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Heiße Ware

Von Martin Spiewak und Jan-Martin Wiarda

Die Bachelor-Reform sollte die Zahl der Studienabbrecher verringern. Eine Studie zeigt: Bisher gelingt dies nur in wenigen Fächern.

Heiße Ware: Bachelor-Reform soll Studienabbrecherquote verringern© PocketAces - stock.xchng
Universitätsstatistik ist ein nüchternes Handwerk, ihre Produkte entfachen selten Leidenschaft. Wenn die Herren der Tabellen und Kurven vom Hochschul- Informations-System (HIS) jedoch von ihren neuesten Zahlen berichten, dann schleicht sich so etwas wie ein konspirativer Ton in ihre Rede. So als ob sie diesmal "heiße Ware" im Angebot hätten. Alle zwei Jahre ermitteln die Statistiker aus Hannover im Auftrag von Bund und Ländern, wie viele Studenten an deutschen Hochschulen im Studium scheitern. Erstmals seit der Einführung der neuen Studiengänge präsentiert das HIS Ende dieser Woche die Abbruchquoten auch für den Bachelor, die große Hoffnung aller Hochschulreformer.

In ganz Europa sollen die Studienabschlüsse im sogenannten Bologna-Prozess bis 2010 einander angeglichen werden. Für die deutschen Hochschulen gilt die Umstellung der Lehrstruktur auf Bachelor und Master als eine der einschneidendsten Neuerungen seit den Reformen durch Wilhelm von Humboldt vor 200 Jahren. Kürzer und internationaler sollen die Jungakademiker in der gestuften Struktur lernen, mit klareren Leistungsanforderungen und größerer Nähe zur Berufspraxis. Vor allem aber sollen durch die kürzeren Studienprogramme - zum Bachelor geht es in sechs oder sieben Semestern - mehr Absolventen mit einem Titel die Hochschulen verlassen. Gerade in Deutschland mit seiner im internationalen Vergleich niedrigen Akademikerquote ist die Verringerung der Abbrecherzahlen ein wichtiges Ziel der Bologna-Umstellung.

Bachelor ohne Erfolg: Studienabbruchquote
Laut den HIS-Zahlen werden die hohen Versprechungen der Reformer erfüllt - und gleichzeitig bitter enttäuscht. So sinken die Abbruchquoten tatsächlich in Fächern, in denen früher besonders viele Studenten scheiterten. Im Sozialwesen kommen nur noch zehn Prozent der Anfänger nicht ans Ziel, 1999 waren es noch viermal so viele. Auch Geisteswissenschaftler schaffen es mittlerweile weit häufiger bis zum Examen. Beide Erfolgsmeldungen lassen sich auf die Einführung des Bachelors zurückführen.

"In den neuen Kursen nehmen wir die Studenten viel stärker an die Hand", sagt Reinhold Grimm vom Philosophischen Fakultätentag. "Da bleibt keine Zeit mehr für das permanente Grübeln, ob man etwas Sinnvolles lernt."

Doch leider proftieren nicht alle Fächer von der Reform. Schaut man sich das gesamte Spektrum der Disziplinen an, so fördert der Umbau der Lehrarchitektur womöglich sogar den Misserfolg (siehe Grafik rechts). Während die Gesamtabbruchquote bei den Universitäten auf 20 Prozent gesunken ist, liegt sie in den Bachelor-Studiengängen bei 23 Prozent. An den Fachhochschulen bleiben gar 39 Prozent der Bachelorstudenten auf der Strecke. Studenten, die das Fach oder die Universität wechseln oder zum alten Diplom zurückgehen, sind dabei nicht mitgerechnet.
"Das ist ein Schlag", sagt Andreas Geiger, Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), weiß er doch, dass die HIS-Daten Autorität beanspruchen können. Völlig überraschend kommt die Nachricht für Geiger jedoch nicht. Im eigenen Haus, der FH Magdeburg-Stendahl, kann er den Studentenverlust beobachten.

Von den 87 Erstsemestern, die vor drei Jahren begannen, Wasserbau zu studieren, sitzen nur noch 36 in der Vorlesung.

