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Haben, Lieben, Sein - Was ist dem Glück förderlich?

von Jan Delhey

Glück bzw. Lebenszufriedenheit ist nicht nur eine Sache jedes Einzelnen, sondern eingebettet in gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Wie sollten die gestaltet sein, damit Menschen möglichst "glücklich" sind bzw. die Chance auf eine hohe Lebenszufriedenheit haben? Ergebnisse der empirischen Glücksforschung.

Haben, Lieben, Sein - Was ist dem Glück förderlich?© Igor Yaruta - Fotolia.comGlück wird von Soziologen mit Lebenszufriedenheit gleichgesetzt
Wir stehen in der westlichen Welt an der Schwelle zu einer Gesellschaft, die ich die Wohlfühlgesellschaft nennen möchte: Nicht, weil in ihr alle rundum glücklich sind, sondern weil individuelles Glück und emotionales Wohlergehen für viele ein zentrales Lebensziel geworden sind. Glücklich sein ist das Lebensziel einer wohlhabenden, säkularisierten, und subjektzentrierten Epoche.

Vier Spielarten

Was ist nun Glück für die Soziologie? Grundsätzlich kann man vier Spielarten von Glück unterscheiden, zwei eher situativ-momentane und zwei situationsübergreifend-dauerhafte. Zum momentanen Glück zählen "kleine" Glücksmomente, etwa wenn der Lieblingssong im Radio gespielt wird, und "große" Glückserfahrungen (sog. Top-Experiences), wie sie sich z.B. beim Bunjee-Jumping einstellen mögen. Beide sind nahe am alltagssprachlichen Gebrauch von Glück. Allerdings interessiert sich die Soziologie primär für die beiden "dauerhafteren" Varianten von Glück, in denen es um eine belastbare Zufriedenheit geht - mit einzelnen Lebensbereichen oder dem Leben insgesamt.

Lebenszufriedenheit ist das, was die meisten Soziologen unter Glück verstehen. Sie basiert auf unserem Emotionshaushalt, aber auch auf kognitiven Vergleichen (mit dem Nachbarn, mit eigenen Ansprüchen usw.). Als Königsweg, Lebenszufriedenheit zu messen, gilt die Umfrage. Fragen wie "Alles in allem, wie zufrieden sind Sie mit dem Leben, das Sie führen?" finden sich heute in vielen nationalen, europäischen und weltweiten Umfragen. Im Gegensatz zu den diversen philosophischen Schulen gibt die empirische Glücksforschung den Menschen nicht vor, warum man glücklich oder unglücklich zu sein hat. Die tatsächlichen Glücksfaktoren herauszufinden ist eine empirische Aufgabe.

Da das menschliche Glück von vielen Faktoren abhängt - von den Genen bis zu kulturellen Prägungen - kann eine Disziplin allein das Glück nicht entschlüsseln. Die Soziologie leistet einen Beitrag gemäß ihrer disziplinären Tradition. Ihre zentrale Fragestellung ist, welche Lebensumstände dem Glück förderlich sind. Stärker als andere Disziplinen interessiert sie sich dabei für den Einfluss der sozialstrukturellen Position sowie für die gesellschaftlichen Bedingungen, die Glück ermöglichen.

Zentrale Themen sind darüber hinaus die sozialen Beziehungen und soziale Vergleiche. Im Unterschied z.B. zur Psychologie "liest" die Soziologie eine geringe Lebenszufriedenheit primär als Indiz für schlechte Lebensbedingungen; diese gilt es dann zu verbessern, nicht die Person (was der Ansatz fast aller Ratgeber ist). Das Ideal der Soziologie ist Glück als Ausweis einer "lebbaren" Gesellschaft.

Gesellschaftliche Voraussetzungen

Dem World Happiness Report zufolge sind die internationalen Unterschiede in der Lebenszufriedenheit weltweit mit Mittelwerten zwischen 8,0 in Dänemark und 3,0 in Togo sehr groß. Dafür gibt es plausible und empirisch gesicherte Erklärungen. Wohlstand spielt eine Rolle, denn reiche Gesellschaften sind tendenziell glücklicher als arme.

In Ländern mit ausgeprägter Rechtsstaatlichkeit fühlen sich die Menschen wohler, ebenso dort, wo Geschlechtergleichheit weitgehend realisiert ist. Weiterhin wirkt sich der soziale Zusammenhalt in einer Gesellschaft positiv aus, und auch tolerante Gesellschaften sind durch ein Mehr an Glück gekennzeichnet.

