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Heimisch in der Fremde?

Viele Wissenschaftler zeichnen sich durch internationale Mobilität aus. Was bedeutet ihnen Heimat und Fremde, wenn sie ins Ausland gehen, um dort zu forschen und zu lehren? Zwei Wissenschaftlerinnen geben Auskunft.

Heimisch in der Fremde?Dr. Eva-Jasmin Freyschmidt ist Dozentin für Virologie und Immunologie an der Harvard Medical School und Children's Hospital in Boston
Forschung & Lehre: Mit welchen Erwartungen sind Sie in die USA gegangen?

Eva-Jasmin Freyschmidt: Als ich 2004 nach Boston kam, war ich unglaublich neugierig und gespannt auf Land und Leute, Stadt und Wissenschaft. Natürlich war mir der Erfolg meines Forschungsprojekts wichtig und ich wollte dieses nicht nur durch neue Resultate und Erkenntnisse voranbringen, sondern auch ein wenig an dem "Mythos Harvard" teilhaben. Ich wollte lernen und kennenlernen: neue wissenschaftliche Fragestellungen und Methoden, Forschungsinstitute, Menschen, Kultur, und natürlich sollte sich mein Englisch verbessern. Mir war bewusst, dass ich in meiner Abteilung unter Amerikanern, Franzosen und vielen anderen Nationalitäten die einzige Deutsche sein würde und freute mich sehr auf diese multi-kulturelle Umgebung. Bis heute ist dieses internationale Umfeld eine große Bereicherung in meinem Leben. Mein Aufenthalt war ursprünglich für nur zwei bis drei Jahre geplant, nun lebe ich schon über sechs Jahre in den USA. Neugierig und gespannt bin ich noch immer.

F&L: Haben Sie sich lange als Fremde gefühlt, oder fühlen Sie sich inzwischen heimisch?

Eva-Jasmin Freyschmidt: Eine Diplomatengattin, die schon viele Male in ihrem Leben in andere Länder umgezogen war, sagte mir einmal, dass es 90 Tage bräuchte, bis man sich irgendwo heimisch fühle. Rückblickend kann ich ihr nur zustimmen. Bis dahin hatten sich ganz pragmatische Dinge eingependelt und die ersten Freundschaften waren geschlossen. Natürlich habe ich besonders zu Beginn meine Familie und Freunde in Deutschland sehr vermisst, aber eigentlich war ich viel zu beschäftigt, um mir darüber Gedanken zu machen. Fremdfühlen und Heimweh in kleinen Dosen überfielen mich eigentlich nur in Situationen, die nicht so ganz glücklich liefen, aber das Fernweh überwog immer. Boston ist eine Hochburg wissenschaftlicher Forschungseinrichtungen, und so tummeln sich hier viele Menschen, mit denen man eine ähnliche Motivation, Spontaneität und auch Unternehmungslust gemeinsam hat. Hier lässt sich schnell Anschluss finden, und es entsteht sogar so etwas wie eine kleine Ersatzfamilie. Mit Sicherheit hat mein Freundeskreis einen sehr großen Anteil daran, dass ich mich hier heimisch fühle. Wenn ich nun nach Deutschland reise, werde ich von meiner Familie mit einem "Willkommen zu Hause!" empfangen, und sobald der Flieger in Boston aufgesetzt hat, blinken die ersten SMS "Welcome home!" auf. Ich fühle mich also in zwei Welten heimisch - meine Heimat wird aber immer Deutschland bleiben.

F&L: Erfährt man erst in der Fremde, was Heimat bedeutet?

