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Harvard aus Sicht eines Lektors

Von John H. Summers

Die Universität Harvard, für viele Studierende und Wissenschaftler das Mekka der Wissenschaft, hat auch profane Seiten. Die Banalität und Anspruchshaltung reicher Studenten in Harvard hinterließ bei dem Autor dieses Textes das Gefühl, dass seine Lehrtätigkeit zu kaum mehr als einer Dienstleistung zur Vorbereitung seiner Klienten auf einkommensträchtige Karrieren degradiert worden war.

Harvard aus Sicht eines Lektors© Jorge Salcedo - iStockphoto.com
Ich wurde im Jahr 2000 vom Ausschuss für akademische Grade in den Sozialwissenschaften (Committee on Degrees in Social Studies) der Harvard University eingestellt. Als Tutor und dann als Dozent betreute ich Studienarbeiten, konzipierte und hielt Einführungs- und Proseminare und hielt sechsmal das einjährige Tutorium des zweiten Studienjahrs "Social Studies 10". Die fragile Natur meiner in den folgenden sechs Jahren jeweils für ein Jahr verlängerten Anstellung, die in keinem Jahr mehr als eine 65-Prozent- Stelle war, hielt mich von Prestige und Förderung fern, auch wenn ich lange genug dort war, um drei Vorsitzenden der Sozialwissenschaftlichen Fakultät, zwei Studienleitern und drei Harvard- Präsidenten zu dienen.

Zu den postpubertären Kindern von Prominenten, für deren Lehrplan ich verantwortlich zeichnete, zählten die Sprösslinge eines wichtigen Politikers, eines Akteurs aus dem Showgeschäft und der Sohn des Bauträgers Charles Kushner.

Beim ersten Treffen meines ersten Seminars in meinem ersten Jahr kam Kushners Sohn Jared in den Seminarraum und setzte sich gleich auf den Sitz mir gegenüber - sozusagen, um den Raum mit mir zu teilen. Ich erhielt ein Jahresgehalt von 15.500 Dollar (ca. 10.900 Euro) und lieh mir den fürs Überleben notwendigen Rest in Cambridge, um ihm die bestmögliche Bildung zu vermitteln. Jared kaufte später den New York Observer für zehn Millionen Dollar, die er teilweise durch den Anund Verkauf von Immobilien verdiente, während er gleichzeitig mein Seminar besuchte. Als Herausgeber war eine seiner ersten Maßnahmen die Kürzung der Entlohnung für den Buchrezensentenstamm des Observers. Ich schrieb damals Rezensionen für den Observer, um mühsam meine Schulden zahlen zu können.

Die meisten Studenten, die ich traf, hatten bereits den Standpunkt der Reichen, Mächtigen und Nicht-Entfremdeten eingenommen, und sie schienen dies mit einer erschreckenden Leichtigkeit getan zu haben. Ganz in der Tradition der amerikanischen Reichen machten sie nur ausnahmsweise Überstunden, setzten ihre Talente aggressiv um und waren über die ideologischen Merkmale des Marktkapitalismus einer Meinung. Ihre schriftlichen Arbeiten enthüllten die Kernelemente des von ihren liberalen Eltern hochgehaltenen Konsenses: Die Bedeutung der Freiheit liegt in der persönlichen Wahl der Verbraucher; der freie Wettbewerb bei Waren und Moral bestimmt den Wert; der technologische Fortschritt ist ein reines Gut; Krieg ist unerfreulich.

Ethos folgt Konsens

Aus diesem Konsens kristallisierte sich ein Ethos heraus. Einer meiner weniger betuchten Studenten, der Sohn eines Postbeamten, fragte mich einmal um Rat für eine Kapitalanlage. Er sagte, seine Freunde hätten ihm gesagt, er solle "in Gefängnisse" investieren, also in eines der Privatunternehmen, die den Zuschlag bei Verwaltungsverträgen für Justizvollzugsanstalten erhalten. Ich sagte ihm, was ich von dieser Empfehlung hielt. Erst später, als ich erfuhr, wie wenig ihm für die Investition zur Verfügung stand (seine Ersparnisse beliefen sich auf 2.000 Dollar), ließ ich den Gedanken in mir zu, dass ich die Bedeutung dieser Frage verstanden hatte. Kein Geldbetrag darf brachliegen, wenn man für nichts etwas bekommen kann. Die kapitalistische Theorie des Lebens als Spiel verbietet nichtkapitalisierten Nutzen.

