Generation der Studienanfänger zu tun. Wenn sie mehr über ihre Studenten wissen, können die Hochschulen die Bedürfnisse besser befriedigen und ihre Beliebtheit steigern, so ihr Kalkül. Florian Pranghe vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften hält Umfragen daher zwar generell für nützlich, stellt aber eine Bedingung. »Die Ergebnisse müssen veröffentlicht werden, sonst bringen solche Evaluationen nichts.« Damit die Prozesse an Universitäten nachvollziehbar bleiben, ist ein offener Umgang mit den - ohnehin anonymen - Antworten wichtig.

Am KIT diskutieren die Studenten die Ergebnisse der Veranstaltung, an der sie teilgenommen haben. Was weiter mit den Antworten passiert, entscheidet der betroffene Dozent. »Die meisten Lehrenden stimmen der Veröffentlichung in einem Fachschaftsmagazin zu«, sagt Michael Craanen. Die Universität Potsdam hat die Ergebnisse ihrer Umfrage im Internet veröffentlicht und so ihren Studenten zugänglich gemacht. Gerade wegen der angespannten Lage nach den Studentenprotesten sei Transparenz wichtig, sagt Pohlenz. Um nicht den Verdacht zu wecken, man schreibe ein Gefälligkeitsgutachten für die Hochschulleitung, habe man mit dem Hochschul-Informations-System zusammengearbeitet. Die Fakultäten sind aufgefordert, die gewünschten Verbesserungen direkt umzusetzen. Und dann liegt es wiederum an den Studenten, zu überprüfen, ob das auch geschieht. Und wenn nicht: Die nächste Meinungsumfrage kommt bestimmt.

Aus DIE ZEIT :: 18.11.2010

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