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Heilkraft des Krauts

VON HARRO ALBRECHT

Der Medizinnobelpreis würdigt Naturstoffe als Inspirationsquelle für neue Medikamente.

Heilkraft des Krauts© nortys - photocase.deDie Medizinnobelpreisträger forschen an Medikamenten gegen Tropenkrankheiten
Ein indischer Reporter stellte auf der Pressekonferenz zur Verleihung des diesjährigen Medizinnobelpreises eine zentrale Frage: Ob mit dem Preis alternative Behandlungsmethoden rehabilitiert werden würden? Auf den ersten Blick musste es so aussehen: Zwei Wissenschaftler werden die Medaille für die Entdeckung eines Wirkstoffes aus Bodenbakterien erhalten und eine Forscherin erhält sie für einen Inhaltsstoff, den sie aus dem Einjährigen Beifuß extrahierte. Schon reiben sich Naturheilkundler die Hände. Haben sie nicht schon immer gesagt, dass die besten Mittel aus der Natur kommen? Und weil die Chinesin Youyou Tu mit den Worten vorgestellt wurde, sie habe auf dem Gebiet der Traditionellen Chinesischen Medizin gearbeitet, fühlten sich die Anhänger der TCM ebenso rehabilitiert. Aber ein Mitglied des Preiskomitees stellte sogleich klar, dass sich die Wissenschaftler von der Natur lediglich haben inspirieren lassen. Sie entwickelten Einzelsubstanzen, mehr Chemie als sanften Tee also.

Preiswürdig war, dass die Forscher effektive Wirkstoffe gegen zwei der größten Geißeln von Entwicklungsländern gefunden hatten: gegen die Erreger von Malaria und gegen Fadenwürmer, die Flussblindheit und Elefantiasis auslösen. Schätzungsweise 100 bis 200 Millionen Menschen weltweit sind mit den Würmern infiziert. Lange Zeit schien kein Kraut gegen sie gewachsen zu sein. Weil es sich zudem um Erkrankungen handelt, die allein arme Länder treffen, waren Pharmafirmen nicht sonderlich an der Forschung auf diesem Gebiet interessiert.

Die Medizinnobelpreisträger 2015

Satoshi Omura und William C. Campbell fanden ein Mittel gegen Fadenwürmer.

Youyou Tu extrahierte ein neues Mittel gegen den Malariaerreger, der die roten Blutkörperchen befällt.
Der Chemiker und Mikrobiologe Satoshi Omura, einer der Preisträger, musste graben, um einen Wirkstoff gegen die Krankheiten zu finden. Im Boden eines beliebten Golfplatzes stieß er auf ein bekanntes und unter Antibiotikaforschern geschätztes Bakterium namens Streptomyces. Streptomyceten sind eine sehr artenreiche Bakteriengattung, einige von ihnen produzieren Antibiotika. 1974 wählte Omura unter Tausenden Bodenproben 50 vielversprechende Streptomyces-Kulturen aus und schickte sie seinem irischstämmigen Kollegen William Campbell in die USA.

Der Parasitologe, zweiter Preisträger, testete die Substanzen an Farm- und Haustieren. Und siehe da: Der gereinigte Stoff aus Streptomyces avermitilis wirkte verblüffend gut. Er wurde auf den Namen Avermectin getauft, später chemisch verändert, Ivermectin genannt und war als Medikament zunächst in der Tiermedizin ein Verkaufsrenner gegen Wurmkrankheiten.