Ich fragte die Teilnehmer jedes meiner Seminare, ob sie bislang einen Dozenten getroffen hätten, den sie wirklich schätzten. Und wenn ja, welche Eigenschaften sie am meisten an ihm bewunderten. Einhellig sagten sie, gute Dozenten seien diejenigen, bei denen sie sich "wohlfühlten". Um die Sterilität zu spüren, brauchte man nur Folgendes zu hören: "Einkaufsphase" hieß die Woche, in der sie ihre Kurse wählten. Als ich einmal ein Proseminar für Erstsemester mit dem Titel "Anarchistische Kulturkritik in Amerika" vorschlug, wurde ich belehrt, damit nur fortfahren zu können, wenn ich den Titel in "Amerika und seine Kritiker" abwandeln würde. Das war dieselbe Methode kultureller Hygiene, die Harvard Square von einer Enklave für Bohemiens in ein Freilicht- Einkaufszentrum verwandelt hatte.

Noteninflation

Die Benotung, das eine Machtinstrument, über das ich verfügte, gibt am besten Aufschluss über den Verfall der Pädagogik durch den Erfolgswahn. Die Enthüllung der Noteninflation an Harvard durch den Boston Globe hat wenig Zweifel daran gelassen, dass hier ein halb manipulierter Wettbewerb herrscht, ein weiteres subventioniertes Risiko. Die formale Notenskala reicht von A bis F, die stillschweigende Notenskala umfasst nur A bis B. Ich erfuhr Letzteres von Studierenden und Dienstvorgesetzten, vor allem aber von Kollegen, von denen nur wenige die Schmach des Rückgriffs auf das untere Ende der Notenskala auf sich nehmen wollen. Sei's drum. Aber das Bestehen zweier Bewertungsstandards, eines offiziellen und eines stillschweigenden, ist immer ein Zeichen für Korruption: der eine disqualifiziert notwendigerweise den anderen. Dies schränkt auch die akademische Freiheit des Dozenten ein. Obwohl ich nie eine Endnote unter "B minus" gegeben habe, kann ich die gehässigen Schikanen bestätigen, welche die Dozenten in solchen Fällen auf sich ziehen. Ich meine damit nicht bloß, dass die Studierenden niemals aggressiver und deutlicher sind, als wenn sie auf Notenjagd gehen. Ich meine damit, dass sie politische Repressalien gegen den B-minus-Bewerter anstrengen und den hochgestellten akademischen Leitern Geschenke übermitteln.

Beschwerden

Einmal kamen ein Richter und seine Frau zu meinem Vorgesetzten, um sich über eine Note zu beschweren, die ich ihrem Kind in einer mündlichen Prüfung des Hauptstudiums gegeben hatte. Sie begründeten ihre Beschwerde mit der Tatsache, dass ich noch nicht über einen allumfassenden Berechtigungsnachweis, den Dr. phil., verfügte. Sie wiesen darauf hin, dass der zweite Prüfer im Raum eine etwas bessere Note gegeben hätte, und dass dieser zweite Prüfer in der Tat ein Dr. phil. war. Der Richter und seine Frau wussten nicht, noch interessierten sie sich dafür, es zu erfahren, dass ich der bei weitem erfahrenere der beiden Prüfer war. Ich hatte schon seit vier Jahren Prüfungen durchgeführt, der zweite Prüfer noch keine einzige. Ein vernachlässigbarer Fauxpas, aber einer, den William James, Autor von "The Ph.D. Octopus" (1903), verstanden und geschätzt haben könnte.

Im Januar 2008 sandte eine "Gruppe von Harvard-Absolventen aus der Ära des Vietnamkriegs" einen offenen Brief an den Präsidenten der Universität. "Wir sind besorgt über die von uns beobachtete, heute weit verbreitete Apathie und politische Indifferenz der Studentenschaft am Harvard College", hieß es in dem Schreiben (nach einer Meldung in Times Higher Education vom 4. Januar 2008), worin das Problem wie folgt definiert wurde: "Selbstprüfung und intellektuelles Wachstum versus Karriere- und Berufsorientierung". Der Brief sagte aber nur die halbe Wahrheit: Die Studierenden sind das Gegenteil von apathisch und indifferent. Die neuen Reichen unter den Studenten haben die radikale Energie der 60er Jahre beibehalten, nur um sie in weit einkommensträchtigere Kompetenzen zu investieren. Die Neue Linke besetzte Universitäten, um gegen die bürokratische Hohlheit der Prüfungsrituale und die Benotungsprinzipien zu protestieren. Nun vollenden deren Kinder den Angriff auf die Autorität der Dozenten, die nur Anhang zum Management von Studierendenkarrieren sind, hineingezogen in eine stillschweigende Übereinkunft zwischen dem Unternehmen und dem Klienten, bei der die Option "Misserfolg" nicht vorkommt. Ich musste die Studierenden bewerten, und ich musste sie gut bewerten. Jeder erwartete ein Empfehlungsschreiben.

