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Heikler Job für einen Prof

Von Arnfried Schenk

Mouhanad Khorchide soll in Münster Lehrer für den islamischen Religionsunterricht ausbilden. Sein Vorgänger ist an der Aufgabe gescheitert.

Heikler Job für einen Prof© Peter Grewer - Uni MünsterMouhanad Khorchide beschreibt sich selbst als "muslimischer Humanist"
Das ist er also, der Neue, nach dem man so lange gesucht hat: Mouhanad Khorchide. Der, der es allen recht machen soll. Den muslimischen Verbänden, der Wissenschaft, der Politik und nicht zuletzt auch seinen Studenten. Vor denen steht er an diesem Mittwochnachmittag, es ist sein zweiter Tag als Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Münster. Noch als Vertretung, mit dem endgültigen Ruf will die Universität warten, bis sich auch die muslimischen Verbände geäußert haben.

Smart sieht Khorchide aus in seinem schwarzen Anzug, seinem weißen Hemd, mit den vollen schwarzen Haaren, 38 Jahre ist er alt. Ein wenig wirkt er wie eine Mischung aus Unternehmensberater und Pfarrer. In einem kleinen Seminarraum im Erdgeschoss der großen Universität Münster führt er mit leiser Stimme in die Welt der sunnitischen Theologie ein. »Es geht in diesem Seminar vor allem darum, wie wir einen Alltagsbezug zu theologischen Fragen herstellen können «, sagt Khorchide vorweg. Die fünf Studentinnen, die hier sitzen, sind Musliminnen, Kopftuch trägt keine, sie studieren auf Lehramt, Sport, Deutsch oder Geschichte und eben das sogenannte Ergänzungsfach »Islamunterricht«. Rund 30 Studenten sind es insgesamt am CRS, dem Centrum für Religiöse Studien an der Uni Münster.

Genauso wie Khorchide sind sie noch Exoten in der deutschen Hochschullandschaft, kein Wunder, ihr Schulfach ist erst im Werden. Obwohl auf unsere Schulen fast eine Dreiviertelmillion muslimischer Schüler gehen, können sie einen islamischen Re li gionsunter richt in deutscher Sprache nur in einigen Modellversuchen besuchen. Ihre religiöse Unterweisung blieb jahrzehntelang den Moscheevereinen überlassen, was kaum der Integration diente.

In sein Büro kommt Khorchide durch eine Sicherheitsschleuse

Die Islamkonferenz bemüht sich, die Sache voranzubringen, und Anfang des Jahres hat auch der Wissenschaftsrat empfohlen, an deutschen Hochschulen Zentren für islamische Studien zu gründen und dort Religionslehrer und Imame auszubilden. Die muslimischen Verbände sollen dabei ein Wort mitzureden haben. Diese Verbände sind umstritten, Kritiker werfen ihnen mangelnden Integrationswillen vor und eine allzu orthodoxe Sicht des Islams. Außerdem vertreten sie nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland. Ohne sie gehe es aber nicht, schon aus verfassungsrechtlichen Gründen, sagt der Wissenschaftsrat. Wie schwierig es mit ihnen ist, musste die Universität Münster erfahren, die schon vor Jahren die Zusammenarbeit probte.

Bevor Khorchide in sein Institut kommt, stoppt ihn eine Tür mit Kamera und Zahlencode. »Wir werden jetzt gefilmt«, sagt er achselzuckend und tippt die Kombination ein. Diese Sicherheitsschleuse hat nichts mit ihm zu tun, sondern mit seinem Vorgänger. Der deutsche Konvertit Muhammad Sven Kalisch war 2004 der erste Professor für islamische Theologie in Deutschland, eine seiner Hauptaufgaben sollte die Ausbildung von Lehrern für den Religionsunterricht sein. 2008 ging er mit einer heiklen These an die Öffentlichkeit: Er zweifle an der historischen Existenz des Propheten Mohammed. Für einen Wissenschaftler völlig legitim, für einen gläubigen Muslim undenkbar. Kalisch bekam Morddrohungen. Die muslimischen Verbände, die über einen Beirat an das Centrum für Religiöse Studien angedockt waren, kündigten ihre Mitarbeit auf, forderten die Ablösung Kalischs und riefen die Studenten zum Boykott auf. Der Start in die Islamlehrerausbildung geriet zum Fehlstart.
Unter Wissenschaftlern fand Kalisch viele Unterstützer: Die Einmischung der Verbände sei ein Angriff auf die Freiheit der Wissenschaft und berge die Gefahr, dass erzkonservative Verbandsfunktionäre ihre Gefolgsleute auf den Lehrstühlen platzierten. Die Universität behielt Kalisch als Professor für die Re ligion des Islam, entband ihn aber von der Lehrerausbildung und richtete einen zweiten Lehrstuhl ein für »Islamische Religionspädagogik«. Khorchide sitzt nun Zimmer an Zimmer mit Kalisch, noch, denn der hat kürzlich nachgelegt und verkündet, dass er sich nicht mehr als Muslim sehe, und die Uni-Leitung um andere Aufgaben gebeten.

