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Halten Graduiertenschulen, was sie versprechen? - Ein Beispiel

VON UTE SCHULZE UND VALENTIN KLOTZBÜCHER

Die Doktorandenausbildung wandelt sich. Strukturierte Doktorandenprogramme im Rahmen von Graduiertenschulen nehmen in der hochschulpolitischen Diskussion seit Jahren einen festen Platz ein. Ergebnisse einer empirischen Studie über die Auswirkungen des Doktorandenprogramms auf den Promotionsprozess.

Halten Graduiertenschulen, was sie versprechen?© fotogestoeber - Fotolia.comUnterstützen strukturierte Doktorandenprogramme den Promotionsprozess?
Eine Promotion im Rahmen einer strukturierten Doktorandenausbildung nach US-amerikanischem Vorbild soll eine bessere Hinführung der Promovenden zu aktuellen Forschungsfragen ermöglichen. Als weitere Ziele werden häufig genannt: die frühe, stärkere Integration der Nachwuchswissenschaftler in die "Scientific Community" und ihre Einbindung in eine Gruppe von Nachwuchswissenschaftlern, die Betreuung durch mehrere Professoren sowie die Vermittlung allgemeiner Qualifikationen, die über die Arbeit an der eigentlichen Dissertation hinausgehen.

Erfüllen die Graduiertenschulen aus Sicht der Betroffenen die an sie gestellten Erwartungen? Wie hat sich der Promotionsprozess durch die Einführung von Doktorandenprogrammen im Vergleich zu traditionellen Formen des Promovierens verändert? Dies wird exemplarisch am Beispiel einer Graduiertenschule im Fach Linguistik analysiert.

Die "Hermann Paul School of Linguistics" (HPSL) wurde 2008 an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gegründet und stellt für die dortigen Promovenden ein Dach für die strukturierte Doktorandenausbildung in der Linguistik dar. Im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes am Lehrstuhl für Empirische Wirtschaftsforschung und Ökonometrie (Prof. Bernd Fitzenberger, Ph.D.) und dem Romanischen Seminar (Prof. Dr. Stefan Pfänder) an der Universität Freiburg wurden Daten für eine empirische Analyse erhoben. Befragt wurden 130 Promovenden im strukturierten Doktorandenprogramm der HPSL sowie 138 ehemalige Promovenden, die vor Einführung der Graduiertenschule ihre Promotion im Fach Linguistik in Freiburg erfolgreich abgeschlossen hatten.

Halten Graduiertenschulen, was sie versprechen? © Forschung & Lehre Abb. 1: Nützlichkeit ausgewählter Veranstaltungen aus Sicht der Teilnehmer eines Doktorandenprogramms

Ergebnisse der Studie

Im Vergleich zu traditionellen Formen der Promotion (Individualpromotion) kennzeichnet die Promotion im Rahmen der HPSL ein hoher Anteil von Stipendien (54 Prozent), eine Infrastruktur von Arbeitsplätzen sowie intensive Möglichkeiten des Netzwerkens, die Zusammenarbeit unter Nachwuchswissenschaftlern und der Besuch und die Gestaltung wissenschaftlicher Veranstaltungen.

Abbildung 1 veranschaulicht, dass die Promovenden den Promotionsprozess unterstützenden Angeboten des Doktorandenprogramms einen hohen Stellenwert beimessen. 79 Prozent der Befragten beurteilen die methodologischen Kurse als nützlich oder sehr nützlich und für über 70 Prozent der Promovenden ist der Nutzen von Workshops, Vorlesungen und Präsentationen unbestritten. Neben der Nützlichkeit wird auch die Qualität der angebotenen Aktivitäten sehr gut bewertet.

Vor allem das Niveau der von Professoren organisierten Workshops wird von über 90 Prozent der Promovenden mit gut oder sehr gut benotet. Der regelmäßige und intensive wissenschaftliche Austausch spiegelt sich darin wider, dass 74 Prozent der Promovenden mehrmals im Semester Veranstaltungen der HPSL besuchen und 69 Prozent während ihrer Promotionszeit an der Organisation einer Konferenz und/oder eines Workshops beteiligt waren. Außerdem haben 61 Prozent der Befragten bereits während des Promotionsprozesses einen Zweitbetreuer, mit dessen akademischer Unterstützung die meisten Promovenden (73 Prozent) zufrieden sind. Eine inzwischen existierende Kooperation mit der Universität Basel ermöglicht zudem einen internationalen wissenschaftlichen Austausch und erweitert das Angebot an Kursen und Weiterbildungsaktivitäten. Insgesamt werden die besonderen Angebote des Doktorandenprogramms sehr gut beurteilt und stark wahrgenommen.