Eva-Jasmin Freyschmidt: Heimat wird durch Vertrautheit und Geborgenheit vermittelt, die oft erst durch ihre Abwesenheit realisiert werden. Heimisch fühlt man sich also an Orten, durch Situationen oder vielleicht sogar Gegenstände, die einem vertraut vorkommen oder eine gewisse Geborgenheit bieten. Neben offensichtlichen Faktoren können das ganz triviale Dinge sein, von denen man zuvor womöglich nicht dachte, dass sie heimische Gefühle bescheren könnten. Mich amüsiert zum Beispiel jedes Mal wie hier deutsche Augen (meine eingenommen) aufleuchten, wenn man Weihnachtsmärkte oder den "Tatort" erwähnt. Komplexere Dinge kristallisieren sich erst nach einiger Zeit heraus, und manches ist oft nur durch den direkten Vergleich zu erkennen. So bedeutet Heimat für mich auch Authentizität, etwas, was ich sehr mit Deutschland verbinde.

F&L: Lässt sich Heimat auch geographisch festmachen oder sind es eher die Menschen oder die Sprache, die ein Gefühl von Heimat vermitteln?

Eva-Jasmin Freyschmidt: Es ist wohl eine Mischung aus allem. Vieles realisiert man nicht, obwohl es ständig da ist, wie etwa Hintergrundmusik. Neben Freundschaften können auch Menschen, die man nicht sehr gut kennt, mit gemeinsamen Sichtweisen oder Werten ein Gefühl von Heimat vermitteln, da man sich in deren Präsenz schlichtweg wohl fühlt. Den Einfluss der Sprache habe ich persönlich in meinen ersten Jahren in den USA unterschätzt. Mein Englisch war zu Beginn sicherlich nicht ausreichend, um alles auszudrücken, was ich gerne kommuniziert hätte. Natürlich habe ich mich durch dieses Unvermögen manchmal gelähmt und fremd gefühlt. Heute denke, träume und spreche ich oft selbst mit deutschen Freunden, die in den USA leben, auf Englisch. Sicherlich ein großer Schritt, um sich heimischer zu fühlen. Trotzdem wird mir Deutsch immer vertrauter bleiben, da ich die Tiefe der Sprache besser fassen kann. Übrigens gibt es im Englischen keine sinngerechte Übersetzung für Heimat. Natürlich schlägt bei Deutschlandreisen mein Herz höher, wenn ich das Heidelberger Schloss, die Alte Brücke oder auch die Landschaften auf der Zugfahrt zwischen Frankfurt und Berlin sehe. Das tut es aber auch, wenn ich die Skyline Bostons auf meinem Rückflug entdecke. Bauwerke oder Landschaften hinterlassen visuelle Eindrücke, die als vertraut abgespeichert werden und Heimatgefühle auslösen können.

Forschung & Lehre: Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Japan gegangen?

Ulrike Nennstiel: Als ich die Soziologie-Professur in Sapporo annahm, stützten sich meine Erwartungen auf mehrere Jahre eigener Erfahrungen als Graduate Studentin und Doktorandin an einer japanischen Universität. Während meines Magister- und Promotionsstudiums in Tokyo hatte ich den Eindruck gewonnen, dass japanische Professoren (Professorinnen sind mir damals höchst selten begegnet) aktiven wissenschaftlichen, kollegialen und vielfach auch privaten Austausch miteinander pflegten. Auch das Klima unter den Doktoranden war geprägt von fachlich-wissenschaftlichen Diskussionen und gemeinsamen sozialen Aktivitäten. Außerhalb der Universität bin ich allerdings meist primär als gaijin ("Ausländerin") behandelt worden, eher beneidet als diskriminiert, jedenfalls als nicht dazu gehörig. Wegen dieser langjährigen Erfahrungen aus meiner Studienzeit erwartete ich also spannende Fachdiskussionen und vielfältigen Austausch mit den Kollegen. Gleichzeitig rechnete ich aber auch damit, bei Studierenden auf Ablehnung zu stoßen oder mit den typischen Fragen, die im Ausland lebende Menschen häufig zu hören bekommen ("Woher kommst Du?", "Warum bist Du hier?", "Wann gehst Du wieder?" etc.), tagtäglich konfrontiert zu werden.

F&L: Haben Sie sich lange als Fremde gefühlt, oder fühlen Sie sich inzwischen heimisch?

