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Herr Mägli und die Ladys

VON KERSTIN BUND

Ein Schweizer Reeder beschäftigt in seiner Agentur fast nur Frauen - aus betriebswirtschaftlichen Gründen, wie er sagt.

Herr Mägli und die Ladys© René MägliRené Mägli, Geschäftsführer von MSC, hat alle Führungspositionen mit Frauen besetzt. Die Frauenquote in seinem Unternehmen liegt bei 96 Prozent
Dieser Mann will die Arbeitswelt revolutionieren? Mit Krawatte und Einstecktuch? Mit Siegelring und dünn gefasster Lesebrille, die ihm an einer Goldkette um den Hals hängt? Von seinem Erscheinen her steht dieser Mann eher für Vergangenheit als für Zukunft. Und doch ist er seiner Zeit in einer Sache weit voraus. In der Sache mit den Frauen.

René Mägli leitet die Schweizer Niederlassung von MSC, der zweitgrößten Frachtreederei der Welt. Er hat 126 Angestellte, 121 davon sind weiblich. Eine Frauenquote von 96 Prozent. Und das in einer Männerbranche wie der Schifffahrt. Die Frauen arbeiten als Controllerinnen, Vertriebskräfte oder IT-Spezialistinnen. Sie kommen aus der Schweiz und aus Deutschland, aus Frankreich und Italien, aus Kolumbien und Russland. »Jeder Chef, der keine Frau einstellt, verschwendet Ressourcen.« So sieht Herr Mägli die Sache mit den Frauen.

Mägli ist kein Ideologe, auch kein Frauenrechtler. »Ich bin Geschäftsmann«, sagt er. Und der Geschäftsmann Mägli ist zu der Überzeugung gelangt, dass Frauen besser sind für sein Geschäft. Das besteht darin, Kaffee, Baumwolle, Reis auf riesigen Frachtern über die Ozeane schiffen zu lassen. Mägli hat Kunden überall auf der Welt. Jedes Jahr wächst der Umsatz seiner Agentur um 15 bis 25 Prozent. 20 neue Mitarbeiter sind allein in diesem Jahr hinzugekommen. Mägli führt das auf seine »Ladies« zurück, wie er seine Angestellten nennt. »Die Frauen dienen der Sache, die Männer der Macht.« Frauen seien kommunikativer und kostenbewusster. Sie könnten besser Prioritäten setzen und arbeiteten gern im Team. »Außerdem verschwenden sie ihre Energie nicht mit Machtkämpfen«, sagt Mägli. Deshalb hat er auch alle Führungspositionen mit Frauen besetzt. Nur eine nicht: die Seine. »Ich habe die Agentur nun mal gegründet«, sagt er entschuldigend. Er könne ja auch nichts dafür, dass er ein Mann sei. Aber wenn alles laufe wie geplant, verrät der 62-Jährige, werde eine Frau seine Nachfolge antreten.

Der Reeder, der mit drei Schwestern aufwuchs, war nicht immer ein Frauenförderer. Als er 1981 die Agentur gründete, stellte er Männer wie Frauen ein. Irgendwann fiel ihm auf, dass Frauen ihren Job noch so gut machen konnten und dennoch nicht weiterkamen. Mägli suchte nach den Gründen und stellte fest, dass es die Männer waren, die ihre weiblichen Kollegen ausbremsten. »Nicht jeder Mann kann mit einer Frau im Berufsleben umgehen«, sagt Mägli und erzählt, wie ein männlicher Mitarbeiter alle Papiere, die er nicht verstand, einfach in einer Schublade verschwinden ließ. »Er war nicht imstande, eine Frau zu fragen«, sagt er. Schon gar keine kluge. Mägli entließ ihn, seit den neunziger Jahren hat er fast nur noch Frauen eingestellt. Natürlich zu Männergehältern, wie er betont, und die Gewerkschaft bestätigt das.

Mägli führt anders, weil Frauen anders geführt werden wollen. Mit weniger Hierarchie und mehr Freiheiten. Ein Drittel von Mäglis Angestellten arbeitet Teilzeit, manche teilen sich den Job zu zweit. Meetings fänden grundsätzlich vormittags statt, um 19 Uhr sei niemand mehr im Büro, sagt Mägli. Und wenn eine Frau nach der Babypause wieder einsteige, dürfe sie selbst entscheiden, wie viele Stunden sie arbeiten möchte. Fast alle kämen zurück, sagt Mägli. »Ich wäre doch blöd, wenn ich sie nicht halten würde, schließlich habe ich viel in sie investiert«, sagt er.

Vor einigen Jahren hat Mägli eine Umfrage gemacht. Die ergab, dass sich 43 Prozent der Frauen mehr männliche Kollegen wünschten. Aber je länger die Frauen bei MSC in Basel arbeiteten, desto weniger vermissten sie die Männer. Ein Praktikant fragte Mägli einmal irritiert, welche Toilette er denn eigentlich benutzen dürfe. Die Frauen bei MSC gehen inzwischen auch aufs Männer-WC.

Aus DIE ZEIT :: 29.11.2012

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