Für Europa kommt noch Einkommensgleichheit hinzu, also ein geringer Unterschied zwischen arm und reich. Generell kann man mit den genannten Gesellschaftsmerkmalen etwa Zweidrittel bis Dreiviertel der internationalen Unterschiede in der Lebenszufriedenheit erklären. Gesellschaftliche Glücksniveaus sind also nicht dominant eine Sache der Kultur.

Was macht nun innerhalb von Gesellschaften den Unterschied zwischen mehr und weniger glücklichen Menschen aus? Aus der Fülle der Ergebnisse möchte ich vier hervorheben, weil man sie nahezu überall findet: Einkommen und Besitz gehen mit Lebenszufriedenheit einher, weil sie Sicherheit bieten und den Möglichkeitsraum erweitern. Arbeitslosigkeit senkt die Lebenszufriedenheit, weil Arbeitslose nicht nur über niedrige Einkommen verfügen, sondern auch weniger soziale Einbindung haben und weniger Wertschätzung erfahren.

Sozialbeziehungen und Unterstützungsnetzwerke sind ein wichtiger Faktor für Glück, vor allem die feste Partnerschaft. Und: Wer ein aktives, sinnerfülltes Leben führt, führt im immateriellen Sinne ein "reicheres" Leben und ist zufriedener. Lässt sich daraus eine Formel für das individuelle Glück ableiten? Wenn es eine Glücksformel gibt, dann lautet sie: Haben, Lieben, Sein. Materiell (ausreichend) gut gestellt sein; sozial eingebunden sein; und ein aktives, sinnerfülltes Leben führen. Wer in diesen drei Kategorien gut aufgestellt ist, hat gute Chancen, ein glückliches Leben zu führen.

Defizite in einem Bereich kann man nur bedingt durch Fülle in einem anderen Bereich ausgleichen. Der einsame Millionär wird vermutlich nicht sehr zufrieden sein mit seinem Leben, auch wenn er sich alle Wünsche erfüllen kann, die mit Geld realisierbar sind.

Natürlich lässt diese Glücksformel Raum für individuelle und kulturelle Variationen: So betonen die Europäer im Vergleich zu anderen Weltregionen das Lieben mehr, und generell finden wir in den reichen Gesellschaften eine gewisse Postmaterialisierung des Glücks, also eine Verschiebung der Glücksformel in Richtung Lieben und Sein. Das Haben spielt derzeit besonders in einigen wirtschaftlich aufstrebenden Ländern eine große Rolle, allen voran in China und Hong Kong, wo die Menschen Geld und Glück praktisch gleichsetzen. In Zukunft diese kulturellen Besonderheiten noch systematischer herauszuarbeiten ist ein Hauptbeitrag, den die soziologische Glücksforschung leisten kann.

Mehr Wohlstand, mehr Glück?

Die Glücksforschung wird häufig als Kronzeuge aufgeführt, um eine radikale Transformation unserer auf Produktion, Konsum und Wachstum getrimmten Gesellschaft einzufordern. Ich denke, die robuste Bedeutung von Wohlstand für das Glück gibt diese Interpretation nicht her. Aber die Glücksforschung legt eine Relativierung einer einseitig ökonomischen Ausrichtung nahe, weil eben auch andere Dinge wichtig sind.

Eine Wohlstandssteigerung wirkt dann nicht glücksfördernd, wenn damit andere Pfeiler des Glücks (das Lieben, das Sein) untergraben werden. Zudem können (wohlgemerkt: können) Anspruchsinflation und soziale Vergleiche bewirken, dass materielle Verbesserungen in ein Nullsummenspiel münden, also das Glück sich nicht vermehrt. Insgesamt gilt aber: Gesellschaften, in denen die Menschen ihre materiellen und nichtmateriellen Bedürfnisse besser befriedigen können, bieten den Bürgern eine höhere Lebensqualität und damit ein Mehr an Glück und Wohlbefinden. Deutschland hat auf dem Weg zum "größten Glück der größten Zahl" noch etwas Luft nach oben.


Über den Interviewten
Jan Delhey ist Professor für Soziologie an der Jacobs University Bremen.

Aus Forschung & Lehre :: November 2013

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