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Herausforderung "Ortswechsel"

Von Andra Schromm und Jenny List

Mobilität und Internationalität sind für "Emmys" selbstverständlich. Doch es gibt Phasen im Leben, in denen der Wechsel innerhalb Deutschlands schwieriger wird als der Wechsel ins Ausland. Ergebnisse eines Workshops des letzten Emmy-Noether-Jahrestreffens.

Herausforderung "Ortswechsel"© Sean Prior - Fotolia.comDie familiengerechte Hochschule ist en vogue
Die hohe Anzahl von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die neben der erfolgreichen Leitung ihrer Nachwuchsgruppe auch die Verantwortung für eine Familie mit Kindern übernommen haben, belegt eindrucksvoll, dass es auch im Hochschulsystem möglich ist, Wissenschaft und Familie zu vereinbaren. Die Leitung einer eigenen Nachwuchsgruppe, die Planung und Koordination von Forschungsprojekten und die Ausbildung von Studenten und Doktoranden werden von diesen Wissenschaftlern genauso gemanagt wie die Betreuung der eigenen Kinder, Organisation der Kinderbetreuung und häufig auch die Organisation der Familienzeit. Denn ein großer Anteil der Nachwuchswissenschaftler hat einen Partner, der ebenfalls in der Wissenschaft tätig ist. Hier müssen nicht nur Termine und Dienstreisen zu Kongressen und Treffen von Forschungsverbünden, sondern auch noch die gemeinsame Zeit der Familie an einem Ort minutiös abgesprochen und geplant werden. Die persönliche Mobilität steht und fällt jedoch mit den Betreuungsmöglichkeiten für Kinder zu Hause in Zeiten der Abwesenheit.

Von großem Vorteil ist hier die Möglichkeit der flexiblen Zeiteinteilung. Der durch die Öffnungszeiten von Kindertagesstätten und die Bedürfnisse der Kinder verkürzte Arbeitstag erfährt oft am "Feierabend" eine zweite oder dritte Arbeitsphase, wenn die Kinder im Bett sind. Die Einhaltung von "Deadlines", begrenzte Förderzeiträume und anstehende Begutachtungen stellen trotz aller Flexibilität vor dem Hintergrund dieser Doppelbelastung ein großes Problem für viele Wissenschaftlerinnen dar. Das Thema Mobilität spielt jedoch noch in einem anderen Sinne eine Rolle - nämlich beim Übergang von der Emmy-Noether-Förderung auf eine Professur.

Der hierzu in der Regel nötige Ortswechsel stellt ein ernsthaftes Hindernis dar. Denn hat ein(e) Emmy erfolgreich Familie und Beruf unter einen Hut gebracht, so ist dafür ein soziales Netzwerk unerlässlich - angefangen bei der paritätischen Verteilung der familiären Aufgaben zwischen beiden Partnern über professionelle Kinderbetreuung bis hin zu Freunden und Bekannten, die einspringen können. Deshalb haben etliche Emmys - im wissenschaftlich sinnvollen Rahmen - den Standort ihrer Gruppe an den Arbeitsort des Partners angepasst. Viele Emmys mit Familie nutzen auch die Möglichkeit, ihre Gruppe in Teilzeit zu leiten und/oder mit einem Zusatzantrag Personalmittel für ihre Entlastung einzuwerben. Einen Ruf auf eine Professur anzunehmen bedeutet dann, auf einmal als alleinerziehender Elternteil in einer anderen Stadt dazustehen, schlimmstenfalls ohne Kindergartenplatz. Zu den dringendsten Wünschen der Emmys, die neben dem obligatorischen Forschungsaufenthalt im Ausland häufig schon mehrere Ortswechsel vollzogen haben, gehören daher, die "Hausberufung" von ihrer Anrüchigkeit zu befreien und Dual-Career-Programme auszubauen. Gleichzeitig könnten Frischberufenen mit familiären Verpflichtungen mit zusätzlichen Personalmitteln entlastet werden.

Die familiengerechte Hochschule ist en vogue. Bundesweit wetteifern die Universitäten mit neuen Konzepten zur Förderung der Vereinbarkeit von Forschung und Familie. Trotzdem sind Dual-Career- Programme, Eltern-Kind-Zimmer, Lebensarbeitszeitkonten und familiengerechte Sitzungszeiten an vielen Universitäten immer noch Raritäten. Häufig ist ein Wechsel an Universitäten in Großbritannien, Frankreich oder die USA, an denen die Vereinbarkeit von Familie und Forschung selbstverständlich sind, fast noch einfacher zu bewerkstelligen, als von Hamburg nach München. In den letzten Jahren hat man die Probleme erkannt und viele Ideen entwickelt. Jetzt ist es an der Zeit, diese Ideen anzunehmen und umsetzen.


Über die Autorinnen
Andra Schromm ist Privatdozentin an der Universität Lübeck und leitet die Emmy Noether Nachwuchsgruppe Immunbiophysik am Forschungszentrum Borstel, Leibniz-Zentrum für Medizin und Biowissenschaften.

Dr. Jenny List ist Emmy Noether Stipendiatin am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg.


Aus die Forschung und Lehre :: Januar 2010

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