Halten Graduiertenschulen, was sie versprechen? © Forschung & Lehre Abb. 2: Vergleich von Individualpromotion und Promotion im Doktorandenprogramm
Der Vergleich zwischen den Promovenden im Doktorandenprogramm mit den Graduierten, die ihre Promotion im Fach Linguistik vor Einführung der Graduiertenschule an der Universität Freiburg beendet haben, zeigt weitere positive Effekte des Doktorandenprogramms auf den Promotionsprozess. Die Häufigkeit von Besprechungen mit dem Erstbetreuer sowie die Möglichkeit die eigene Arbeit zu präsentieren ist bei den gegenwärtigen Promovenden deutlich höher als bei den früheren Promovenden. Vor der Einführung des Doktorandenprogramms hatten 43 Prozent der Befragten mindestens einmal im Monat die Möglichkeit, mit ihrem Erstbetreuer über ihre Dissertation zu sprechen; inzwischen trifft dies für 61 Prozent der Promovenden zu. Zudem wird die eigene Arbeit häufiger in einer Gruppe mit anderen Wissenschaftlern vorgestellt: 87 Prozent der Promovenden an der HSPL präsentieren Teile ihrer Dissertation mehrmals im Jahr während dies nur für 58 Prozent der früheren Promovenden zutraf. Die Vernetzung sowie der wissenschaftliche Austausch über die eigene Universität hinaus haben zugenommen: Der untere Teil von Abbildung 2 verdeutlicht die stärkere Einbindung der Promovenden des Doktorandenprogramms in die Scientific Community.

Vor allem die Teilnahme und Präsentation auf Konferenzen sowie die (Mit)Herausgabe von Büchern und das Schreiben von Beiträgen zu Sammelbänden oder Anmerkungen zu Büchern werden von aktuellen Promovenden weitaus häufiger genannt als von ehemaligen. Bei der Interpretation der Unterschiede muss allerdings beachtet werden, dass die Verbesserung der Promotionsbedingungen im Trend liegen, also auch bei gegenwärtigen Individualpromotionen eine höhere Betreuungsintensität zu erwarten ist als beispielsweise vor 25 Jahren.

Die Zufriedenheit mit den angebotenen Veranstaltungen des Doktorandenprogramms, die gute Betreuung durch die beteiligten Professoren und die Austauschmöglichkeiten im akademischen Netzwerk schaffen für die Nachwuchswissenschaftler hervorragende Voraussetzungen für exzellente Forschung. Die erwartete hohe Forschungsmotivation wird in unserer Umfrage bestätigt: 75 Prozent der Befragten des Doktorandenprogramms beschreiben ihre Motivation für akademische Forschung als stark oder sehr stark und fast drei Viertel der Promovenden streben eine Stelle in der akademischen Forschung an, für welchen sich 82 Prozent der Befragten durch das Doktorandenprogramm gut vorbereitet fühlen.

Reorganisation des Universitätsbetriebs

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass ein strukturiertes Doktorandenprogramm den Promotionsprozess sinnvoll unterstützen und beste Voraussetzungen für gute wissenschaftliche Forschung schaffen kann. Entscheiden sich zukünftig die guten Nachwuchswissenschaftler gegen eine traditionelle Promotion an einem Lehrstuhl, erfordert dies vermutlich eine weitergehende Reorganisation des Universitätsbetriebes.

Hochschulpolitische Reformen, die sinnvollerweise eine Stärkung der strukturierten Doktorandenausbildung zum Ziel haben, müssen in Einklang mit den vorherrschenden universitären Strukturen gebracht oder in umfassendere Reformen des Universitätssystems eingebettet werden.

Der Beitrag basiert auf Ergebnissen des Forschungsprojektes "Ausbildungs- und Karrierewege Hermann Paul School of Linguistics", das vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Baden-Württemberg gefördert wurde.


Über die Autoren
Ute Schulze ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Valentin Klotzbücher ist wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Empirische Wirtschaftsforschung und Ökonometrie an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2014