In diesem Zeitalter der grenzenlosen Märkte ist das Ethos, so verstanden, eine Kopie der Psychodynamik der Inflation. Da die Studenten jung waren, scheinen deren Eltern und Dozenten sie in ehrgeizigem Glanz gebadet zu haben, so dass die Quelle ihrer eigentlichen Identität nun in ihrem Potential lag.

Vielleicht nehmen sie, obwohl sie nach Benotung verlangen, den Dozenten gerade deshalb ihren Anspruch auf leistungsbezogene Beurteilung, was eine solide Bewertungsgrundlage voraussetzt, übel.

Eine relativ schlechte Beurteilung könnte ja mit dem immer verfügbaren Gedanken einhergehen, dass sie es hätten besser machen können.

Drei Studierendentypen

Dieser Gedanke ist nicht so leicht zu entkräften, wie man vermuten könnte. Harvard- Studierende kann man in drei Typen unterteilen. Der erste umfasst diejenigen, die aus ihrer bloßen Anwesenheit auf dem Campus folgern, sie hätten es bereits geschafft; der zweite diejenigen, die daraus ableiten, dass sie auf dem Weg dahin sind. Beide Typen sind sich des Prestigewerts ihrer Situation sehr bewusst. Einem Fremden gegenüber zu erwähnen, wo man studiert, bedeutet, eine Wasserstoffbombe abzuwerfen. Dementsprechend hat keiner der beiden Typen irgendeinen guten Grund anzunehmen, dass sein Potential anders als unbegrenzt sein könnte. Angehörige des dritten Typs, die Ironiker und Spötter, haben ihren akademischen Grad und pfeifen darauf, denn ihre Anti-Harvard-Haltung beinhaltet keine wirkliche Gefahr. Das gigantische Talent, dieses große Symbol unverbrauchten Potentials, segnet ihre Skepsis durch Indexieren ihres Wertes auf dem Markt der Berechtigungsnachweise.

Bedenken Sie, dass der Benotungsskandal (ein offenes Geheimnis auf dem Campus) zur selben Zeit wie das Platzen der "dot-com-Blase" in die öffentliche Diskussion einbrach. Versuchen Sie einmal, diese Phänomene als "Zwillingsereignisse" bei der chronischen Überbewertung der Kreditmärkte zu sehen. Und stellen Sie nun die Frage: Wenn Intellektuelle als Sachbearbeiter und Studenten als Kunden agieren, wie unterscheiden sich dann Dozenten von Unternehmensbuchhaltern?

Dankbarkeit

Sollte ich sagen, ich bin dankbar für die Chance, an Harvard zu unterrichten? Das bin ich. Sollte ich die vielen ausgezeichneten Ausnahmen anerkennen, die zu unterrichten mein Privileg war? Das tue ich mit Vergnügen.

Aber die unverdrossene Banalität der Reichen degradiert die Lehrtätigkeit in eine Sorge um die Laufbahn, deren Hauptaufgabe die Vorbereitung der Klienten auf einkommensträchtige Karrieren ist. Die liberale Schöntuerei der Studierenden ist sowohl sentimental als auch irrelevant. Wenn die Jugendlichen mit ihrer Jugend nichts anfangen können, ist dann die Lehrtätigkeit für Studierende ebenso nutzlos?

Die Lehrtätigkeit der Teilzeitbeschäftigten an Harvard ist ein wenig wie ein Besuch bei Disney World. Der magische Staub führt zu einer leichten Narkose. Der Geist wird angesichts des Paradoxons und des Konflikts inkontinent, und es ist schwierig zu sagen, wie viel Spaß man an soviel Heuchelei hat. Wichtig dabei ist, niemals zum Querulanten zu werden, der allen den Weg verbaut. Die Warteschlange ist lang.

Übersetzung: Thomas Platzbecker

Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2008

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