Campbell schlug der Pharmafirma Merck vor, das Mittel auch Menschen zu verabreichen. Später schenkte der Konzern Teile der Produktion der Weltgesundheitsorganisation. 2011 vermeldete diese insgesamt eine Milliarde Behandlungen. »Merck hat damit einen Paradigmenwechsel eingeleitet«, sagt Achim Hörauf vom Institut für Medizinische Mikrobiologie, Immunologie und Parasitologie der Universität Bonn. »Heute gibt es viele Firmen, die Medikamente für vernachlässigte Gruppen entwickeln.«

Hörauf hält die diesjährige Wahl der Preisträger für ein politisches Statement: Schließlich hätten beim letzten G-7-Gipfel auch die Regierungschefs gefordert, man müsse mehr gegen die vernachlässigten Tropenkrankheiten tun. Das Medikament von Omura und Campbell kann die Flussblindheit und die Elefantiasis allerdings nicht ausrotten. Betroffene müssen die Arznei immer wieder einnehmen. Wissenschaftler wie Hörauf arbeiten jetzt an Mitteln, die das ändern sollen.

Auch die Karriere des zweiten Medikaments begann als Naturstoff. In den sechziger Jahren waren Versuche, Malaria auszurotten, weitgehend gescheitert: Der Erreger, Plasmodium genannt, war gegen alle Therapeutika resistent geworden. Mao Zedong gab die Anweisung, nach einem neuen Mittel zu fahnden. Einer der Experten, die Chinas Staatspräsident beauftragte, war Youyou Tu. Sie konsultierte alte Ärzte, trug mehr als 2.000 Rezepte aus Jahrtausenden chinesischer Medizin zusammen - und wurde schließlich fündig.

Qinghao hieß das Kraut, das die Fieberschübe der Malaria beseitigen sollte, im Deutschen ist es bekannt unter dem Namen Einjähriger Beifuß. Tu extrahierte den Artemisinin genannten Inhaltsstoff aus der Pflanze und testete ihn: Doch er war nur in 30 bis 40 Prozent der Fälle wirksam. Im Handbuch der Mittel für den Notfall des Alchemisten Ge Hong aus dem Jahr 340 fand sich die Lösung in Form eines genauen Rezepts des Beifußsuds: ein Teil Qinghao auf zwei Teile kaltes Wasser, hieß es da. Weil Tu den Wirkstoff gekocht hatte, war er weniger wirksam geworden. Die Extraktion mit Äther war noch schonender und brachte 1971 den Durchbruch. Weil die Substanz völlig anders aufgebaut ist als alle anderen Wirkstoffe zuvor, gab es zunächst keine Resistenzen bei den Parasiten. Heute gilt Artemisinin in Kombination mit einem weiteren Wirkstoff als das Nonplusultra der Malariatherapie.

Peter Seeberger vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung findet es »einfach super«, dass seine chinesische Kollegin den Nobelpreis bekommen wird. »Sie hat einen ungewöhnlichen Ansatz gewählt, und sie war hartnäckig.« Artemisinin sei von einzigartiger Wichtigkeit und habe Millionen von Menschen das Leben gerettet. Eines trübt die Freude an der Wunderdroge: Die Behandlung einer Malariainfektion mit sechs Tabletten kostet etwa zehn Euro. Die Gesundheitsausgaben in Westafrika liegen pro Jahr und Person aber bei umgerechnet 50 Cent. Die Rohstoffe des Medikaments kommen zwar aus unterentwickelten Ländern, die Wertschöpfung dagegen geschieht fast ausschließlich in den entwickelten Staaten.

Dass es anders geht, zeigt Vietnam. Das Land hat die Malaria unter anderem dank Artemisinin-Präparaten komplett im Griff, es produziert die Wirkstoffe weitgehend in Eigenregie, inzwischen auch mit Unterstützung von Seeberger. Der deutsche Forscher hat ein Verfahren entwickelt, das noch mehr Inhaltsstoffe aus den Pflanzen für die Produktion des Medikaments herauskitzelt. Das macht es günstiger. Noch ist nicht sicher, ob die Welt wirklich für ein billiges Malariamedikament bereit ist. Dafür ist der Markt zu lukrativ. »Wenn man sieht, was Youyou Tu geleistet hat, ist das sehr bedauerlich«, sagt Seeberger.

Aus DIE ZEIT :: 08.10.2015

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