Das Fach gehört zu den Disziplinen, bei denen HIS den größten Schwund vermutet: den Ingenieur-
wissenschaften. "Eine zentrale Rolle bei den hohen Abbruchquoten der Fachhochschulen dürften der Maschinenbau und die Elektrotechnik spielen", sagt der Projektleiter, Ulrich Heublein. Die nüchterne Diagnose erweist sich als politisch hochbrisant. Denn wer freut sich über mehr erfolgreiche Germanisten oder Soziologen, wenn gleichzeitig die Ingenieure durchs Raster fallen? Deutsche Firmen investieren wieder massiv in die Forschung und die Entwicklung neuer Produkte. Gern würden viele Unternehmen mehr Techniker und Tüftler einstellen, nur sie finden keine. Schon jetzt bremse der Fachkräftemangel das Wachstum, warnt der Generalsekretär des Stifterverbandes, Andreas Schlüter. Er könnte sich in Zukunft weiter verschärfen.

Dabei sehen die Statistiker vom HIS in ihrer Erhebung keine Argumente gegen den Bologna- Prozess. "Die Ergebnisse taugen nicht dafür, den Bachelor zu verteufeln", sagt Heublein. "Eher muss man fragen, wie gut die verschiedenen Disziplinen die Reform umgesetzt haben." Gerade in den Ingenieurwissenschaften scheint dies nicht gelungen zu sein. Sie verfielen dem, was man in der Schule das G-8-Syndrom nennen kann. So wie die Gymnasien die Schulzeit um ein Jahr kappten, ohne das Curriculum zu entschlacken, übernahmen die Maschinenbauer und Elektrotechniker zwar den kürzeren Bachelor, versuchten die Stoffmenge aus dem langen Diplomstudium aber zu erhalten.

"Die schon vorher sehr anspruchsvollen Studienpläne scheinen durch die Reform noch dichter geworden zu sein", analysiert Heublein. HIS-Interviews mit Abbrechern bestätigen die Vermutung. So klagen gescheiterte Bachelor-Studenten sowohl über den mangelnden Bezug der Seminare und Vorlesungen zur Praxis als auch über die enor me Verdichtung des Lernstoffs. Studenten an Fachhochschulen trifft die erhöhte Arbeitsbelastung besonders hart. Sie stammen traditionell aus bildungsfernen Familien und müssen neben den Seminaren und Vorlesungen jobben. Der enge Studienplan, heißt es im HIS-Report, erschwere die Erwerbstätigkeit.

Mehr als einen ersten Hinweis auf die Probleme einiger neuer Studiengänge vermitteln die Zahlen aus Hannover freilich nicht. Viele Studiengänge haben mit der Umstellung erst vor wenigen Semestern begonnen, Mediziner oder Juristen noch gar nicht. Der Absolventenjahrgang 2006, den die HIS-Studie in den Blick nimmt, bestand nur zu sieben Prozent aus Studenten mit dem Bachelortitel. Diese erste Generation begann ihre Zeit an der Uni unter widrigen Umständen. Keine Hochschule hatte Erfahrung mit der neuen Studienform oder gar zusätzliche Mittel, um sie zum Erfolg zu führen. Der Bachelor erfordere eine bessere Betreuung und kleinere Lerngruppen, sagt die HRK-Präsidentin Margret Wintermantel. "Dazu brauchen wir mehr Dozenten. Aber bis heute gibt es kein Geld dafür."

Eine Reihe von Hochschulen kann die negativen Erfahrungen zudem nicht bestätigen. So beobachten die Fachhochschulen München und Aachen durch die Bacheloreinführung einen Rückgang der Abbrecherquote in den Ingenieurwissenschaften. "Ich kann mir die Zahlen nicht erklären", sagt die Münchner Präsidentin Marion Schick.

Dass die HIS-Studie eher die Kinderkrankheiten der Bachelorreform widerspiegelt als ihre Geburtsfehler, legt das Beispiel Bochum nahe. Die Ruhr-Universität gehörte zu den Bologna-Pionieren in Deutschland. Sie begann mit der Umstellung bereits vor rund zehn Jahren. "Die ersten drei Jahre waren schwierig, es gab viele Probleme im Detail", erinnert sich der Unirektor Elmar Weiler. Mittlerweile gehört der Bachelor zum Hochschulalltag, und die Statistik spricht eine andere Sprache. Weiler: "Unsere Absolventenzahlen steigen seit Jahren an. Zwischen 2001 und 2007 haben sie sich glatt verdoppelt."

Aus DIE ZEIT :: 14.02.2008

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