Ulrike Nennstiel: Dank der überaus großen Akzeptanz und Offenheit der meisten Studierenden fühlte ich mich überraschend schnell heimisch. Dass ich Japanisch nicht wie meine Muttersprache beherrsche, ließ mich von Zeit zu Zeit "Fremdheit" verspüren, z.B. wenn ich den Gesprächen Studierender untereinander am Rande von Seminaren nicht folgen konnte. Doch immer dann, wenn ich in solchen Situationen Fragen stellte und eine ernsthafte Antwort erhielt, war damit das Gefühl, "fremd" zu sein, auch schon weitgehend überwunden. Heute spielt diese Art von "Fremdheit" überhaupt keine Rolle mehr. Dennoch kehrt das Gefühl, "fremd" zu sein, immer noch wieder, wenn ich mich von Menschen aus meiner Umgebung in alltäglichen Situationen ausgegrenzt fühle - auch dann, wenn die Ausgrenzung nicht primär meiner Herkunft wegen erfolgt, sondern beispielsweise aufgrund von Kriterien wie Geschlecht, Status oder ungewohnter Rollenkombinationen.

F&L: Erfährt man erst in der Fremde, was Heimat bedeutet?

Ulrike Nennstiel: Ja und nein. Ich würde eher sagen, dass man sich der Relativität von "Heimat" deutlicher bewusst wird. Denn "Heimat" ist ja gerade nicht unbedingt etwas Unveränderliches, ein bestimmter Ort, eine bestimmte Umgebung oder Sprache. Als "Heimat" würde ich viel eher das bezeichnen, wo man sich "heimisch fühlt", und das kann genauso gut die Fremde oder etwas in der Fremde sein. Für mich persönlich hat Heimat allerdings insofern "in der Fremde" an Bedeutung gewonnen, als mir die Ambivalenz von "Heimat" erkennbar wurde. Während meines Studiums sozial- und kulturwissenschaftlicher Fächer hatte ich mich aus höchst unterschiedlicher Perspektive mit "Heimat" beschäftigt; im Endeffekt aber war mir "Heimat" damals vor allem als etwas emotional "Einlullendes", politisch Suspektes erschienen. In der "Fremde" aber (oder sollte ich richtiger sagen: in Japan?) lernte ich, "Heimat" im Sinne von "sich heimisch fühlen", "dazugehören" auch in positivem Licht zu sehen - allerdings ohne dass "Heimat" je etwas gewesen wäre, das ich in Deutschland zurückgelassen hätte.

F&L: Lässt sich Heimat auch geographisch festmachen oder sind es eher die Menschen oder die Sprache, die ein Gefühl von Heimat vermitteln?

Ulrike Nennstiel: Das ist wohl individuell recht verschieden. Ich denke, es können Orte sein, Menschen oder Sprache, aber auch Gerüche, Geräusche, Speisen oder etwas ganz anderes, die ein Gefühl von Heimat vermitteln. Sicherlich werden sich vergleichsweise wenige Menschen heimisch fühlen in einer Umgebung, deren Sprache sie nicht verstehen, oder allein unter Menschen, die sie nicht kennen. Andererseits gibt es keine allgemeingültigen Kriterien, die für alle oder auch nur für die meisten Menschen zutreffen würden. Die bereits genannten Faktoren scheinen mir da immerhin schon eine gewisse Relevanz zu besitzen. Was ich in der Fremde mehr als alles andere über Heimat erkannt habe, ist, dass es gewiss nicht nur eine Heimat für jeden Menschen geben kann.


Über die Wissenschaftlerinnen
Professor Dr. Ulrike Nennstiel lehrt Gender Studies und Soziologie an der Hokusei-Gakuen-University in Sapporo, Japan.
Dr. Eva-Jasmin Freyschmidt ist Dozentin für Virologie und Immunologie an der Harvard Medical School und Children's Hospital in Boston.


Aus Forschung und Lehre :: Februar 2011

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