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Handeln im globalen Zusammenhang

VON ELISABETH VON THADDEN

Zum ersten Mal unterstützen alle drei Weltverbände der Wissenschaften eine Idee.

Handeln im globalen Zusammenhang© Prof. Dr. Benno WerlenProf. Dr. Benno Werlen treibt das Projekt »Global Understanding« seit 2008 voran
Die müden Nachrichten von der UN-Klimakonferenz in Warschau verklingen noch, da kommt aus Paris frische Kunde zum Klima der Welt: Die 195 Mitgliedsstaaten der 37. Unesco Generalkonferenz sprechen sich einstimmig dafür aus, 2016 zum Internationalen Jahr des »Global Understanding« zu ernennen. Gemeint ist: dass die Bürger an jedem Ort der Welt mithilfe der Wissenschaften ihr Leben und Alltagshandeln im globalen Zusammenhang verstehen lernen - um sich selbst und ihre Gesellschaften auch als Ursache des Klimawandels zu begreifen.

Während die Hoffnung auf politische Lösungen ermattet, will nun also die Forschung global eine neue Anstrengung unternehmen: Zum ersten Mal, seitdem die UN die Kalenderjahre unter ein Thema stellen, unterstützen die drei Weltdachverbände der Naturwissenschaften, der Sozialwissenschaften und der Geisteswissenschaften mit »Global Understanding« gemeinsam ein Projekt.

Mit dabei ist »Future Earth«, das größte forschungspolitische Vorhaben, das die Weltdachverbände je auf die Beine gestellt haben; es ermutigt die Universitäten, sich speziell der Erforschung nachhaltiger Entwicklungen zu widmen. Der Ursprung von alledem indes ist die deutsche Provinz: Die Initiative kommt von einem Lehrstuhl der Friedrich-Schiller-Universität aus Jena. Der angesehene Sozialgeograf Benno Werlen, 61, ein gebürtiger Schweizer, ist seit 2008 der Kopf von »Global Understanding«, einer Art intellektuellem Ein-Mann-Unternehmen. Er folgt als Wissenschaftler dem Prinzip des UN-Themenjahrs, das er sich mit hartnäckiger Geduld ausgedacht hat: Auf das Handeln vor Ort kommt es an. An Werlens Lehrstuhl in Jena soll nun das Hauptsekretariat des UN-Jahres angebunden sein.

Benno Werlens eigene sozialgeografische Forschung will die wissenschaftliche Geografie endlich als Schauplatz handelnder Menschen und nicht mehr als biologische Bodenkunde verstehen. Ihm geht es darum, zu erforschen, wie die »Welt-Bindung« von Akteuren und Gesellschaften entsteht. Werlen fragt: Wie bringen die Leute die Welt zu sich, in ihren Alltag? Wie eignen sie sich jeweils in ihrem Winkel die Natur an? Wie also gestalten sie ihren Umgang mit Ressourcen, etwa, um ihren Kindern zu essen zu geben?

Nach dieser Idee sollen nun die Wissenschaften für das UN-Jahr »Global Understanding« ihren Elfenbeinturm verlassen, um in Schulen, lokalen Zentren auf allen Kontinenten und multimedial ein alltagsrelevantes Wissen zu erheben und zu vermitteln. Ob es um die mineralischen Rohstoffe für Handys geht, die Ursachen für Mangel an Trinkwasser, die Kulturgeschichte der Kartoffel: Besonders im Geografieunterricht soll Forschung praktische Erklärungen geben. Auch lokale Kenntnisse, die nicht wissenschaftlich im westlichen Sinne sind, sollen Beachtung finden und die Informationen über alle Kanäle möglichst bis in das entlegenste Klassenzimmer, bis in die kleinste Hütte verbreitet werden. Was jetzt nur noch fehlt, ist die Zustimmung der UN-Vollversammlung. Die Generaldirektorin der Unesco wird den UN-Mitgliedsstaaten in New York zuraten.

Aus DIE ZEIT :: 28.11.2013

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