Er sollte Arzt werden, entschied sich aber für die Soziologie. Und die Theologie

In seinem Büro entschuldigt sich Khorchide für die Unordnung, er habe 2500 Bücher über den Islam und wisse noch nicht genau, wie er sie verteilen solle zwischen Arbeitsplatz, Seminar und Zuhause. Jetzt wachsen zwischen Schreibtisch und Tür kleine Büchertürme. Am unteren Bildschirmrand seines Rechners kleben viele gelbe Post-it-Zettel, »ich bringe sonst die Termine mit den Journalisten durcheinander«, sagt er mit einem entschuldigenden Lächeln. Durch die Vorgeschich te des Lehrstuhls ist das Interesse an ihm groß. Also, was für einer ist er denn nun? Mouhanad Khorchide ruckelt mit seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch hervor und erzählt, mit wienerischem Akzent: geboren in Beirut als Sohn palästinensischer Flüchtlinge, aufgewachsen und zur Schule gegangen im saudischen Riad, studiert und promoviert in Soziologie an der Universität Wien, dazu ein abgeschlossenes Theologiestudium an einem sunnitischen Institut in Beirut. Fünf Jahre als Imam in Wiener Moscheen gepredigt, »auf Deutsch«, als Religionslehrer an Schulen unterrichtet, zwei Jahre lang Religionslehrer in Wien ausgebildet.


Eine beachtliche Kombination. Aber ist man, wenn man in Saudi-Arabien groß geworden ist, dem Heimatland des Wahhabismus, dieser konservativsten Spielart des Islams, die sich nicht mit dem Denken und Leben in modernen Demokratien vereinbaren lässt, ist man dann der Richtige, um in Deutschland Religionslehrer auszubilden?

Man kann es sein, wenn man wie Khorchide die Flucht nach vorn antritt. Was er an der Schule über Religion hörte, passte nicht zu dem, was er von seinen Eltern hörte, nicht zu dem, was er in den Büchern las, die sie sich aus dem Libanon schicken ließen. Von seinen Eltern habe er eine »plurale Sicht der Religion mitbekommen«, das Gegenteil von dem, was in den saudischen Schulen gelehrt wurde. Seine Distanz zum Wahhabismus wuchs, genauso wie sein Interesse an Theologie. Weil Ausländer in Saudi-Arabien nicht studieren durften, schickten die Eltern ihre Kinder nach Wien. Mouhanad sollte Arzt werden, wie sein großer Bruder. Er entschied sich lieber für Soziologie. Ohne Theologie konnte er auch nicht, deshalb flog er einige Jahre lang regelmäßig für ein paar Wochen nach Beirut und machte an einem sunnitischen Seminar den Abschluss in islamischer Theologie.

Von Kategorien wie konservativ und liberal hält er in der Religion wenig. »Das führt doch zu nichts«, sagt er. »Ist konservativ, wer in die Moschee geht? Liberal, wer Alkohol trinkt?« Wenn schon ein Begriff sein müsse, dann würde er sich gerne als »muslimischer Humanist« beschreiben. Als einen »Muslim, der bemüht ist, eine starke innere Beziehung zu Gott aufzubauen und gleichzeitig allen Menschen ge genüber offen zu sein«. Einer, der den Islam nicht als Gesetzesreligion begreift. Die Offenbarung sieht er als einen Dialog Gottes mit den Menschen und sagt: »Ohne historischen Kontext kann man den Koran nicht verstehen.«

Das Büro ist überheizt, er sei erkältet, sagt Khorchide, aber er gönnt sich keine Pause und erzählt lieber, was einen guten Lehrer ausmacht. Der müsse in der Lage sein, einen Bezug herzustellen zwischen Alltag und Religion, und dürfe den Islam nicht als eine »Erlaubt-und-verboten- Liste« vermitteln. Er müsse den Islam im europäischen Kontext auslegen, den Schülern klarmachen, dass es nicht heißt: »Ich bin entweder Muslim oder Europäer«, sondern: »Ich bin sowohl Muslim als auch Europäer.« Und er müsse Vorbild sein, ein frommer Mensch. Zum Kopftuch sagt er: »Das muss jede Frau für sich entscheiden.« Von der These seines Vorgängers Kalisch, den Propheten Mohammed habe es möglicherweise nicht gegeben, hält er nichts. Fragt man Khorchide nach der Zusammenarbeit mit den Verbänden, erzählt er, die Gespräche seien gut gelaufen. »Ich teile ihre Ansicht, wenn sie sagen, wir brauchen einen authentischen Religionsunterricht, der nicht den Grundsätzen des Islams widerspricht.« Sonst würden auch die Eltern ihre Kinder nicht in den Unterricht schicken. In die Wissenschaft wollten und sollten sich die Verbände nicht einmischen.

Die Gefahr, dass Khorchide vor Verbandsfunktionären kuschen würde, ist gering, wie seine Vorgeschichte zeigt. Als er 2009 seine Doktorarbeit in Soziologie veröffentlichte, versetzte er Österreich damit in Aufregung. Khorchide hatte etwas mehr als die Hälfte der rund 350 islamischen Religionslehrer nach ihren Einstellungen befragt und bekam erschreckende Antworten. Eine davon: 33 Prozent der Befragten lehnen rechtsstaatliche Prinzipien ab. Der Soziologe und Imam machte sich mit seiner Studie bei der islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, die dort den Religionsunterricht quasi im Alleingang betreibt, unbeliebt.

Sein Fazit für Deutschland: Man muss zuerst die Lehrer ausbilden und dann den Unterricht einführen. Nicht andersherum wie in Österreich. Das ist noch eine Menge Arbeit, 2000 Lehrer braucht es mindestens, sollte der Unterricht flächendeckend eingerichtet werden.
Seit wenigen Wochen ist Mouhanad Khorchide jetzt in Deutschland, die Islamdebatten verfolgt er natürlich schon lange. Er wünscht sich, dass es in Zukunft dabei mehr um religiöse Fragen geht, weniger um politische. Dazu braucht es mehr islamische Theologen, in den Verbänden, an den Universitäten. Khorchide ist ein Anfang.

Aus DIE ZEIT :: 20.05.2010


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